Krims Märchen

Mit viel Pathos holte Wladimir Putin vor einem Jahr die Halbinsel «zurück in den Heimathafen». Ein Besuch bei denen, die nie gejubelt haben.

Orthodoxe Weihnachten: Prorussische Krim-Bewohner feiern im Schwarzen Meer bei Jewpatorija und schwenken eine russische Flagge (7. Januar 2015). Foto: Alexander Polegenko (AP)

Orthodoxe Weihnachten: Prorussische Krim-Bewohner feiern im Schwarzen Meer bei Jewpatorija und schwenken eine russische Flagge (7. Januar 2015). Foto: Alexander Polegenko (AP)

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Diesmal haben sie nur Hunger. Fünf kräftige Männer sitzen um einen Tisch im Café Musafir und blättern in der Speisekarte. Sie haben blonde Bürstenschnitte, auf dem Fahrzeug, das sie draussen auf dem Parkplatz abgestellt haben, steht «Omon». Die Sondereinheit der russischen Polizei wird überall eingesetzt, wo es etwas härter zugeht: bei Demonstrationen, Anti-Terror-Operationen, Razzien. «Sind Sie wirklich nur zum Essen gekommen?», fragt die Wirtin. «Ja, ja. Machen Sie sich keine Sorgen», beteuern die Männer. «Ich frage nur», sagt die Wirtin, «weil wir heute schon eine Überprüfung hatten. Ihre Kollegen sind erst vor zehn Minuten gegangen.»

Die Polizisten bestellen Suppe und Hackfleischspiesse. Draussen ruft der Muezzin. Die Sonne scheint. Über der Terrasse weht die Fahne der Krimtataren, hellblau mit gelbem Dreizack. Nicht mehr lange, dann wird man hier im Freien sitzen können, ins Tal schauen, über die Häuser von Bachtschissarai, der grössten Siedlung von Tataren auf der Krim, und auf den Palast des Khans auf der anderen Strassenseite. Mehr als 300 Jahre war er das Zentrum des Krim-Khanats, bis es 1792 von Katharina II. beendet wurde. Noch im letzten Jahr zog er viele Touristen an.

Doch ob die Urlauber im Sommer wiederkommen, ist ungewiss. Der Tourismus ist nach der Annexion der Krim um mehr als ein Drittel eingebrochen. Es fehlen die Ukrainer, die früher zwei Drittel der Besucher ausmachten. Erst recht ist ungewiss, ob sie auf der Terrasse des Musafir sitzen werden, denn die russischen Behörden haben die Tataren im Visier. «Wir werden wohl bald schliessen müssen», sagt Safie Seytwelijewa, die Wirtin. Die zierliche Frau mit dem langen, dunklen Haar hat das Musafir von ihren Schwiegereltern übernommen. Jetzt sagen die Behörden, hier dürfe kein Restaurant betrieben werden. An der Strasse, die zum Palast führt, ist alle paar Meter ein Restaurant.

Die Wirtin ist zu allen Gästen freundlich, auch zu denen, die ihr Schwierigkeiten machen – wie die hungrigen Polizisten. Aber wenn die Tataren unter sich sind, haben sie einen anderen Namen für alle, die den russischen Staat repräsentieren: Okkupanten.

Die Annexion war geplant

Am 18. März wird es ein Jahr sein, dass die Krim unter russischer Herrschaft steht. Im prunkvollen Sankt-Georgs-Saal des Kreml hatte damals Wladimir Putin erklärt, die Krim sei immer russisch gewesen, russisches Blut habe diese Erde getränkt, russische Soldaten seien hier begraben. Jetzt kehre die Krim «zurück in den Heimathafen».

