Le Pens heikler Russland-Kredit

Neun Millionen Euro lieh eine russische Bank dem Front National. Dass die Bank nun pleite ist, verschärft das Problem für die französischen Rechtsextremen massiv.

Marine Le Pen, Chefin des Front National. Foto: Jacky Naegelen (Reuters)

Marine Le Pen, Chefin des Front National. Foto: Jacky Naegelen (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Butowo ist ein typischer Vorort Moskaus: wie Spreitenbach, nur viel grösser und noch trister. Hohe Plattenbauten, Geschäfte, Parkplätze und die Autobahn. Big Business und internationale Politik sind weit entfernt von dieser postsowjetischen Schlafstadt. Jetzt aber könnte ­Butowo eine nicht unbedeutende Rolle im französischen Präsidentschaftswahlkampf bekommen. Denn in der Südbutowo-Strasse, im Wohnblock 101, «Büro 18», ist eine undurchsichtige Firma registriert, der Marine Le Pens Front National (FN) 9 Millionen Euro schuldet.

Aufgenommen hatte der FN den Kredit 2014 bei einer russischen Bank, die jedoch vergangenen Sommer in Konkurs ging. Kurz zuvor hatte sie die Forderung an die Firma Konti in Butowo abgetreten, die ihren Geschäftszweck mit «Vermietung und Leasing von Autos» angibt. Der Konkursverwalter der Bank verklagt die Firma Konti nun auf Rückgabe des Kredits, die Verhandlung wird am 28. März in Moskau stattfinden – knapp vier Wochen vor den Präsidentschaftswahlen in Frankreich.

Gerichtsverfahren in Moskau

Marine Le Pen wird am Wochenende auf einem grossen Kongress in Lyon ihr Wahlprogramm vorstellen. Wirtschaftlich läuft es für sie und ihre rechtspopulistische Bewegung alles andere als rund. Das EU-Parlament fordert 300'000 Euro zurück, mit denen Le Pen missbräuchlich FN-Angestellte bezahlt haben soll. Nun kommen auch noch schlechte Nachrichten aus Moskau: Der Übertrag der Kreditforderung von der Bank auf die Autoleihfirma Konti könnte Teil krimineller Machenschaften sein. Die Bankmanager sollen Vermögen veruntreut und das eigene Geldinstitut in die Insolvenz geschickt haben.

Im russischen Gerichtsverfahren wird es auch um die Frage gehen, wer in Moskau tatsächlich Gläubiger des Front National ist. Recherchen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet und der österreichischen Nachrichtenagentur APA zeigen: Eine Firma Konti gibt es an der Adresse Südbutowo-Strasse 101 nicht. Das «Büro 18» steht seit Jahren leer, von geschäftlichen Aktivitäten im Haus wissen die Nachbarn nichts.

2014 suchte der Front National verzweifelt nach Geldquellen, fand jedoch unter den Banken in Frankreich und im benachbarten Ausland keinen Kredit­geber. Rettung kam von der Ersten Tschechisch-Russischen Bank (ETRB) mit Sitz in Moskau. Die ETRB gab Le Pens Partei 9 Millionen Euro, verzinst mit 6 Prozent, Laufzeit bis Herbst 2019.

2014 suchte der Front National verzweifelt nach Geldquellen, fand jedoch unter den Banken in Frankreich und im nahen Ausland keinen Kredit­geber.

Besitzer der Ersten Tschechisch-Russischen Bank war ein Geschäftsmann namens Roman Popow. Hinter ihm stand der Baukonzern Strojtransgas, der nun vom Oligarchen Gennadi Timtschenko kontrolliert wird. Der 64-jährige Tim­tschenko ist einer der reichsten Russen und ein Freund und Judo-Partner Wladimir Putins. Er gründete in Genf das Energie-Handelsunternehmen Gunvor, verkaufte aber seine Anteile, als ihn die USA auf ihre Sanktionsliste setzten. Tim­tschenko hat neben der russischen die finnische Staatsbürgerschaft und seit 2002 einen Wohnsitz in der Schweiz. Mittlerweile hält er sich wieder in seiner Geburtsstadt St. Petersburg auf. Die serbische Regierung ernannte ihn im Oktober 2016 zum Honorarkonsul in Russland.

