Londons teurer Atomstrom löst Verwunderung aus

AKW sind andernorts out, doch in Grossbritannien sollen zwei neue Reaktoren entstehen. Die teuren Anlagen werden noch teureren Strom produzieren. Beobachter sind erstaunt, besonders in Deutschland.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Während sich der Rest Europas seit der Katastrophe von Fukushima vom Atomstrom abwendet, verhilft Grossbritannien der umstrittenen Technologie zu einer Renaissance. Ein französisch-chinesisches Konsortium kann im Südwesten des Landes zwei neue Atomreaktoren bauen. Die beiden Meiler sollten bis 2023 im Kernkraftwerk Hinkley Point ans Netz gehen und sieben Prozent des britischen Stroms liefern.

Es sei das erste Mal, dass ein Kernkraftwerk «ohne Geld vom britischen Steuerzahler gebaut» werde, preist die britische Regierung das Projekt. Die getroffene Vereinbarung sieht vor, dass der staatliche französische Energiekonzern EDF (45 bis 50 Prozent), der Reaktorbauer Areva (10 Prozent) und die beiden chinesischen Atomkonzerne CGN und CNNC (30 bis 40 Prozent) den Bau der beiden Europäischen Druckwasserreaktoren (EPR) finanzieren. Die Anlage soll 16 Milliarden Pfund kosten (23 Milliarden Franken).

Sehr teure Preisgarantie

Lange hatte die britische Regierung mit Anbietern von Nukleartechnologie verhandelt. Den Durchbruch brachte einerseits ein Abkommen zwischen London und Peking über eine Kooperation im zivilen Nuklearbereich, das auch eine Beteiligung chinesischer Unternehmen an britischen AKW ermöglicht. Andererseits konnte Konsortialführerin EDF umfangreiche Garantien für seine Investition aushandeln. So bürgt die britische Regierung für 65 Prozent der Baukosten. Das Kernstück ist jedoch eine langfristige Abnahmegarantie über 35 Jahre zu einem Preis von 92.5 Pfund pro Megawattstunde plus Inflationsausgleich (umgerechnet etwa 13.5 Rappen pro Kilowattstunde).

Über diesen Preis hat sich so mancher die Augen gerieben, liegt er doch fast doppelt so hoch wie der aktuelle Marktpreis von 49 Pfund pro Megawattstunde. Das sieht nach einer massiven indirekten staatlichen Subvention aus. Das verbietet die EU eigentlich. London hatte zuvor mit einem Verweis auf seine Strategie zur CO2-Reduktion versucht, auf europäischer Ebene Atomenergie den erneuerbaren Energien gleichzustellen. Damit hätte sie subventioniert werden dürfen. Die Briten sind mit ihrem Antrag jedoch gescheitert. Die EU-Kommission muss nun entscheiden, ob die jetzt ausgehandelte Abnahmegarantie eine unerlaubte Staatshilfe darstellt.

Besonders gross ist das Erstaunen über den Deal in Deutschland. Das «Managermagazin» schreibt, bisher habe die deutsche Förderung von Sonnenenergie als Beispiel für «krasse Übersubventionierung» gegolten. Doch nun setze London noch einen drauf. Der britische Atomstrom sei teurer als der deutsche Solarstrom.

Atomstrom sei eine «politische Energie»

Für den Energieexperten Dieter Helm veranschaulicht der Deal, dass Atomstrom eine politische Energie sei, wie er gegenüber dem «Economist» sagt (Podcast). Mit dem Geschäft werden auch Pflöcke in die internationalen Beziehungen eingeschlagen. So kommen erstmals chinesische Atomanbieter in Europa zum Zug – und präsentieren sich als neue Partner der französischen Atomindustrie. Zuvor hatte Areva eine Kooperation mit Siemens unterhalten. Die Deutschen suchten sich jedoch einen neuen Partner. Auch die deutsche RWE hatte sich um das Geschäft in Grossbritannien bemüht. 2012 verkaufte der Energieversorger jedoch seine britische Nukleartochter und wollte sich fortan auf den Bau von Solarkraftwerken konzentrieren.

Die Atomenergie sei zu einer «strukturierenden Achse» zwischen Paris und London geworden, kommentiert die französische Zeitung «La Croix». In beiden Ländern hat diese Energieform noch breite Unterstützung in der Bevölkerung. Nach Angaben des «Spiegels» unterstützen in Grossbritannien zwei Drittel der Befragten den Bau neuer AKW. Premierminister David Cameron hob hervor, dass durch das Projekt 25'000 Jobs entstehen könnten. Auch Frankreichs Staatspräsident François Hollande begrüsste den Neubau der Atommeiler als «historische Investition», die Arbeitsplätze in beiden Ländern schaffen werde.

Grossbritannien hat derzeit 16 Reaktoren in Betrieb, von denen der älteste in spätestens zwei Jahren vom Netz gehen soll. Alle älteren Meiler sollen bis 2023 vom Netz. Die Regierung will bis 2030 acht neue AKW. Atomenergie macht in Grossbritannien nach Angaben des Weltatomverbandes knapp ein Fünftel der Stromerzeugung aus. 27,5 Prozent der Energie liefert demnach die Verbrennung von Erdgas. Kohle macht 40 Prozent der Energieversorgung aus. (rub)

Erstellt: 23.10.2013, 13:44 Uhr

Artikel zum Thema

AKW Mühleberg soll 2019 definitiv vom Netz

Exklusiv Die BKW ist bereit, das AKW früher abzuschalten – im Gegenzug zu Lockerungen bei der Nachrüstung. Mehr...

Leuthard bittet Stromunternehmen zur Kasse

Hintergrund Doris Leuthard brachte heute im Bundesrat die Forderung ein, dass AKW-Betreiber mehr Geld ansparen müssen. Das blockiere die erneuerbaren Energien, kritisiert der Präsident der BKW. Mehr...

«Klar ist, dass die Rückkehr zur Atomkraft kommt»

Interview Zweieinhalb Jahre nach der Fukushima-Katastrophe beobachtet Japan-Kenner Florian Coulmas ein gespaltenes Verhältnis der Bevölkerung zu den AKW – auch weil diese ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor seien. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...