Marine Le Pens Mann der Entteufelung

Louis Aliot, Nummer 2 des Front National und Lebenspartner von Marine Le Pen, will im südfranzösischen Perpignan ins Rathaus einziehen. Er gibt sich nett, wählbar, fast banal. Nur einmal passte er nicht auf.

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Sie hängt an allen Wänden, überlebensgross. Marine Le Pen lächelt ihr souveränstes Lächeln von den Wänden des Wahlkampflokals des Front National am Boulevard Wilson von Perpignan. Als ginge es da um sie. Um «Marine», wie sie alle nennen. Als wäre sie jedermanns Verwandte. Ein bisschen Tochter, Cousine, Nichte. Star und Stolz, Grund aller Hoffnung. Irgendwann, denken hier alle, kommt Marine dann an die Macht. National. In einer Ecke, neben dem Wischmopp und dem Eimer mit Javelwasser, stehen zwei Trikoloren an Plastikstangen. Draussen regnet es. – «Un café, Monsieur?»

Perpignan, 120'000 Einwohner, am südlichen Ende der Republik, schafft es nicht sehr oft in die französischen Nachrichten. Und wenn, dann nur selten aus erfreulichem Anlass. Perpignan ist eine der ärmsten Städte Frankreichs mit überdurchschnittlich hoher Arbeitslosigkeit, vielen Sozialhilfebezügern und hohen Schulden. Nur 50 Prozent der Perpignanais im aktiven Alter bezahlen Steuern. Alle anderen verdienen zu wenig, um steuerpflichtig zu sein. Nun macht die Stadt wieder von sich reden. Wegen Marine. Oder besser: wegen Louis, Marines Lebenspartner. Louis Aliot, Vizepräsident des Front National und Compagnon der Präsidentin in Personalunion, hat am letzten Sonntag wider alle Prognosen die erste Runde der Gemeindewahlen von Perpignan gewonnen. Kein Demoskop hatte das kommen sehen. 34 Prozent der Stimmen erreichte Aliot, 4 Prozent mehr als Jean-Marc Pujol, der konservative Bürgermeister. Und 23 Prozent mehr als der sozialistische Kandidat. Die Lokalzeitung «L’Indépendant» titelte am Tag danach: «Der Schock».

Die geliftete Version des FN

Am Sonntag ist Ballotage, Stichwahl. Der Sozialist hat sich zurückgezogen, um die Wahl des Frontisten zu verhindern. Ganz sicher ist das dennoch nicht. Perpignan ist von all jenen Städten Frankreichs, die «fallen» könnten, die grösste. Aliot selber spricht auch von «fallen», so sehr hat sich die Terminologie über die Jahrzehnte eingebürgert. Selbst in den Köpfen der Frontisten. – «Oder einen Saft, Monsieur? Louis kommt gleich.» Und dann kommt er endlich, Louis Aliot, 44 Jahre alt, mit den breiten Schultern eines früheren Rugbyspielers (dritte Linie einer Provinzmannschaft) und noch breiterem Lächeln.

Man nennt ihn einen «Notabeln», so höflich und grossbürgerlich führt er den Wahlkampf, so gar nicht wie ein Mann des FN. Meistens wenigstens. Aliot verkörpert die geliftete Version des Front National, den FN 2.0. Er steht für die Überwindung der Epoche mit dem rechtsextremen Volkstribun und Haudegen Jean-Marie Le Pen, dem Vater von Marine. Es ist alles sehr verstrickt. «Wir gehören einer neuen Generation an», sagt Aliot, «wir sind keine Kinder des Krieges, wir tragen diese schweren und grossen Themen und Ideen nicht mit uns herum. Wir sind Pragmatiker, wir wollen regieren. – Hatten Sie schon einen Kaffee?»

