Linke Studenten stören rechte Professoren

Nur unter Polizeischutz kann AfD-Gründer Bernd Lucke seine Vorlesung halten. Auch anderswo wird gestört. Ist deswegen die Meinungsfreiheit in Gefahr?

Bernd Lucke verlässt am 16. Oktober den Hörsaal der Uni Hamburg, denn seine Antrittsvorlesung ist verhindert worden. Foto: Markus Scholz (Keystone)

Bernd Lucke verlässt am 16. Oktober den Hörsaal der Uni Hamburg, denn seine Antrittsvorlesung ist verhindert worden. Foto: Markus Scholz (Keystone)

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An der Hamburger Universität gab es Tumult zuletzt als Fortsetzungsroman: Zweimal wurde Bernd Lucke daran gehindert, seine Vorlesung «Makroökonomik II» zu halten, zweimal fand sie nur statt, weil Dutzende Polizisten seine Rede vor protestierenden Studenten schützten.

«So ein Mensch gehört an keine Universität.» Mit diesen Worten hatte die linke Studentenvertretung im Sommer angekündigt, dass sie die Rückkehr von Lucke an seinen Arbeitsplatz verhindern wolle. Der Eurokritiker hatte 2013 die Alternative für Deutschland (AfD) gegründet, war zwei Jahre später aber von Radikalen aus der Partei gemobbt worden. Bis im Mai sass er noch im Europaparlament, dann wurde er abgewählt.

Lucke ist als Professor Hamburger Beamter. Als Politiker war er ein Nationalkonservativer, aber keinesfalls ein Rechtsradikaler oder ein Rassist. Während die Studenten ihm die Gründung einer faschistischen Partei vorwerfen, behauptet Lucke, erfolglos gegen deren Radikalisierung angekämpft zu haben.

Das Meinungsklima in Deutschland ist in den letzten Jahren erheblich rauer geworden.

Statt zu einem politischen Streit kam es zur Blockade. «Antifaschisten» brüllten Lucke im Vorlesungssaal als «Nazischwein» nieder, beim zweiten Versuch erzwang ein Überfallkommando einen Abbruch. Statt die Störungen klar zu verurteilen, zeigten Universitätsleitung und Stadtregierung vor allem Verständnis für die Proteste. Erst nachdem sie dafür scharf kri­tisiert worden waren, versprachen sie ­Lucke mehr Schutz.

Die Meinungen gingen da längst hoch. Von «Gesinnungsterror» und «Linksfaschismus» sprachen die AfD und konservative Kommentatoren, während ein Mitarbeiter von Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) twitterte, die Studenten retteten hier gerade die «Ehre der Gesellschaft». In Zeitungen wurde aufgeregt die Frage gestellt, ob die linken Störer die Meinungsfreiheit gefährdeten. Hatten nicht gerade in einer Umfrage zwei von drei Deutschen angegeben, man müsse heute aufpassen, was man öffentlich sage?

In der Debatte ging vieles durcheinander. Luckes Freiheit, seine Meinung zu sagen, stand nie infrage. Der Professor verteidigte sich in den Medien und bot auch den Studenten Gespräche an – was diese aber ablehnten. Eher als um Freiheit ging es ihnen wohl um Meinungsvorherrschaft: Wer gibt an einer linken Uni in einer linken Stadt den Ton an? Falls dadurch etwas in Gefahr geriet, war es vor allem die Liberalität der Universität: die Frage, ob auch vom linken Mainstream abweichende Meinungen an ihr noch Platz fänden. Zum Teil ging es aber auch um die Freiheit von Wissenschaft und Forschung.

An der Berliner Humboldt-Universität werden zwei prominente Professoren seit Jahren von einer kleinen Gruppe linksradikaler Studenten gestört und gemobbt. Der Historiker Jörg Babe­rowski scheiterte mit einem Antrag für ein Zentrum zur Totalitarismusforschung nicht zuletzt am Widerstand der Studenten. Dem Politologen Herfried Münkler wurde «Militarismus» und «Extremismus der Mitte» vorgeworfen. Studenten korrigierten anonym seine «einseitigen» Themen und Lektürelisten.

Ein Kleinkrieg

Baberowski wurde besonders heftig angegriffen, als er sich 2015 gegen die deutsche Flüchtlingspolitik äusserte und dabei Verständnis auch für militante Gegenproteste zeigte. Trotzkistische Studenten bezeichneten ihn danach als «rechtsradikal» und verhinderten einen Auftritt an der Uni Bremen. Baberowski ging gegen die Schmähungen gerichtlich vor, letztlich erfolglos. Zuletzt beleidigte er seinerseits die Studenten, von denen er sich gestalkt fühlte. Diese zeigten ihn an und drohten ihm verklausuliert Gewalt an – ein Ende des Kleinkriegs ist nicht abzusehen.

Vor allem unter dem Einfluss der sozialen Medien ist das Meinungsklima in Deutschland in den letzten Jahren erheblich rauer geworden. Oft wird gar nicht gestritten, sondern es fliegen lediglich Beschimpfungen hin und her. Der rechte Hetzmob, der im Internet besonders aktiv ist, hat zur Verrohung und Verhärtung wesentlich beigetragen. Die Aktionen der linken Studenten an den Universitäten erscheinen zuweilen wie eine Antwort darauf – an einem Ort, an dem sie sich selbst immer noch hegemonial fühlen. Oft sind es, wie bei Baberowski und Münkler, fast sek­ten­hafte Grüppchen, die dabei erstaunlich viel Einfluss gewinnen.

Die konservative Ethnologin ­Susanne Schröter von der Universität in Frankfurt am Main ­geriet dieses Jahr gleich von zwei Seiten unter Druck, von links und von rechts. Sie hatte zu einer ­Diskussionsveranstaltung über das muslimische Kopftuch geladen. Studenten und Aktivistinnen forderten darauf ihre Entlassung, die Universitätsleitung stützte sie. Am Ende kamen 700 Interessierte zur Diskussion, aber kaum Protestler. Zwei Jahre zuvor hatte Susanne Schröter eine Veranstaltung zum Thema «Polizeialltag in der Einwanderungsgesellschaft» noch abgesagt, weil sie gewalttätigen Aufruhr fürchtete.

Überhaupt kam es zuletzt auch immer wieder zu Störaktionen und Drohungen von Rechtsradikalen gegen linke Professoren. Aktivisten der Identitären Bewegung stürmten vor einem Jahr etwa eine Vorlesung in Greifswald. Als sie vom Professor zur Debatte aufgefordert wurden, verliessen sie den Raum.

Wie 1968?

«Die Universitäten sind kein politikfreier Raum», bilanzierte die grüne Hamburger Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank diese Woche. Proteste seien erlaubt, dürften aber nicht den Betrieb lahmlegen.

Gut möglich ist, dass nicht nur die Heftigkeit der Auseinandersetzungen zuletzt zugenommen hat, sondern auch die Empfindlichkeit – auf allen Seiten. Der ­Literaturwissenschaftler Joseph Vogl mahnte deswegen, die Relationen zu wahren. Die kleinen studentischen «Störfeuer» von heute seien mit den «Grossbränden» der 80er- oder gar der 68er-Jahre nicht zu vergleichen.

Erstellt: 16.11.2019, 13:19 Uhr

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