Madame World ist fast perfekt

Die Französin Christine Lagarde soll IWF-Chefin werden. Das ist eine gute Nachricht – mit einigen Misstönen.

Ein Ausbund von Eleganz und Ausstrahlung: Christine Lagarde, wahrscheinliche Nachfolgerin von Dominique Strauss-Kahn.

Ein Ausbund von Eleganz und Ausstrahlung: Christine Lagarde, wahrscheinliche Nachfolgerin von Dominique Strauss-Kahn. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bei Fototerminen ist so mancher mächtige Mann froh, wenn er nicht neben ihr stehen muss. Oder wenn das Bild sitzend entstehen soll. Christine Lagarde, 1,80 Meter gross, überragt viele von ihnen, einen vor allem – Nicolas Sarkozy. Um einen Kopf, mindestens. Sie trägt dann auch meist flache Schuhe, neigt den Kopf beim zahnreichen Lächeln gerne zur Seite, um die Komplexe von Vorgesetzten und Kollegen nicht zusätzlich zu nähren. Die französische Wirtschaftsministerin ist, was man eine Erscheinung nennen könnte, ein Ausbund von Eleganz und Ausstrahlung. Ihr Englisch ist perfekt, akzentfrei, geschult in langen Jahren als Beraterin und Chefin einer grossen amerikanischen Consultingfirma. Und es ist gut möglich, dass gerade dieser souveräne, weltläufige und weltgewandte Auftritt ihr nun einen Posten beschert, für den sie aus akademischer Sicht nicht sonderlich prädestiniert scheint.

Christine Lagarde, 55, aus Le Havre in der Normandie, Tochter eines Professors und einer Lehrerin, studierte Juristin und Anwältin, wird aller Wahrscheinlichkeit nach diese Woche neue Generaldirektorin des Internationalen Währungsfonds, des IWF – Chefin einer jener grossen Institutionen also, die das globale Finanz- und Währungssystem ordnen. Es ist eine komplizierte Aufgabe in bewegten Zeiten. «Wenn ich von dem ausgehe, was ich über den Job weiss», sagt Lagarde ihren Kritikern, unter anderem dem Leitartikler des englischen Wirtschaftsmagazins «The Economist», «ja, dann halte ich mich für fähig. Ich bringe meine Erfahrung als Anwältin mit, als Ministerin, als Managerin und als Frau.» Sie gilt als «mangeuse de dossiers», als Dossier-Verschlingerin.

Lagarde war früh in aller Munde

Sie wäre die erste Frau in dieser Position. Und ihr Frausein dürfte ihr bei der Wahl zum Vorteil gereichen. Der Mann, der in den letzten Jahren die Institution geleitet hatte, zu aller Zufriedenheit und mit einigem fachlichem Erfolg obendrein, stolperte am vergangenen 14. Mai über eine private, offenbar strafrechtlich relevante Begegnung mit einem Zimmermädchen in einer Hotelsuite des New Yorker Sofitel: Dominique Strauss-Kahn, Sozialist, ebenfalls Franzose. Wie die Welt doch zuweilen verrückt spielt. Ambitionen auf die Stelle hatte Lagarde jedoch bereits davor geäussert. DSK hätte sein Mandat wohl ohnehin vor dem Sommer niedergelegt, um sich ins Rennen um die französische Präsidentschaft zu werfen. Ihr Name zirkulierte schon vor dessen Sturz. Und sie unternahm wenig, um die Gerüchte zu dementieren. Trotz allem, trotz der bewegten Zeiten. Griechenland siecht am Rand des Kollapses, die Portugiesen und die Iren sind auch nicht weit davon entfernt. Und was ist mit Italien und Spanien?