Unter Teufels Fittichen

Aliot war noch keine 20, als er Jean-Marie Le Pen kennen lernte. Er hatte einen Wettbewerb in der Jugendorganisation der Partei gewonnen. Die Prämie war ein Treffen mit dem «Teufel», wie man Le Pen damals nannte, weil er so manche Ungeheuerlichkeit über den Zweiten Weltkrieg und die französische Kolonialzeit in Algerien verbreitete. Aliot erzählt, er habe sich bei Le Pen zunächst für seinen markanten südfranzösischen Akzent entschuldigt, den er für ein rhetorisches Handicap hielt. «Doch Jean-Marie sagte zu mir: ‹Du irrst dich, pflege deinen Akzent! Er zeigt, dass du Wurzeln in der Provinz hast, und das ist Frankreich.›»

Der «Teufel» nahm den jungen Juristen unter seine Fittiche, machte ihn bald zu seinem Kabinettschef, später zum Kampagnenleiter für den Präsidentschaftswahlkampf 2002, dann zum Generalsekretär der Partei. Und da die Partei immer schon ein Familienbetrieb war, ein dynastischer Apparat, sahen sich Louis und Marine über all die Jahre fast täglich in den Pariser Büros. Irgendwann waren dann zwar beide anderweitig verheiratet. Seit 2009 aber sind sie ein Paar, offiziell und öffentlich. Es gibt ein Foto der beiden, das sie posierend vor einem Weinberg zeigt. Es soll das liebste Foto der Fans sein, die Autogrammkarte. Aliot mag das. «Marine ist sehr beliebt im Land», sagt er, «nicht nur unter rechten Wählern, sondern auch unter linken. Die Leute fragen mich ständig: ‹Und wann kommt Marine?› Das spielte bei meinem guten Wahlresultat natürlich auch eine grosse Rolle.» Es hört sich an, als rede ein Groupie.

Für fast alle was

Für Aliot spricht auch, dass er aus der Region stammt und so einige Familiengeschichten in sich trägt, in denen sich die Wähler spiegeln können. Er wuchs in Toulouse auf. Der Vater war Gipser. Die Mutter gehörte einer Familie von Pieds-noirs an, wie man jene Franzosen nennt, die nach der Unabhängigkeit der nordafrikanischen Kolonien in die Heimat zurückkehren mussten. Sie hatte in Bab el-Oued gelebt, einem Quartier Algiers. In Perpignan gibt es eine grosse Gemeinde von Pieds-noirs, etwa 20 000, eine entscheidende Wahlklientel. Aliot versteht sich auch mit den «Gitans», den katalanischen Zigeunern im Quartier Saint-Jacques, einer marginalisierten Minderheit, 5000 Menschen, die in misslichen Verhältnissen mitten im heruntergekommenen Teil des alten Stadtzentrums leben. Viele sind arbeitslos, manche können weder lesen noch schreiben.

Früher wählten sie geschlossen die Familie Alduy, Vater und Sohn, die Perpignan während eines halben Jahrhunderts regiert hatte: klientelistisch, mit Geschenken. Nach jeder Wahl war Zahltag. Die Lebensumstände aber blieben immer schlecht. Kürzlich stürzte wieder ein Haus ein. Nun bekam ausgerechnet der Front National rund 28 Prozent Stimmen aus Saint-Jacques. Die «Gitans» sehen sich als bessere Bürger als die Magh­re­bi­ner, die nach ihnen kamen und sich zum Teil um dieselben Subventionen bemühen. Im Patriotismus des FN schärft sich ihre Abgrenzung zu den Nachzüglern. Es ist komplex.

Aliot holte auch Stimmen im politischen Zentrum und aus dem linken Lager. Die Stimmen fielen ihm wie reife Früchte zu, so enttäuscht sind die Wähler von ihren etablierten Parteien, rechts wie links. Aliot hat nämlich auch eine Familiengeschichte für seine ideologische Mässigung. Sein Grossvater, ebenfalls mütterlicherseits, war Jude. Das führt er bei jeder Gelegenheit an, als wäre es eine Art Vollkasko: «Sie sehen also», sagt er, «wir können gar keine Antisemiten sein. Ohnehin gibt es mindestens ebenso viele Antisemiten in anderen Parteien wie im Front National.»

So redet Aliot auch am Fernsehen immer: ganz ruhig, aber apodiktisch, schlussstrichmässig. Die Sender laden ihn gerne ein, er kommt gut rüber. Louis Aliot ist das sympathische Gesicht und die zweite Stimme der Partei. Die «Entteufelung» des Front National ist abgeschlossen. Wenigstens für Aliot. 34 Prozent! – «Vor drei Jahren hatte der Front weniger als 20 000 Mitglieder, nun sind es über 70 000. Wollen Sie wirklich keinen Kaffee?»

