Liechtensteins Fürst nennt Deutschland Viertes Reich

Hans-Adam II. beleidigt die Bundesrepublik: In einem Brief an das Jüdische Museum Berlin bezeichnet er Deutschland als Viertes Reich. Der Zentralrat der deutschen Juden ist bestürzt.

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Was ging wohl Werner Michael Blumenthal durch den Kopf, als er die Zeilen unter dem Briefkopf mit der fürstlichen Krone las? Was dachte der ehemalige amerikanische Finanzminister zur Einschätzung Hans-Adams II. von Liechtenstein, dass die Bundesrepublik Deutschland «je länger, desto weniger geneigt ist, sich an den Grundprinzipien des internationalen Völkerrechts zu orientieren»? Und wie kam es beim 82-Jährigen an, dass der Monarch erklärte, «schon drei Deutsche Reiche überlebt» zu haben, und der Hoffnung Ausdruck gab, «wir werden auch noch ein viertes überleben»? Ausgerechnet in einem Schreiben an ihn, den Juden, der 1939 als 13-Jähriger aus seiner Heimatstadt Berlin flüchten musste. Blumenthals Vater hatten die Nationalsozialisten in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt und dort sechs Wochen lang interniert und misshandelt.

Das Schweigen des «Ländle»

Der Flüchtlingsjunge, der es unter Präsident Jimmy Carter zum Minister gebracht hatte und der heute das Jüdische Museum in Berlin präsidiert, wollte zum Briefwechsel mit dem Fürsten keine Stellung nehmen. Auch Schloss Vaduz zog es vor, fürs Erste zu schweigen. Seine Durchlaucht verreise geschäftlich, erklärte gestern eine Sprecherin. Eine Antwort sei vielleicht kommende Woche möglich.

Diplomatisch äussert sich das Auswärtige Amt in Berlin zu den Vorwürfen im fürstlichen Schreiben: «Die Bundesrepublik Deutschland respektiert das Völkerrecht und internationale Rechtsnormen - selbstverständlich auch in Bezug auf Liechtenstein.» Die bilateralen Beziehungen zwischen den beiden Ländern seien «eng und gut nachbarschaftlich».

Deutlicher wird hingegen der Zentralrat der Juden in Deutschland. «Die Aussage des Fürsten ist völlig abwegig», sagt Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main erklärt, er verstehe zwar, dass der Fürst wegen der Methoden der deutschen Steuerfahnder ungehalten sei. Der Bundesnachrichtendienst hatte einem ehemaligen Angestellten der fürstlichen Bank LGT illegal beschaffte Kundendaten abgekauft. Der Fürst hatte sich im Frühjahr beim Staatssender Radio Liechtenstein über «einen gezielten und sorgfältigst vorbereiteten Angriff» des deutschen Geheimdienstes auf sein Land beklagt.

Korn findet, der Ärger über diese Methoden berechtige Hans-Adam noch lange nicht zu solchen Aussagen: «Der Fürst verharmlost die Verbrechen der Nationalsozialisten, indem er die Bundesrepublik in eine Reihe mit dem Dritten Reich stellt.» Zudem sei Werner Michael Blumenthal der vollkommen falsche Adressat für ein solches Schreiben. Der Zentralrat erwarte vom Fürsten, dass er sich beim Direktor des Jüdischen Museums entschuldige.

Jahrelangen Rechtshändel verloren

Das fürstliche Schreiben hat eine Vorgeschichte, die ein Jahr vor der Flucht der Familie Blumenthal aus Deutschland ihren Anfang nahm: 1938 beschlagnahmten die Nationalsozialisten in Wien Bilder aus dem Besitz von Louis Baron von Rothschild. Ein Werk des niederländisches Porträtmalers Frans Hals aus dem 17. Jahrhundert gelangte in das Linzer «Führermuseum», eine nie ausgestellte Ansammlung von Raubkunst. Nach dem Krieg kam es ins Kunsthistorische Museum in Wien. 1998 erhielten Rothschilds Erben das Gemälde zurück und verkauften es weiter. Hans-Adam erwarb das Bild schliesslich an einer Auktion in New York.

Nun bat ihn das Jüdische Museum um eine Leihgabe des Werks für die Ausstellung «Raub und Restitution» (siehe Kasten). Doch Hans-Adam denkt nicht daran, wie aus dem oben abgedruckten Schreiben hervorgeht. In seiner Absage nimmt der 63-Jährige Bezug auf einen langen Rechtsstreit mit der Bundesrepublik um ein weiteres Bild eines niederländischen Malers aus dem 17. Jahrhundert: Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Tschechoslowakei ein Ölgemälde Peter van Laers aus dem Besitz des Fürstenhauses beschlagnahmt. Als es 1991 in Köln ausgestellt wurde, verlangte Hans-Adam, dass es Deutschland beschlagnahme und es ihm aushändige. Mit Klagen in der Sache blitzte das «Ländle» mehrfach ab – beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe, beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg und 2005 sogar beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag.

Erstellt: 11.09.2008, 10:27 Uhr

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