Ein Jahr später spricht Putin selbst aus, was er stets abgestritten hatte: Die Annexion war eine Geheimdienstoperation. Die Nacht vor der Abschlussfeier zu den Olympischen Spielen in Sotschi hat Putin nicht mit Sportlern oder Staatsgästen verbracht. Als er am 23. Februar zum Ende der Spiele von der Tribüne winkte, wusste er längst, was als Nächstes auf dem Programm steht. In der Dokumen­tation «Die Krim: Der Weg in die Heimat», von der jetzt das staatliche Fernsehen erste Ausschnitte zeigte, erzählt Putin, wie er in der Nacht auf den 23. Februar die Chefs der Geheimdienste und des Militärs versammelte: «Wir beendeten die Sitzung etwa um sieben Uhr morgens. Als wir uns trennten, sagte ich zu meinen vier Kollegen: ‹Wir sind gezwungen, die Arbeit an der Rückkehr der Krim in den Bestand Russlands zu beginnen.›»

Dass Putin diesmal die ganze Wahrheit sagt, ist zu bezweifeln. Vieles deutet darauf hin, dass die Operation schon vor dem Sturz des ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch geplant worden ist. Die Medaillen, mit denen die Beteiligten ausgezeichnet wurden, datieren den Beginn auf den 20. Februar.

Für die Bewohner der Krim macht das heute keinen Unterschied mehr. Vor allem die Tataren leiden unter der russischen Herrschaft. An diesem Vormittag waren deren Vertreter wieder mal ohne Anmeldung im Café Musafir erschienen: eine Staatsanwältin in stahlblauer Uniform, ein Mann im schlammgrünen Anzug des Katastrophenschutzes, eine Frau vom Gesundheitsamt, eine Frau von der Gewerbeaufsicht und ein Mann in Zivil, der sich nicht vorgestellt hat. Sie haben alle Feuerlöscher überprüft, wollten die Küche sehen und die Geschäftsbücher. Nach einer Stunde waren sie wieder weg. «Diesmal hatten sie Probleme mit den Bäumen», sagt Seytwelijewa. Da stünden zu viele zu nah am Haus, das verstosse gegen die Brandschutzregeln.

Tägliche Schikanen

Zum ersten Mal kamen sie wenige Tage nach der Annexion. Männer mit Sturmhauben und Maschinenpistolen durchsuchten das Café, gleichzeitig fand bei Seytwelijewas Familie zu Hause eine Razzia statt. Seitdem wird die Akte jeden Monat dicker. Es sind die bewährten Methoden, mit denen der russische Staat Unternehmer und Kritiker unter Druck setzt. Viele Tataren in Bachtschissarai sind beides. Etwas oberhalb des Cafés liegt das Haus der Seytwelijewas: Weiss gekalkte Wände, runde Türbögen, über dem Eingang hängt ein blaues Nazar-Amulett. In einem Anbau haben sie ein Hotel betrieben, das steht leer. Seit acht Monaten kämpfen sie darum, dass sie es behalten dürfen. Vor zwei Tagen haben sie das Dokument bekommen, dass das Land hier ihnen gehört. Aber der Hotelbetrieb ist immer noch nicht zugelassen.

Die Kinder schlafen schon, als Safie Seytwelijewas Mann nach Hause kommt und die Familie sich zum Abendessen versammelt, Grossmutter Dilyara, Grossvater Risa, Ehemann Rustem. Es gibt Plow, Reis mit Fleisch, dazu eingelegtes Gemüse.

Der Ehemann, jung, zupackend, mit Kapuzenjacke, erzählt: Als er heute zur Arbeit nach Simferopol gefahren ist, hat er die Nachbarin ein Stück mitgenommen. Sie arbeitet in der Steuerbehörde. 10'000 Rubel verdiene sie im Monat, umgerechnet etwa 150 Euro. Sie sei ganz niedergeschlagen gewesen: In der Steuerbehörde wurde ihnen das Programm auf die Computer aufgespielt, mit dem die russischen Behörden arbeiten. Das müsse noch über Befehle bedient werden, so wie in den Anfangszeiten der Computer, weit vor der Einführung von Windows. Zwei Kollegen hätten gleich gekündigt. «Wahrscheinlich sind wir die Einzigen, denen sie davon erzählen kann», sagt der Ehemann. Denn alle wüssten, dass die meisten Tataren die neue Obrigkeit von Anfang an abgelehnt haben. Er habe die Nachbarin getröstet: «Keine Sorge, es wird schon alles werden.» Wenn bislang überhaupt jemand vom Anschluss an Russland profitiert hat, dann sind es die Rentner und Beamten. Ihre Pensionen und Gehälter wurden Schritt für Schritt auf russisches Niveau angehoben. Doch bei der anhaltenden Inflation brachte selbst dies nicht viel. Ein Kilo gutes Rindfleisch kostete vor einem Jahr 50 Rubel, etwa 1 Euro. Jetzt kostet es 130 Rubel, nach heutigem Kurs etwa 2 Euro.

