Le Pens neues Frontgebiet

Der Front National erobert das ländliche Frankreich für sich. Bei den Zwischenwahlen kann die Partei mit einem klaren Sieg rechnen.

Marine Le Pens Partei legt nicht nur in urbanen Gebieten zu. Foto: Eric Gaillard (Reuters)

Marine Le Pens Partei legt nicht nur in urbanen Gebieten zu. Foto: Eric Gaillard (Reuters)

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Der Himmel ist ohne Blau, die Werbeflächen ohne Werbung, und auf den endlosen Feldern verziehen sich sogar die Raben vor dem Nieselregen. Nur ein alter Mann mit schwarzen Zähnen krächzt im Bistro auf die Frage, ob hier irgendwo Markt sei: «Y a rien ici» – hier gibt es nichts. Dann nimmt er einen Schluck Rosé, aber nur einen winzigen. Der Morgen ist noch lang, hier in Coucy-le-Château, im Niemandsland zwischen ­Paris und der nordfranzösischen Metropole Lille. Oben auf dem Hügel, inmitten der wuchtigen Ruinen, ist noch etwas vom Glanz verflossener Tage zu spü- ren. Im 13. Jahrhundert war Coucy die grösste Burgfestung des Christentums. «Ich bin nicht König, nicht Prinz, nicht Graf – ich bin der Seigneur von Coucy», erklärte der Schlossherr Enguerrand III. damals selbstbewusst.

Heute gibt nur noch Marine Le Pen solche Töne von sich. «Am Sonntag werden hier viele von uns gewählt werden», verkündet sie im Regionalblatt «Nouvelle Aisne», das in der Bar de l’amitié aufliegt. Die Gäste der Freundschaftsbar sind etwas gesprächiger. «Das stimmt», frohlockt einer, «hier wird die ‹Front› zuschlagen.» Der Wirt lässt wenig Zweifel daran, wem seine Sympathien gehören: «Ich habe in 34 Jahren noch kein einziges Mal gewählt, aber die hier regierende Salonlinke verdient einen richtigen Denkzettel.» Und neben der linken Liste mit vier Kandidaten für den Departementsrat tritt hier einzig der Front National (FN) mit zwei Bewerbern an, um Denkzettel zu verteilen. Im Departement Aisne ist die Rechtsaussenpartei Nummer eins. Bei den Lokalwahlen von 2008 kam sie auf 10 Prozent der Stimmen; 2011 waren es schon 26 und bei den Europawahlen 2014 gut 40 Prozent. Die letzte Umfrage prophezeit dem FN in Aisne diesmal 41 Prozent.

Arbeitslosigkeit steigt überdurchschnittlich

Das bisher «rote» Departement Aisne ist in wenigen Jahren zu einer «terre frontiste» (Frontgebiet) geworden. Die Region leidet unter einem dramatischen Aderlass: Jeder dritte Industriejob ist seit 2000 verloren gegangen. Auch die Zahl der Bauernhöfe schrumpft. Die Arbeitslosigkeit von 14 Prozent in Aisne ist höher und steigt schneller als im Landesschnitt (10 Prozent). Verkaufsschilder an den Häusern zeugen von den Folgen. Ärzte ziehen weg, Postämter schliessen.

