Licht aus in Grossbritannien

Die Briten scheuen keinen Aufwand, um sich an den Ersten Weltkrieg zu erinnern. Zum Auftakt wurde es dunkel auf der Insel.

«Light out!»: Queen Elizabeth II gedenkt an die Kriegserklärung vor 100 Jahren. (4. August 2014)

«Light out!»: Queen Elizabeth II gedenkt an die Kriegserklärung vor 100 Jahren. (4. August 2014) Bild: Keystone

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Für Montagabend hatte die britische Regierung Verdunkelung angeordnet. Das Kriegsgedenken, fand man in Downing Street, erfordere etwas Besonderes. Also sollten alle grossen Gebäude im Lande, von Westminster Abbey bis zum Vergnügungs-Tower in Blackpool, zwischen zehn und elf Uhr die Beleuchtung herunterdrehen. Auch die Bevölkerung wurde aufgefordert, das Licht in ihren Häusern zu löschen. «Light out!» war die Parole der Veteranenverbände. Die Insel sollte zurück ins Dunkel sinken.

Deutschland hatte am 1. August 1914 Russland den Krieg erklärt und zwei Tage später Frankreich. Nach dem Einmarsch im damals neutralen Belgien erklärte Grossbritannien gestern vor 100 Jahren Deutschland den Krieg. Damit waren die Voraussetzungen für den ersten weltweiten Konflikt geschaffen.

Auf die Idee mit dem «Light out!» hatte die Briten natürlich der berühmte Ausspruch eines früheren britischen Aussenministers gebracht. Sir Edward Grey, Chef des Foreign Office im Sommer 1914, hatte am Vorabend des britischen Kriegseintritts aus seinem Fenster auf die Gaslampen im St.-James-Park hinuntergeschaut und gesagt: «Überall in Europa gehen jetzt die Lampen aus. Wir werden sie zu unseren Lebzeiten nicht wieder angehen sehen.»

Die Trauer und Vorahnung, die sich mit diesem Ausspruch verbanden, schienen den Koordinatoren des britischen Kriegsgedenkens recht angemessen für ihren eigenen «War Effort» – für ihren Rückblick auf 1914. Aber hätte Greys Vorahnung ihn nicht vom Einstieg in den Konflikt abhalten sollen? Diese Frage zu stellen, überliess man Kommentatoren und Historikern, die mittlerweile auch in England die offizielle Version des Kriegsbeginns diskutieren.

Für die meisten Briten freilich hat sich diese Frage nie gestellt. Premier­minister David Cameron beharrte am Montag darauf, dass die Nation sich damals «einer Sache» verschrieben habe, nämlich «dass Europa nicht von einer einzelnen Macht dominiert werden darf». Oppositionsführer Ed Miliband von der Labour Party erklärte seinerseits, Britannien sei «für die Freiheit» in die Schlacht gezogen. In Dublin oder Kalkutta hätte man das 1914 vielleicht nicht ganz so ­gesehen, warfen Spötter aus seinen eigenen Reihen ein.

BBC sendet 2500 Stunden

Anstatt sich der Debatte um Entstehung und Ursache des Kriegs anzunehmen, widmen sich die Politiker und die meisten Medien Einzelschicksalen, die von soldatischem «Heroismus» und vom tragisch aufgewühlten Leben «an der Heimatfront» zeugen. Vor allem die konservative Presse hat seit Monaten Fotoalben ausgeweidet, Soldatenbriefe reproduziert und Memorabilien gesammelt.

60 Millionen Pfund sind von der Regierung Cameron für Veranstaltungen zum Gedenken an «World War One» bereitgestellt worden. Konzerte, Kunstwerke und neue Monumente, Stras­sentheater, Dichterlesungen und Ausstellungen aller Art sollen den Krieg, «wie er war», in Erinnerung bringen und im kollektiven Gedächtnis bewahren. «Digitale Archive» mit über 100'000 Bilddokumenten sollen geschaffen werden.

Die BBC plant 2500 Stunden neuer Programme zum «Great War», für die nächsten vier Jahre. Für 40 Millionen Pfund ist, rechtzeitig zur Wiedereröffnung in diesem Sommer, das Imperial War Museum, das Kriegsmuseum Londons, renoviert worden. Längst ausgemusterte Kriegsschiffe sollen wieder auf Kreuzfahrt gehen. In Folke­stone wurde der «letzte Gang» britischer Soldaten zum Hafen, zum Gemetzel drüben auf dem Kontinent, nachvollzogen.

Ganze «Gedenkwälder» will man neu anpflanzen. Und natürlich gibt es Gedenkmünzen, Gedenkfeiern und Gedenkgottesdienste. Die Buchhandlungen bersten von druckfrischen Kriegs­berichten. Mancherorts wird es auch skurril: Gartenfestivals enthalten «Weltkriegsgärtlein» mit uniformierten Vogelscheuchen. Und in künstlichen Feldhospitälern soll man sich, wie weiland die Kriegsversehrten, vom Bett aus Charlie-Chaplin-Filme anschauen können. «Überall gibt es Kriegsgedichte, Kriegspropaganda, Kriegsschwestern, Kriegspferde», rauft sich schon jetzt der frühere «Times»-Chefredaktor Simon Jenkins die Haare. «Und vier Jahre davon stehen uns erst noch ins Haus!»

Eins zumindest wird es nicht geben. Nämlich eine Parade durch London zum Gedenken an die Kriegserklärung. Das war selbst der Regierung zu viel des Guten. Triumphalismus sei nicht drin, setzte sie den Marschlustigen auseinander. Man könne ja wohl kaum in London ein Volksfest feiern, während der Rest Europas eine der grössten Menschheitskatastrophen beklage.

Erstellt: 05.08.2014, 07:03 Uhr

Sir Edward Grey, Aussenminister von Grossbritannien 1905-1916.

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