Der Jubel ist vergangen

So ist selbst denen, die den Anschluss an Russland euphorisch gefeiert haben, der Jubel vergangen. Die Grossmutter Dilyara Seytwelijewa erzählt beim Abendessen, dass sie vor einem Jahr auf der Terrasse ihres Wohnhauses stand und auf die Stadt hinabgeblickt habe. Es sei ein Meer aus rot-blau-weissen Fahnen gewesen. Heute weht nur noch eine einzige Fahne am Verwaltungszentrum. Doch auch die, die jetzt ernüchtert sind, mögen nicht sagen, dass der Anschluss ein Fehler gewesen sei. Sie sagen, dass die Umstellung eben Zeit brauche.

Tatsache ist: Alles auf der Krim ist viel teurer geworden, die Mobilfunkverbindungen sind miserabel, seit der ukrainische Betreiber hinausgedrängt wurde. In den Geschäften gibt es kaum noch Auswahl, der Import vom ukrainischen Festland ist aufwendig und teuer, der aus Russland auch. Visa oder Mastercard funktionieren wegen der Sanktionen auf der Krim nicht mehr. Vor allem aber verbringen alle Krim-Bewohner Stunden und Tage in Warteschlangen. Die neuen russischen Pässe gab es schnell. Doch nun müssen Autos neu zugelassen, Immobilien neu registriert, Unternehmen neu angemeldet werden. Es gibt neue Steuern, neue Abgaben, neue Vorschriften für den Warenverkehr, für die Metzger, für die Marktfrauen, für die Buchhalter, für die Händler, für die Wirte. Alles werde zehn Jahre zurückgedreht, klagen sogar prorussisch eingestellte Krim-Bewohner. Modernisierungen, die in den jahrelangen Vorbereitungen auf die Assoziation mit der EU erreicht wurden, würden wieder rückgängig gemacht.

Repressionen oder kleine Schwierigkeiten?

Was für die einen einfach Unannehmlichkeiten im Zuge der Umstellung auf ein anderes System sind, sind für andere gezielte Repressionen. Dass im Durcheinander das eine schwer vom anderen zu unterscheiden ist, macht es dem Staat noch leichter, unbotmässige Gruppen zu schikanieren. Wenn nicht klar ist, welches Gesetz gilt, kann man jeden verfolgen. Und jedem, der sich verfolgt fühlt, kann man erklären, das liege an der Übergangszeit.

Zum Essen hat die Grossmutter den Fernseher leise gestellt. Es läuft der 5. Kanal, der dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko gehört. Auf der Krim ist er jetzt nur noch über Satellit zu empfangen. Immer wieder geht der Alarm auf ihrem Handy, dann laufen irgendwo Nachrichten oder eine Talksendung, die sie unbedingt sehen will, und sie schaltet um und stellt lauter. Wenn etwas ausser der Reihe passiert, rufen Freundinnen an: «Hast du Mustafa gesehen? Schalt ein, schnell!»

Mustafa Dschemiljew, sowjetischer Dissident und bis Ende 2013 Anführer der Krimtataren, ist der ältere Bruder der Grossmutter. Seit April vergangenen Jahres lebt der 71-Jährige in Kiew, Russland lässt ihn nicht mehr auf die Krim reisen. Das Gleiche gilt für Refat Dschubarow, seinen Nachfolger im Vorsitz des Medschlis, des Rats der Krimtataren. Das Gebäude des Medschlis wurde im September beschlagnahmt, das Vermögen der Stiftung eingefroren. Der tatarische Kanal ATM, der letzte Fernsehsender auf der Halbinsel, der nicht vom russischen Staat gesteuert wird, bekommt oft Besuch von der Polizei. Im Januar hat sie den Computerserver beschlagnahmt und das analoge Sendesignal abgeschaltet.