Die Lepenisten sind nicht länger nur in urbanen Zonen mit hoher Migrationsrate stark. Im Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen, die Marine Le Pen gewinnen will, dringen sie in die ländlichen Gebiete vor, bis nach Coucy, dessen knapp tausend Einwohner sonntags um die imposanten Schlossruinen flanieren oder Forellen fischen. Die rotwangige Bäckerin sieht es weniger idyllisch: «Ach, das sind doch alles Rassisten!», sagt sie auf die Frage, warum die Leute hier FN wählen. Schliesslich gebe es in Coucy gar keine Ausländer, fügt die junge, vor fünf Jahren zugezogene Frau an. «Und man will auch nicht, dass sie hierherkommen.» Vor der Bäckerei diskutieren zwei junge Männer unter Schirmen. Der eine arbeitet in der letzten, Plastik verarbeitenden Fabrik des Nachbarortes Folembray. «Es ist ganz einfach», sagt er, «die einen haben ihren Job schon verloren, die andern haben Angst, ihn zu verlieren. Und alle haben die Nase voll.» Wem er bei den Wahlen die Stimme geben wird, will er nicht ­sagen. Aber er wiederholt fast wörtlich, was auf den FN-Flugblättern steht: «Man müsste den Bossen verbieten, ihre Fabriken ins Ausland zu verlegen.» Und wenn sie den Betrieb deshalb schliessen? Der Mann zuckt die Schultern.

Heisse Luft von Sarkozy

Sein Kumpel arbeitet in einer Glaserei, die nur noch eine Serviceabteilung unterhält, nachdem sie ihre Produktion nach China ausgelagert hat. Seine Frau arbeite in Paris und sehe dort täglich die herumhängenden Ausländer, erzählt er. «Die haben noch nie gearbeitet», sagt er. Etwa, weil sie ebenfalls keinen Job finden? «Das ist noch lange kein Grund, in der Banlieue Autos anzuzünden», entgegnet der andere.

Die beiden Männer sind Kunden für Marie-Christine Gilliot, die Hauptkan-didatin auf der hiesigen FN-Liste. In Coucy-le-Château kennt sie niemand. «Wir wissen nicht, was sie will, noch was sie vorschlägt», sagt eine Bewohnerin von Coucy, die Honig, Zwiebelconfit und Frênette (Eschensaft) verkauft.

Gilliot, eine 29-jährige Kundenberaterin aus der nahen Kathedralenstadt Soisson, sagt mit entschlossener Stimme, wofür sie sich nach einem Wahlsieg einsetzen würde: für ein Ende der «klientelistischen» Subventionsvergabe und für Steuersenkungen für zuzugswillige Firmen. 2007 hatte die junge Frau, deren Familie aus Basel stammt, noch für Nicolas Sarkozy gestimmt, bis sie gemerkt habe, dass die Bürgerlichen nur «heisse Luft machen». Dabei rase Frankreich, wie sie sagt, in Sachen Immigration «direkt in die Wand».

Gilliots Gegner ist der Bürgermeister von Coucy, Jean-Claude Dumont. Er ist das pure Gegenteil, und ihn kennen hier alle: 67 Jahre alt, Bonvivant und Kommunist. Von einem Salonlinken hat er nichts, von einem Revolutionär noch weniger. Am Informationsabend erklärt er vor fünfzig Zuhörern, er setze auf den Tourismus, der im Departement heute schon mehr Leute beschäftige als die Landwirtschaft. Zudem will er, dass der Schulbus durch die Dörfer unentgeltlich bleibt, während der FN dafür einen Elternbeitrag vorsieht. Unter vier Augen räumt Dumont allerdings ein, dass im Departement immer mehr Arbeiter hinter dem Front National stehen. «Viele von ihnen haben einmal links gewählt.»

Erstellt: 20.03.2015, 19:29 Uhr

Zwischenwahlen

Regierungslager vor Schlappe

In Frankreich werden bis Ende März die Departementsräte neu bestellt. Der erste Wahlgang findet am Sonntag statt, der zweite eine Woche später. Dem linken Regierungslager droht dabei eine Schlappe: Laut Umfragen liegen der Front National und die konservative UMP mit rund 30 Prozent gleichauf, vor den Sozialisten mit 20 Prozent. Lokale Themen spielten im Wahlkampf kaum eine Rolle. Die 100 französischen Departemente sind zuständig für einen Teil der Sozialhilfe, für die Collèges (erste Stufe der Mittelschule vor den Lycées), für Strassenbau, Umwelt und Kultur. (brä)

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