«Man musste mit diesem Anschlag rechnen»

Terrorexperte Guido Steinberg fragt sich, weshalb die Sicherheitsmassnahmen bei «Charlie Hebdo» nicht strenger waren.

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Stehen hinter dem Anschlag auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» Veteranen aus dem Krieg in Syrien?
Es deutet alles darauf hin, dass es sich um Islamisten handelt. Vollständige Gewissheit haben wir aber erst, wenn die Täter gefasst sind. Aber es ist naheliegend, dass Islamisten «Charlie Hebdo» angegriffen haben, weil das Magazin islamkritische Karikaturen veröffentlicht hat. Was die Täter zuvor getan haben, ob sie Einzeltäter sind oder einer grossen Organisation angehören, wird sich frühestens in den nächsten Tagen zeigen.

«Charlie Hebdo» wurde an einem Mittwoch angegriffen. Dann findet die Redaktionssitzung statt. Deutet das auf eine Organisation hin, die den Anschlag getimt hat?
Die Art des Anschlags deutet darauf hin, dass er geplant worden ist. Allerdings können auch gewöhnliche Franzosen ohne Terrororganisation hinter sich herausfinden, wann eine Zeitung die Redaktionssitzung abhält. Es könnte also eine kleine autonome Gruppe oder eine grössere Organisation sein. Jedenfalls ist die Opferzahl zu hoch für eine ungeplante Tat. Bisher waren es Einzeltäter, die versuchten, zuzuschlagen. Oft scheiterten sie, oder es gab nicht allzu viele Opfer.

In seiner jüngsten Ausgabe hat «Charlie Hebdo» eine Karikatur von IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi veröffentlicht. Ein Fehler?
Nein. Unsere Presse sollte sich nicht einschüchtern lassen. Wenn man jedoch gewisse Karikaturen veröffentlicht, muss man auch für die Sicherheit der Mitarbeiter sorgen. «Charlie Hebdo» ist das prominenteste Ziel der Islamisten in Frankreich seit 2006, als das Magazin die Mohammed-Karikaturen aus der dänischen «Jyllands-Posten» übernahm. 2011 gab es ja einen Brandanschlag.

Deshalb stand die Redaktion bereits unter Polizeischutz.
Offensichtlich war der Schutz nicht gut genug. Es wurden ja sogar Polizisten ­getötet. Da müssen Konsequenzen gezogen werden in allen westlichen Ländern.

Das Magazin thematisierte auch den neuen Roman des französischen Skandalautors Michel Houellebecq, der darin die Machtübernahme durch einen muslimischen Präsidenten in Frankreich beschreibt. War auch das ein Motiv für die Islamisten?
Ausschlaggebend waren wohl eher die Mohammed-Karikaturen, die «Charlie Hebdo» 2012 veröffentlicht hatte. Sie lösten in Frankreich Entrüstung aus. Mir wurde damals klar, wie forsch «Charlie Hebdo» in dieser Frage voranschreitet. 2006 hatte man noch nachgezogen. Nun aber war «Charlie Hebdo» klar an der Spitze. Man musste deshalb mit diesem Anschlag rechnen.

Provozieren diese Karikaturen nur, oder dienen sie der Aufklärung?
Die meisten Karikaturen haben mich qualitativ nicht überzeugt. Aber jede Zeitung hat das Recht, Karikaturen bis zu einem gewissen Level der Provokation zu veröffentlichen. Nur: Man muss sich im Klaren sein, was die möglichen Folgen sind. Mich wundert, dass die Sicherheitsmassnahmen nicht drastischer waren angesichts dieser Vorgeschichte.

Weshalb sind die Islamisten so furchtbar humorlos?
Es sind religiöse Fanatiker. Das ist nicht nur bei den Islamisten so. Bei allen grossen Offenbarungsreligionen können wir feststellen, dass jene, die ihre Religion wortgetreu interpretieren, ein Problem haben, über ihren Religionsstifter zu lachen. Das gilt für etliche protestantische Sekten, etwa die Zeugen Jehovas, aber auch für viele Juden. Die Islamisten sind keine Ausnahme, nur sind sie besonders gewalttätig und politisch motiviert.

Überrascht es Sie, dass es gerade in Frankreich zu einem so brutalen Anschlag gekommen ist?
Nein. Es kann auch keine Überraschung sein, dass es «Charlie Hebdo» getroffen hat. Frankreich hat seit 20 Jahren eine der stärksten militant-islamistischen Szenen. Nur Grossbritannien hat ein vergleichbares Problem. Ausserdem kommt das grösste Kontingent europäischer Kämpfer in Syrien aus Frankreich.