Europa und die Eurozone haben gerade ein massives Problem und hoffen auf eine ungebrochen starke Lobby in Washington, beim IWF. Das schien zwar etlichen Schwellen- und Entwicklungsländern unfair. Es dünkte sie nämlich, dass es nun endlich Zeit wäre für einen aus ihren Reihen, für eine Marke der Anerkennung wechselnder Gleichgewichte. Doch noch funktioniert die alte, ungeschriebene Regel, dass ein Europäer den Fonds leitet, während an der Spitze der Weltbank ein Amerikaner sitzt. Lagarde geniesst die geschlossene Gunst der Europäer, die über mehr als 40 Prozent der Stimmrechte verfügen bei der Wahl. Die Amerikaner, die Chinesen und die Japaner wählen sie wohl auch. Und so dürfte für den Chef der mexikanischen Notenbank, Agustin Carstens, einen Kandidaten mit IWF-Erfahrung, am Ende nur eine bescheidene Stimmenzahl übrig bleiben. Lagarde versprach bei ihrem Bewerbungsgespräch vor einigen Tagen, dass Europa keinen Rabatt, keine sanfte Hand erwarten dürfe unter ihrer Leitung. Jedenfalls ist sie bekannt dafür, dass sie deutlich und direkt spricht – nie laut, aber immer bestimmt. Und das wurde ihr als Politikerin öfter zum Verhängnis.

Durchgefallen – zweimal

Lagarde ist eine Quereinsteigerin. Sie hatte nach ihrem Studium an der Pariser Eliteuniversität Sciences Po zuerst daselbst doziert, bevor sie bei Baker & McKenzie anheuerte, einer Beraterfirma mit Sitz in Chicago. Natürlich hätte auch sie gerne an der Kaderschmiede der Republik, der Ecole Nationale d’Administration, weiterstudiert. Doch sie fiel zweimal durchs Aufnahmeverfahren. Das sei schmerzhaft gewesen, sagte sie einmal, damals wenigstens. Heute sieht sie in den Absagen das Präludium ihres Erfolgs. Lagarde hätte auch ganz gerne bei einer Anwaltskanzlei in Paris Karriere gemacht. Doch in Paris sagte man ihr, zur Partnerin würde sie es als Frau in Frankreich nie bringen.

Zu Amerika hatte sie eine emotionale Bindung. Sie war 17 gewesen, als sie mit einem Stipendium zum Austauschjahr nach Maryland ging. Sie habe dort ihre Trauer über den Verlust ihres Vaters verarbeitet, der im Jahr zuvor gestorben war. Für Baker & McKenzie leitete sie bald das Pariser Büro, 1999 übernahm sie die Leitung des gesamten Unternehmens mit seinen 4000 Beratern in 70 Ländern. Als Kunden beriet sie Sony, Microsoft, British Petroleum – die ganz grossen Firmen. Ihre Spezialität waren Fusionen und Kartellrecht. Lagarde pendelte zwischen drei Büros: Paris, Hongkong, Chicago. Und zog gleichzeitig ihre zwei Söhne aus erster Ehe gross. Das fiel auch zu Hause auf, zumindest an der Spitze des Staates. Die Franzosen mögen solche internationalen Erfolgsgeschichten. Und sie bewundern Landsleute, deren Englisch ohne Akzent daherkommt. 2005 lockte sie der damalige Premierminister Dominique de Villepin mit einem Ministerposten in seine konservative Regierung – zurück nach Frankreich. Die Tochter aus bürgerlichem, katholischem Haus war in jungen Jahren eine Linke gewesen, hatte 1981 den Sozialisten François Mitterrand gewählt. Nun würde sie sich wohl liberal nennen. De Villepin machte sie zur Ministerin für Aussenhandel.

Karikaturen wie Trophäen

Als dann zwei Jahre später Nicolas Sarkozy an die Macht kam, stieg Lagarde zur Superministerin für Wirtschaft und Finanzen auf. Nicht dass Sarkozy viel von ihr gehalten hätte – im Gegenteil: Er sah in der politischen Newcomerin wohl ein gefügiges Instrument für seine Budget- und Steuerpolitik. Sie setzte sich aber schnell mit einigen unbedarften Äusserungen in die Nesseln. So riet sie zum Beispiel den Franzosen, zuweilen aufs Auto zu verzichten, Velo zu fahren oder zu Fuss zu gehen, was im Autoland nicht gut ankam. Dann sprach sie von Budgetrigorismus, was im Vokabular eines französischen Politikers fehlt. Bald trug sie den Übernamen «Madame Lagaffe», «Madame Fettnapf»: eine lautmalerische Wortkreation der Medien, die von politischen Freunden und Neidern der Ministerin mit kleinen Böswilligkeiten über sie gefüttert wurden. Damals verdammte sie wohl den Tag, an dem sie eingewilligt hatte, die Verwaltungsratssitzungen gegen Ministerratssitzungen einzutauschen.

