Kult und Kommerz mit dem Duce

Italiens Parlament debattiert das Verbot faschistischer Symbole und Gesten. Nun bangen Souvenirhändler und ein Weinproduzent.

Der «Duce» beschäftigt die Italiener noch immer: Benito Mussolini bei einer Rede in der neu gegründeten Stadt Aprilia Ende April 1936. Foto: AP, Keystone

Der «Duce» beschäftigt die Italiener noch immer: Benito Mussolini bei einer Rede in der neu gegründeten Stadt Aprilia Ende April 1936. Foto: AP, Keystone

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In Italien kann es einem ständig passieren, dass man dem «Duce» begegnet, dem Faschistenführer Benito Mussolini. Nicht leibhaftig natürlich, aber doch recht lebendig. Man braucht dafür nicht in ein Museum zu gehen. Sein rundes Gesicht mit dem mächtigen, kantigen Kinn schaut grimmig von Kalendern, die an jedem Zeitungsstand hängen, nicht selten neben solchen mit Bildern des Papstes. Manche Supermärkte und Raststätten an der Adria führen in ihren Regalen Weine mit Etiketten, auf denen Mussolini abgebildet ist. Oder Hitler. Oder Stalin.

Das mag die Touristen aus dem Ausland verwundern, die Italiener aber wundern sich nicht mehr. Der Produzent dieser «nostalgischen Weine» verkauft seine trüben Tropfen vor allem online – und das mit viel Erfolg, wie er gern versichert. In Predappio, der Geburtsstadt des Duce, gibt es gleich mehrere Souvenirläden, die alles bieten, was die Wallfahrer begehren: Büsten, Bildchen und Anhänger, schwarze Hemden und T-Shirts mit deftigen Sprüchen, Fahnen mit Kreuzen aus einer anderen Zeit, Fläschchen mit Rizinusöl, das damals, während der zwanzigjährigen Herrschaft der Faschisten, den Regimegegnern zur Folter in hoher Dosis verabreicht wurde.

Hooligans betroffen

Sie würden eigentlich schon lange verboten gehören, diese Geschäfte. Italiens Abgeordnetenkammer hat nun in erster Lesung ein Gesetz verabschiedet, das zum ersten Mal mit klarer Sprache faschistische Symbole und Gesten strafrechtlich verbietet. Kommt Artikel 293 bis bald auch durch den Senat, dann müssen Leute mit Haftstrafen von sechs Monaten bis zwei Jahren rechnen, die in der Öffentlichkeit faschistisch grüssen, wie das bei politischen Kundgebungen und in den Kurven der Fussballstadien dann und wann vorkommt, und solche, die Devotionalien mit einschlägigen Motiven produzieren, vermarkten oder verkaufen. Für den Fall, dass sie ihre faschistische Propaganda auch in den Medien oder im Netz verbreiten, könnte der Richter den Freiheitsentzug noch um ein Drittel erhöhen. Das Gesetz trägt den Namen von Emanuele Fiano, einem Abgeordneten des sozialdemokratischen Partito Democratico. Fianos Vater hatte als einziges Mitglied der Familie das KZ Auschwitz überlebt.

Es ist jedoch nicht sicher, ob die «Legge Fiano» den Senat passieren wird: Es liegen dort nämlich gerade 63 Gesetze, über die noch vor dem Ende der laufenden Legislaturperiode beschieden werden soll – vor kommendem Januar also. Knapp könnte es aber auch werden, weil die Stimmen in der kleineren Kammer, wo die Linke nur auf eine sehr schmale Mehrheit zählen kann, vielleicht am Ende gar nicht ausreichen werden. Im Abgeordnetenhaus hatten nicht nur die Postfaschisten von Fratelli d’Italia dagegen gestimmt, von denen man nichts anderes erwartet hatte: In ihrem Parteilogo züngelt eine trikolore Flamme auf einem symbolischen Sarg – Mussolinis Sarg.

Dagegen waren auch die bürgerliche Forza Italia, die fremdenfeindliche Lega Nord und selbst die Protestbewegung Cinque Stelle. Argumentiert wurde unterschiedlich, im «Nein» waren sich die Gegner aber einig. Manche finden, die «Legge Fiano» sei unnötig, weil sie sich inhaltlich überlappe mit älteren Gesetzen. Andere sehen im neuen Gesetz eine Einschränkung der freien Meinungsäusserung.

Die Meinung der Duce-Enkelin

Alessandra Mussolini, die Enkelin des Duce, Mitglied von Silvio Berlusconis Forza Italia, mochte sich nicht lange aufhalten mit der Wahl passender Worte: Sie nannte das Gesetz «einen Haufen Scheisse». Für einen denkwürdigen Moment sorgte auch der Auftritt von Ignazio La Russa von den Fratelli d’Italia, der kurz vor der Abstimmung dran war. Es sei doch unerhört, sagte der frühere Verteidigungsminister, dass «dieses politische Regime» (gemeint war die sozialdemokratische Regierung Italiens) nicht nur das Denken verbieten wolle, sondern auch das Gestikulieren. Und so stand La Russa mitten in der Parlamentsaula und simulierte den «Saluto romano», den faschistischen Gruss mit ausgestrecktem, rechtem Arm – zur Veranschaulichung dessen, was wirklich keiner Veranschaulichung bedurft hätte. Man werde wohl bald auch das Kinn nicht mehr anheben dürfen, weil das an «dieses Monster eines Benito Mussolini» erinnern könnte, rief er zum Schluss, und seine Stimme zitterte dabei dramatisch vor historischer Ergriffenheit: «Schämt Euch!»

Mit Denkmälern aus der Zeit des Faschismus befasst sich das neue Gesetz nicht, obschon das eine oder andere davon es durchaus verdient hätte, dass es geschliffen würde. Vor dem Olympiastadion in Rom zum Beispiel steht bis heute ein Obelisk mit der Inschrift: «MVSSOLINI DVX» – so, in Versalschrift und mit dem lateinischen V für ein U. Da verklärte sich der Duce im Stil der Kaiser im antiken Rom. Mit einer Steinfräse liesse sich die Inschrift leicht entfernen. Ohne Drama und Tremolo der Nostalgiker ginge das aber wohl kaum vonstatten. Gut möglich, dass sich Mussolinis Enkelin an den Obelisken ketten würde, um der Fräse zu wehren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.09.2017, 23:26 Uhr

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