Ist der Krieg gegen den Islamischen Staat (IS) in Europa angekommen?
Ob es eine Verbindung zum Krieg in Syrien gibt, steht nicht fest. Ausserdem hat es bereits zuvor eine Reihe von Vorkommnissen gegeben. Etwa den Anschlag auf das jüdische Museum in Brüssel im April 2014. Der Täter war ein Franzose nordafrikanischer Abstammung. Da dürfte es Parallelen geben. Es ist gut möglich, dass es sich erneut um Täter handelt, die französisch sprechen. Die Anschläge in Kanada und Australien scheinen eher vom IS inspiriert.

Wirkt die Propaganda des IS nicht auf militante Islamisten in Europa?
Doch. Nur sollten wir uns nicht zu sehr auf Syrien konzentrieren. Andere Konflikte radikalisieren Islamisten mindestens so sehr. Französische Truppen haben Anfang 2013 gegen al-Qaida im Maghreb interveniert. Das kann ein Motiv sein, ebenso die Kriege in Afghanistan, Pakistan, Somalia oder Tschetschenien. Vor allem Mali ist für die Nordafrikaner in Frankreich wichtig, teils wichtiger als Syrien. Die Terrorgefahr hat zwar zugenommen, seit die europäischen Staaten an der Seite der USA gegen die IS-Extremisten interveniert haben. Aber der IS hat sich bisher auf den Irak und Syrien konzentriert. Anschläge in Europa stehen nicht im Vordergrund, obwohl man nun damit droht. Al-Qaida ist weiterhin die grössere Bedrohung.

Weshalb?
Dem IS geht es um ein Territorium. Al-Qaida hat dagegen klargemacht, dass man den grossen Anschlag anstrebt in den USA oder in Westeuropa. Die Nusra-Front, die mit al-Qaida verbündet ist, hat in Syrien die entsprechenden Vorbereitungen getroffen. Und deshalb haben die USA in Syrien nicht nur den IS, sondern auch die Khorasan-Gruppe angegriffen, eine Teileinheit von al-Qaida.

Wie kann man sich gegen Anschläge wie jenen in Paris wappnen?
Zunächst müssen gefährdete Einrichtungen geschützt werden. Dann müssen wir überlegen, was mögliche Ziele sind. Bei vielen Einrichtungen dürfte das Sicherheitspersonal nicht in der Lage sein, ihr Objekt zu sichern, falls es angegriffen wird wie «Charlie Hebdo». Des Weiteren müssen mögliche Täter herausgefiltert und lückenlos überwacht werden. Das ist schwierig, weil sich in Europa viele junge Muslime radikalisieren. Da müssen unsere Regierungen mehr investieren. Das gilt für die Deutschen und die Schweizer, aber weniger für die Franzosen, die ja schon recht viel tun.

Trotzdem konnten sie den Anschlag am Mittwoch nicht verhindern.
Die Franzosen haben eine stärkere Terrorismusbekämpfung als wir in Zentraleuropa. Aber wenn ein Täter sich irgendwo einfach Waffen beschaffen kann und entschlossen ist, einen Anschlag zu verüben, wird er ihn verüben. Der gestrige Angriff bedeutet nicht, dass die Geheimdienste nicht gut gearbeitet haben.

Hat die Prävention also Grenzen?
Ja. Man kann nicht alles verhindern. Aber es ist schon eine gute Nachricht, dass in den vergangenen Jahren so wenig passiert ist. Nun aber dürfte die Anschlagsfrequenz in Europa zunehmen.

In Grossbritannien ist Ukip auf dem Vormarsch, in Deutschland gibt es die islamfeindliche Pegida, in Frankreich den Front National. Und die Schweiz stimmt Initiativen zu, die die Einwanderung eindämmen. Stehen wir vor einem europäischen Kleinkrieg der Extreme?
Hoffentlich nicht. Aber diese politische Gefahr besteht. Solche Anschläge geben Rechtsextremen und Rechtspopulisten Argumente in die Hand, die scheinbar überzeugend sind. Umso mehr ist es wichtig, dass unsere Regierungen mehr in die Sicherheit investieren, dass unsere Behörden besser werden und präventiv agieren, dass unsere Nachrichtendienste stark sind. Nur so kann der Aufstieg von Rechtspopulisten in Grenzen gehalten werden.

Erstellt: 07.01.2015, 23:43 Uhr

Guido Steinberg


Der deutsche Terrorexperte arbeitet für die Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Er ist Autor des Buchs «German Jihad: On the Internationalization of Islamist Terrorism» (2013).

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