Ein feines Gespür für Gefahr

Grossmutter Dilyara Seytwelijewa war neulich Gast in der Talksendung «Grawitazija». Es ging darum, ob der Medschlis neu gewählt werden soll, da sein Vorsitzender nicht mehr ins Land gelassen wird. «Sie versuchen jetzt, ihre Leute bei uns zu installieren», sagte Dilyara Seytwelijewa in der Sendung, Tataren, die loyal zu Moskau seien. «Aber die Amtszeit des Medschlis geht noch drei Jahre, so lange sollten die Vertreter im Amt bleiben!» Das Wort der Frau hat Gewicht unter den Krimtataren, nach ihrem Auftritt lehnte eine grosse Mehrheit der Zuschauer eine Neuwahl ab.

Zwei Dinge hat die Geschichte die Krimtataren gelehrt: ein feines Gespür für Gefahr und dass sie für ihre Rechte kämpfen müssen, wenn sie nicht untergehen wollen. Der Staat wird ihnen nicht helfen. Als Russland kurz nach der Annexion die Befreiung der Halbinsel von der deutschen Wehrmacht vor 70 Jahren feierte, begingen die Tataren noch einen anderen Gedenktag: Gleich nach der Befreiung im Mai 1944 liess Stalin ihre Grossväter und Grossmütter als Kolla­borateure deportieren. Dilyara Seytwelijewa kam vor 63 Jahren in Usbekistan zur Welt. Mit ihrem Mann zog sie 1975 in die Heimat der Vorfahren, vier Jahre später wurden sie wieder vertrieben. Nach Beginn von Gorbatschows Pe­res­troika kehrten sie erneut zurück.

In der russischen Lesart ist die Geschichte der Krim eine Geschichte militärischer Siege. In der der Krimtataren eine von Vertreibung und vom langen Ringen um ein Recht auf Heimat. Heute ist jeder vierte der 2,5 Millionen Krim-Bewohner Tatare – und damit von vornherein verdächtig, nicht loyal zu Moskau zu stehen. «Wir haben auch von der Ukraine nichts geschenkt bekommen», sagt Dilyara Seytwelijewa. Die Tataren haben Gleise besetzt und Strassen blockiert, um eigene Schulen eröffnen zu dürfen mit Unterricht in tatarischer Sprache. Und es hat Jahre gedauert, bis der Medschlis als Interessenvertretung anerkannt wurde und tatarische Abgeordnete ins Parlament kamen. Aber jetzt ist es anders, jetzt haben die Menschen Angst.

Der Vorsitzende des regionalen Medschlis von Bachtschissarai sitzt in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, er habe zu Unruhen aufgerufen. Vor einem Jahr hatten sich am 26. Februar Zehntausende Tataren vor dem Parlament in Simferopol versammelt, um einen Staatsstreich zu verhindern. Es gab Rangeleien mit der Polizei. Doch dann rief der Tataren-Anführer Refat Dschubarow die Leute auf, nach Hause zu gehen, die prorussischen Vertreter hätten ihm eine Garantie gegeben.

In der Nacht nahmen russische Spe­zialeinheiten das Gebäude unter ihre Kontrolle. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit und ohne das erforderliche Quorum wählten die anwesenden Abgeordneten Sergei Aksjonow zum neuen Chef der Krim-Regierung und beschlossen ein Referendum zum Anschluss an Russland. «Viele können sich heute nicht verzeihen, dass sie damals den Platz geräumt haben», sagt die Grossmutter.