Die Erste Tschechisch-Russische Bank musste im August 2016 Konkurs anmelden. Verwaltet wird die Konkursmasse seither von der staatlichen Einlagensicherungsagentur ASW. Viel Vermögen fand die ASW in der Bank nicht mehr vor. Der Vizechef der Bank soll umgerechnet 28 Millionen Franken auf geheime Konten überwiesen haben. Er sitzt seit Mitte Januar in Untersuchungshaft.

Bereits am 24. März 2016 wurde die Bank unter staatliche Aufsicht gestellt. Knapp eine Woche zuvor, am 18. März, war der Kredit an den Front National an die Firma Konti übertragen worden. Die Dokumentation der Einlagensicherungsagentur liegt dem TA vor. Wollte damals jemand aus der Bank die Forderung über 9 Millionen Euro in Sicherheit bringen? Die Einlagensicherungsagentur betrachtet die Abtretung der Kreditforderung an Konti jedenfalls als nichtig, da die Firma der Bank praktisch nichts bezahlt habe.

Ein schweigender Sprecher

Die Agentur klagt deshalb beim Moskauer Schiedsgericht die Rückgabe der Kreditforderung ein. Die Kreditforderung an den Front National sei werthaltig und «die Zinszahlungen des Kreditnehmers sind für die Vermehrung der Konkursmasse massgeblich», erklärt die Einlagensicherungsagentur. Direkte Forderungen an den Front National habe die ASW nicht.

Eigentümer von Konti scheint ein gewisser Sergei Jewseew zu sein. Laut Transparency International Russia war Jewseew auch Direktor einer Sicherheitsfirma namens A5, welche die ETRB bewachte. Die russische Nachrichtenagentur RNS zitierte Jewseew mit einer Be­stätigung, dass seine Firma Konti die Kreditforderung an den Front National in Händen halte. Der Kauf sei nicht politisch motiviert gewesen, sondern «rein kommerziell». Wie die Agentur mit dem ­Firmenchef in Kontakt trat, bleibt ihr ­Geheimnis: Konti hat keine Telefon­nummer.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet fragte per Mail den Kommunikationschef des FN, Florian Philippot, was er über die mysteriöse Firma in Moskau wisse. Eine Antwort kam nicht.

Mitarbeit: Herwig Höller, Moskau

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.02.2017, 20:39 Uhr

Artikel zum Thema

Und nun die Qual

Analyse Erliegen nun auch die Franzosen der populistischen Verlockung – und läuten damit das Ende der Europäischen Union ein? Noch ist nichts verloren. Mehr...

Das wahre Gesicht der Marine Le Pen

«Charlie Hebdo» hat einen Comic über die Rechtspopulistin veröffentlicht. Er erzählt vom 7. Mai 2017, dem Sonntag der entscheidenden Runde in Frankreichs Präsidentenwahl. Mehr...

Rechtspopulisten präsentieren ihr «Europa à la carte»

Bei einem Treffen in Wien fordert Marine Le Pen, die Chefin des Front National, Volksabstimmungen über die EU nach britischem Vorbild. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Wer Prämien spart, muss nicht auf Ferien verzichten

Wegen der Krankenkassenprämie könnte es für viele nächstes Jahr heissen: weniger Ferien, kein neues Handy und Sparen vertagt.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Wandelnder Busch: Ein Model zeigt die Frühling Sommer Kollektion 2018 des chinesischen Designers Viviano Sue an der Fashionweek in Tokio. (19. Oktober 2017)
(Bild: EPA/FRANCK ROBICHON) Mehr...