An den Wänden von Lagardes Büro hängen heute die Karikaturen aus jener Zeit, als Trophäen gewissermassen. Lagardes Revanche begann mit der Weltwirtschaftskrise. Die «Financial Times» erkor sie 2009 zur besten Wirtschaftsministerin Europas. «Time» führte sie 2010 als einzige Französin in ihren Top 100, in der Sammlung der hundert mächtigsten Menschen. Nur ein weiterer Franzose schaffte es im letzten Jahr auf diese Liste – ein Mann: Dominique Strauss-Kahn. Ihre Ministerkollegen wählten sie im selben Jahr zur Prima inter Pares. In den letzten drei Jahrzehnten schaffte es kein Wirtschaftsminister vor ihr, alles Männer, das Amt so lange zu halten wie sie. Und ihr amerikanischer Amtskollege Timothy Geithner sagt von Madame, sie kombiniere einen blitzgescheiten Geist mit einem aussergewöhnlichen Talent.

Eine hässliche Note

Ob so viel Lob und Scheinwerferlicht soll Sarkozy abwechselnd genervt und erfreut gewesen sein. Vor einem Jahr sah es gar so aus, als müsste er, um seine eigenen, dramatisch abgesackten Popularitätswerte wieder etwas zu befeuern, die beliebte Lagarde zur Premierministerin machen. Sie ist keine enge Vertraute Sarkozys. Im Stil ist sie gar dessen Antithese: nüchtern, kein Bling-Bling. Doch sie war eine nützliche Helferin, als es galt, den reichen Franzosen Steuergeschenke zu machen. Wahrscheinlich handelte Lagarde auch auf dringlichen Wunsch aus dem Elysée, als sie 2007, kaum war sie im Amt, ein altes, bereits seit 14 Jahren währendes Justizdossier in überraschend neue Bahnen lenkte.

Es handelte vom Streit über den Verkauf des Sportartikelproduzenten Adidas und wurde zwischen dem Geschäftsmann Bernard Tapie und der einst staatlichen Bank Crédit Lyonnais ausgetragen. Lagarde, so vermuten die ermittelnden Richter, hat ihr Amt missbraucht und gegen die Ansicht von Experten ihres Ministeriums ein Schiedsgericht eingeschaltet. Und dieses Gericht sprach Tapie eine stattliche Wiedergutmachungssumme von 380 Millionen Euro zu. Steuergelder, wohlgemerkt. Tapie ist ein Freund Sarkozys.

In den nächsten Tagen soll entschieden werden, ob Lagarde dafür vor ein Gericht für Minister kommt. Eine unschöne, brisante Geschichte. Doch wenn das Gericht entscheidet, wird Christine Lagarde wohl bereits Chefin des IWF sein.Sie hat ein gutes Zeitgefühl. In ihrer Jugend war sie Synchronschwimmerin, eine gute dazu: Sie holte einmal Bronze bei der nationalen Meisterschaft. Seither braucht sie gerne Metaphern aus ihrem Teamsport. Das hört sich immer gut an. Und wenn sie reist, sagt sie, dann geht sie nur in Hotels mit Pools. Für den Ausgleich. Yoga macht sie auch. Für die innere Ruhe. Es sind bewegte Zeiten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.06.2011, 06:29 Uhr

Artikel zum Thema

«Ich bin für den IWF besser qualifiziert als Lagarde»

Agustín Carstens, der mexikanische Kandidat für den IWF-Chefposten, will morgen den Sessel nicht kampflos der Französin Christine Lagarde überlassen. Seinen Optimismus holt er sich von Baseball-Spielern. Mehr...

Das will Christine Lagarde beim IWF besser machen

Die französische Finanzministerin Christine Lagarde musste zum Bewerbungsgespräch beim Internationalen Währungsfonds antraben. Als erstes übte sie Kritik an der Institution. Mehr...

Carstens sammelt Punkte

Im Rennen um die IWF-Spitze wird es eng für die Favoritin Christine Lagarde. Mehrere Länder haben dem mexikanischen Notenbank-Chef und ihre Unterstützung zugesichert. Mehr...

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Grenze der Hoffnung: Bauunternehmer verstärken die Mauer in San Diego, USA, weil in den vergangenen Wochen zahlreiche Migranten illegal den Zaun in Tijana, Mexiko überquert haben. (10. Dezember 2018)
(Bild: Rebecca Blackwell) Mehr...