Le Pens leiser Triumph

Die starken Resultate des Front National bei den französischen Gemeindewahlen sind ein Vorgeschmack auf die Europawahlen im Mai – und eine Hypothek für die Parteichefin für 2017.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

6,84 Prozent! Nur 6,84 Prozent? Auf den ersten Blick erscheint der nationale Stimmenfang des rechtsextremen Front National bei den französischen Kommunalwahlen wie eine Widerlegung allen Alarmismus und aller Hysterie, wie sie die Medien verbreitet hatten. Doch dieser erste Blick trügt beträchtlich.

Marine Le Pens Partei nahm nämlich lediglich in 597 mittleren und grösseren Gemeinden an der Wahl teil. Insgesamt zählt Frankreich aber 36'600 Gemeinden, die ganz kleinen eingerechnet. Weniger als ein Drittel aller Wähler hatte also die Möglichkeit, einen Kandidaten des FN zu wählen. Die Partei konzentrierte sich auf jene Regionen im Land, in denen ihre Aussichten auf ein gutes Abschneiden aus Erfahrung gut waren: im schönen, traditionell erzkonservativen Süden und im garstigen, zunehmend desindustrialisierten Norden Frankreichs. In diesen Regionen gewann sie denn auch ihr Dutzend Mairies und ihre 1500 Gemeinderäte – so viele wie nie zuvor in der 42-jährigen Geschichte der Partei. In manchen Kleinstädten lag der Zuspruch des FN zwei-, dreimal höher als jener Marine Le Pens bei der Präsidentschaftswahl 2012. Der Prozentsatz von 6,84 ergibt sich, wenn man die Resultate der 597 Listen in der Gesamtbuchhaltung aller 36'600 Wahlgemeinden auflöst und sozusagen verwässert.

FN-Wähler verstecken sich nicht mehr

Bemerkenswert ist dieses Resultat aus mindestens vier Gründen: Erstens hatte der lange Zeit zentralistisch organisierte FN vor dieser Wahl kaum lokale Strukturen und Kader; zweitens wird er vom Majorzwahlrecht mit zwei Runden benachteiligt, weil er als bisheriger Paria der französischen Politszene kaum Allianzpartner für die Stichwahl hat; drittens zog sich da und dort ein linker Kandidat vor der Ballotage aus dem Rennen, um den Frontisten zu verhindern; viertens leidet die extreme Rechte – stärker noch als die bürgerliche Rechte – unter der demografischen Veränderung in den Grossstädten: Der Anteil der kreativen, progressiven, weltoffen-urban-hedonistischen Bevölkerung hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Ausser in Marseille, einer komplexen Stadt am Tropf des Staates. Und Marseille bleibt konservativ. Mehr noch: Erstmals konnte der Front National die Mairie des siebten Sektors gewinnen, den zusammengefassten Arrondissements XIII und XIV.

Denkwürdig ist die neue Verfassung des FN auch deshalb, weil seine Wähler sich nicht mehr verstecken. Das erlebt man neuerdings an seinen Veranstaltungen. Das sind keine Happenings von Ewiggestrigen mehr, da finden sich die Suchenden und Verdrossenen mannigfacher Provenienz ein: die Opfer der Krise, die Systemzweifler, die Europaskeptiker. Dominique Reynié, Professor von Sciences Po und Experte für europäischen Populismus, spricht von einem «vote d'adhésion», einem Beitrittsvotum, das das alte «vote de protestation», das Protestvotum, wie es unter Marines polterndem Vater Jean-Marie Le Pen stark war, ersetzt habe. Die Leute wählen heute f ü r den Front und nicht mehr nur g e g e n die etablierten Volksparteien. Die Zahlen passen dazu: In den letzten zwei Jahren verdreifachte der FN seine zahlende Mitgliederschar auf über 70'000.

Stärkste Kraft bei Europawahlen?

Ein untrügerisches Bild der neuen Stärke Le Pens dürften die Wahlen fürs Europaparlament abgeben, die bereits im Mai stattfinden. Die werden nach dem Proporzverfahren durchgeführt. Da zählt jede Stimme. Die Parteichefin liess am Montagmorgen verlauten, sie hoffe, dass ihr FN dann Frankreichs stärkste Partei sein werde. Unmöglich ist das nicht. Umfragen haben ergeben, dass es der FN auf 24 Prozent der Stimmen bringen könnte – zwei Prozentpunkte mehr als die bürgerliche Rechte, gar vier mehr als die Sozialisten. Er würde sich endgültig als dritte Kraft neben den Volksparteien etablieren. Le Pen spricht schon vom Dreiparteiensystem.

Sie triumphiert dennoch nur verhalten. Ihre kommunalen Ziele hat sie zwar erreicht, ja übertroffen. Doch nun erst beginnt die heikle politische Bewährung. 1995, als der FN schon einmal einige südfranzösische Städte gewonnen hatte, endete der Triumph bald im Desaster: Die Frontisten erwiesen sich als unfähige Verwalter. Alle populistische Rhetorik zerbrach am Regieren. Die Moralisten erwiesen sich als noch korrupter als ihre gegeisselten Vorgänger. Le Pen gelobt, es besser machen zu wollen als einst ihr Vater. Sie will parteilose Experten in die Stadtverwaltungen berufen und ihre Gegner nicht stigmatisieren, nicht diabolisieren.

Le Pen könnte rasch entzaubert werden

Das muss ihr ureigenes Anliegen sein, denn jede Stadt, die vom FN regiert wird, rückt nun unter die Scheinwerfer der nationalen Medien. Alles wird zerlegt und gedeutet werden. Versagen ihre Leute bei der Ausübung der Macht, dann droht auch Le Pen eine schnelle Entzauberung. Und so könnte dieser historische Erfolg bei den Gemeindewahlen 2014 zum Handicap für die Präsidentschaftswahlen 2017 werden. Dann nämlich, in drei Jahren also, will sie nach der Macht greifen. Das ist der Plan. Unterdessen erschüttert sie schon mal so manche alte Gesetzmässigkeit der französischen Politik.

Erstellt: 31.03.2014, 14:36 Uhr

Artikel zum Thema

Der Front National erreicht ein historisches Resultat

Frankreichs Linke verliert bei den Gemeindewahlen viele mittelgrosse Städte. Die Rechte triumphiert. Mehr...

Die Linke verliert 155 Städte an die Rechte

Bei den Kommunalwahlen in Frankreich hat der Front National weitere Rathäuser erobert. Die sozialistische Regierungspartei von Präsident Hollande bezeichnet die eigenen Ergebnisse als «unbestreitbar schlecht». Mehr...

Hollandes letzte Hoffnung

Kommentar Nach der Wahlniederlage muss François Hollande handeln. Die Frage ist: Kann er? Mehr...

In Frankreich stehen nach der herben Niederlage der Sozialisten bei der Kommunalwahl die Zeichen auf Regierungsumbildung. (Quelle: Reuters)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Grosstransport: Ein vietnamesischer Mann befördert eine Vielzahl an Gütern mit seinem Motorrad durch die Stadt Hanoi. (22. Juli 2019)
(Bild: Minh Hoang / EPA) Mehr...