Kündigt sich Murdoch an, zieht die Regierung Cameron den Kopf ein

Der Medienmogul will in London den TV-Sender BSkyB kaufen. Wäre da nur nicht der Telefonskandal.

Rupert Murdoch trifft die politische Elite wo er will: Diese Woche wollte er in London und nicht am WEF.

Rupert Murdoch trifft die politische Elite wo er will: Diese Woche wollte er in London und nicht am WEF. Bild: Keystone

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Rupert Murdoch ist in London eingeflogen. Und noch immer versetzt der Grossverleger, der in den Achtzigerjahren mit Fleet Streets alter Zeitungstradition «aufräumte», die politische Elite des Vereinigten Königreichs in Panik, sobald er britischen Boden betritt. Nicht nur Verlagsdirektoren und Journalisten, sondern auch Politiker aller Parteien ziehen den Kopf ein.

Premier auf Premier hat sich mit dem Medientycoon gutzustellen versucht, um nicht von dessen Zeitungen («Times», «Sun», «Sunday Times», «News of the World») zerfleddert zu werden. Die Tür zu Downing Street 10 steht dem gefürchteten Gast aus seiner Wahlheimat USA jederzeit offen. Kündigt Murdoch sich an, müssen andere Besucher und Staatsgeschäfte warten. Der Herr über Druckerpressen und Ätherwellen geniesst in London bis heute Vorzugsbehandlung. Das weiss Murdoch, der diese Woche wieder einmal – in grimmiger Stimmung – über den Atlantik setzte.

Murdoch will nicht warten

Angerückt war der 79-Jährige, um sicherzustellen, dass ihm von Tory-Premier David Cameron bei der Übernahme des Satellitensenders BSkyB keine Hindernisse in den Weg gelegt werden. Murdoch, der bereits 39 Prozent von Sky besitzt, will sich nämlich den Rest des Unternehmens einverleiben. Die meisten seiner Presse- und Fernsehrivalen auf der Insel fürchten von einer solchen Übernahme eine Vormachtstellung des Murdoch-Empires im Medienbereich, die – so glauben sie – ans Mark der britischen Demokratie ginge.

Zurzeit liegt Camerons Kultusminister Jeremy Hunt ein Bericht der Medienaufsichtsbehörde Ofcom vor, der einiges an der Übernahme auszusetzen hat und der nun an den Wettbewerbsausschuss weitergeleitet werden müsste. Ginge die Sache an diesen Ausschuss, müsste Murdoch allerdings mindestens sechs Monate auf ein Ergebnis warten, und der Ausgang einer solchen Prüfung wäre ungewiss. Also sucht Hunt bereits seit Wochen zusammen mit Murdoch-Sohn James, Ruperts Statthalter in Europa, nach Lösungen, mit deren Hilfe der Ausschuss zu umgehen wäre.

Für denkbar wird zum Beispiel gehalten, dass Murdochs News Corporation bei einer Übernahme die Unabhängigkeit speziell des Nachrichtensenders Sky News garantieren würde. In einem solchen Fall, glaubt Hunt, wären die Ofcom-Bedenken gegenstandslos. Dann könnte der Deal schon im Februar genehmigt werden.

Prinz Williams Handynummer

Indes ringt Murdoch nicht nur mit der Regierung um seinen Deal, sondern mit der gesamten britischen Öffentlichkeit. Und vor der steht sein Verlagshaus zurzeit nicht sonderlich gut da. Ein Skandal, dessen Ausmass erst langsam sichtbar wird, droht ihm ausgerechnet an diesem sensitiven Punkt der Verhandlungen in die Quere zu kommen: Reporter seines Sonntagsblatts «News of the World» sollen sich nämlich illegal in die Mobiltelefone Tausender prominenter Briten «eingeklinkt» haben, um in deren Mailboxen nach nützlichen Stoffen für die eigenen Seiten zu fahnden.

Von Fussballstars, bekannten Schauspielerinnen bis hin zu Prinz William und Ex-Premier Gordon Brown reicht die Liste der angeblich Belauschten. Bisher ist ein einzelner Reporter verurteilt worden. An eine kleine Zahl von «Lauschopfern» sind vom Verlag «vertrauliche» Schadenersatzzahlungen geleistet worden. Der frühere Nachrichtenchef der «News of the World» wurde diese Woche entlassen, nachdem Murdochs hauseigene Detektive in seiner Mailbox Hinweise auf Mitwisserschaft fanden. Derweil rollt eine Prozesswelle gegen die Zeitung an. Und die verspricht, mehr Murdoch-Leute der Teilnahme am finsteren Komplott zu überführen.

Inzwischen sieht sich Murdoch in London mit einer ganzen Reihe unangenehmer Fragen konfrontiert. Wusste zum Beispiel sein Sohn James von diesen Vorgängen, als er seine Unterschrift unter eine Schadensersatzzahlung des Konzerns setzte? Führte Andy Coulson, der vorige Woche zurückgetretene Regierungssprecher und enge Vertraute David Camerons, vormals als Chefredaktor von «News of the World» ein Murdoch-Blatt, das sich nicht um Gesetze scherte? Und wenn es einen solchen Verstoss gegen geltendes Recht gab: Welche enormen finanziellen Forderungen rollen dann in den nächsten Monaten auf News Corporation, auf Murdochs Unternehmen, zu? Von über einer Milliarde Pfund Schadensersatz-Forderungen ist schon die Rede – selbst für Murdoch keine Kleinigkeit.

Auch für Cameron unangenehm

Er selbst, hat Murdoch grimmig gedroht, werde erbarmungslos und unverzüglich gegen die Missetäter vorgehen. Dem Verleger kommt der Skandal um «News of the World» höchst ungelegen. Ebenso unangenehm ist die Sache für David Cameron. Dem Premier wird von der oppositionellen Labour Party vorgeworfen, Murdoch zum Dank für dessen Unterstützung den Weg zu weiterer Medienmacht ebnen zu wollen – und seinem Minister Hunt längst grünes Licht für die BSkyB-Übernahme gegeben zu haben.

Unter anderem wird Cameron von der Opposition dafür kritisiert, dass er sich zu Weihnachten, mitten im Prozess der Urteilsfindung seiner Regierung über BSkyB, zu einem «privaten» Essen mit Murdoch junior hatte einladen lassen. Derweil will Murdoch senior in den nächsten Tagen persönlich die Verhandlungen seines Konzerns mit Minister Hunt beaufsichtigen und nebenher den eigenen Stall radikal weiter «ausmisten». Einen ursprünglich geplanten Auftritt am WEF in Davos hat der Medienmogul abgesagt. Für luftige Exkurse in den Alpen ist keine Zeit. Erst muss in London Ordnung geschaffen werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.01.2011, 21:59 Uhr

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