Charmeoffensive des Kreml

Zuerst hat Russland sich noch bemüht, die Tataren auf seine Seite zu ziehen. Putin unterschrieb ein Gesetz zur Rehabilitierung der verfolgten Tataren. «Aber niemand kann mir sagen, was daraus folgt», sagt Dilyara Seytwelijewa. «Sie haben uns versprochen, dass es drei Amtssprachen geben wird – Russisch, Ukrainisch und Krimtatarisch. Aber gleichzeitig haben sie das einzige ukrainische Gymnasium auf der Krim geschlossen. Das muss man sich mal vorstellen: Sie warnen vor der Unterdrückung der russischen Sprache, aber von 600 Schulen auf der Krim waren eine ukrainisch und 15 tatarisch!» Zur Charmeoffensive des Kreml gehörten auch die Besuche der muslimischen Brüder aus Russland. Die russische Republik Tatarstan übernahm die Patenschaft für Bachtschissarai. «Zwei- oder dreimal ist sogar der Präsident von Tatarstan gekommen, um uns zu überzeugen», erzählt Grossmutter Seytwelijewa. Die Tataren von der Wolga und von der Krim sind unterschiedliche Völker, sie sprechen unterschiedliche Sprachen, wenn auch beide Turksprachen sind. Doch die Besuche hatten einen anderen Effekt, als vom Kreml erwünscht: Die Gäste aus Tatarstan entwickelten Sympathien für die Krimtataren. Die Minister von dort hätten ihnen dann im Vertrauen gesagt: «Was man euch auch versprechen wird, das werden sie nie einhalten.» In letzter Zeit sind die Besuche weniger geworden.

Zäh wie Pech sickert der neue Staat in den Alltag. Was im ukrainischen System geschmiert lief, verklebt. Und manches muss neu geschmiert werden, nach Regeln, die noch nicht klar sind. In der Ukraine hatten die Menschen gelernt, nichts vom Staat zu erwarten und sich selbst durchzuwursteln. Jetzt kommt der starke russische Staat. Aber statt Strassen zu bauen und Schulen zu renovieren, erstickt seine Bürokratie erst mal alle Eigeninitiative.

Der Umweg der Steckdosen

Der Ehemann von Safie Seytwelijewa erlebt das jeden Tag. Er hat in der Türkei Wirtschaft studiert und ein paar Jahre dort gearbeitet. Dann ist er zurückgekommen auf die Krim, hat eine Familie gegründet und einen Elektrohandel aufgemacht. Bisher hat er seine Waren von Herstellern auf dem ukrainischen Festland bezogen. Aber die Grenzkontrollen machen den Handel fast unmöglich. Zum Beispiel Steckdosen. Die kommen aus einer Fabrik in Odessa. Auf dem Seeweg ist das direkte Nachbarschaft, aber es gibt keinen Fährverkehr. Auf dem Landweg wären es weniger als 500 Kilometer bis Simferopol. «Aber dort kostet uns die Abfertigung 200 Dollar pro Kubikmeter.» Oft stünden die Laster tagelang. «Ein ganzer Laster fasst Steckdosen für 20'000 Dollar. Die Abfertigung würde noch einmal so viel kosten!»

Die Steckdosen nehmen jetzt den Umweg um das Kriegsgebiet im Donbass herum, überqueren die russische Grenze bei Charkiw, werden über Ros­tow am Don nach Krasnodar gefahren und dann mit der Fähre auf die Halbinsel. Wenn sie in Simferopol ankommen, waren sie 2200 Kilometer unterwegs, mehr als viermal so weit wie früher. Und sie sind ein Drittel teurer. «So steigen die Preise auf der Krim.»

Safie Seytwelijewa hat nach dem Abendessen Kaffee gekocht, türkischen Mokka. Dazu gibt es Datteln, Rosinen und Baklava aus Blätterteig mit Honig. Manchmal, so sagt die Grossmutter beim Nachtisch, wundere sie sich, wie leichtgläubig die Menschen seien, wie leicht es für das russische Fernsehen sei, ihnen Geschichten zu erzählen. Im Internet könnte man doch überprüfen, was davon stimmt und was nicht. Aber das mache offenbar keiner. Deshalb habe sie auch unterschätzt, welche Wirkung es auf die Menschen hatte, als im Winter 2014 Horrormärchen verbreitet wurden über die angeblichen Faschisten, die sich aufmachten, bald in der Krim einzufallen.

Nach der Annexion habe jedenfalls auch ihr Nachbar, ein Ukrainer, eine russische Fahne aufgezogen. Jetzt sagt er: «Ich erwarte nichts Gutes mehr.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2015, 23:20 Uhr

Dilyara Seytwelijewa.

Safie Seytwelijewa.

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