«Diese Bande von Barrosos»

Wenn man Aliot sagt, die Partei habe doch vor allem die Fassade gesäubert, tief drinnen und programmatisch sei sie noch genauso fremdenfeindlich und nationalistisch wie früher, dann kontert er: «Das sagt die Linke. Der Antifaschismus ist ihre letzte Schiessscharte. Nur gibt es keine Faschisten mehr.» Aliot wehrt sich gar dagegen, dass man den Front National als rechtsextrem bezeichnet: «Das ist eine abgegriffene Etikette. Dieses Links-rechts-Schema ist längst überholt. Früher war man mal Sozialist oder Gaullist, ein Leben lang, von Vater zu Sohn. Jetzt verläuft die Trennlinie zwischen Europa-Gegnern, Europa-Skeptikern, wie wir welche sind, und Europa-Euphorikern, die dieser Bande von Barrosos, Montis, Prodis & Co. anhängen und alle Diktate aus Brüssel einfach hinnehmen.»

«Bande» – das Wort passt nicht in den gepflegten Duktus des Notabeln. Es fällt aus dem Rahmen. Muss sich Louis Aliot etwa furchtbar anstrengen, dass ihm kein Fauxpas passiert? Fällt ihm am Ende der Charme gar nicht so leicht?

«Diese Schlampe»

Wenige Tage vor der Wahl unterlief ihm ein peinlicher Aussetzer. Da publizierte «L’Indépendant» eine Kurzmeldung, in der es hiess, dass sechs Kandidaten auf der Wahlliste Aliots gar nicht in Perpignan wählen könnten, weil sie nicht hier registriert seien. Nichts Weltbewegendes. Aliot aber ärgerte sich nach der frühmorgendlichen Lektüre so sehr über die zwölf Zeilen aus der Feder jener Journalistin, die ihn seit Jahren begleitet und beobachtet, dass er einem Parteikollegen ein SMS schrieb, in dem er Frédérique Michalak «cette pute» nennt – «diese Schlampe». Dummerweise sandte er das SMS aber nicht an seinen Kollegen, sondern an die Journalistin selber. Er merkte es schnell, schickte gleich ein zweites SMS hinterher, in dem er sich ein bisschen entschuldigte und ein bisschen beschwerte. Der Fall machte landesweit Schlagzeilen.

«Es war die erste Entgleisung in seiner ganzen Karriere», sagt Michalak später beim Kaffee, «er hat sich sonst immer im Griff.» Sie sei erstaunt gewesen, aber nicht überrascht. «Aliot ist nun mal in der FNJ gross geworden, der Jugend des Front National, und da werden einem keine Manieren beigebracht.» Die Zeitung publizierte einen fein ironischen Artikel über den Stil Aliots. Geschadet hat ihm die Geschichte aber wohl nicht. «Ich habe ihn im vergangenen Jahr ständig nach seinem Programm für Perpignan gefragt», sagt Michalak, «doch er hat keines. Aliot hat es zwar geschafft, die Partei zu banalisieren, er ist einer der wichtigsten Architekten der Entteufelung. Aber inhaltlich hat sich nichts geändert.»

19 Uhr, Salle des Libertés. Gleich tritt Aliot auf. Die Halle der Freiheiten ist schnell voll, tausend Leute, es hat nicht genügend Stühle. Es ist ein gemischtes Volk: junge Menschen aus allen Quartieren und Gemeinschaften der Stadt, hübsche Damen in Gala, Kinder mit Tablets zum Zeitvertreib, ältere Herren in gut sitzenden Anzügen, Hipster mit Bärten und grossen Brillen. Ein Triumph. Früher, vor vier oder fünf Jahren noch, sah man an den Veranstaltungen des Front National vor allem kahl geschorene Schädel, pensionierte Offiziere in ihren alten Uniformen samt Dekorationen und platinblonder Begleitung. Natürlich wählten auch andere Leute FN. Nun aber stehen die Wähler des FN auch öffentlich zu ihrer Wahl. Als Reporter darf man einfach so in die Menge filmen, ohne dass sich die Leute wegdrehen. «FN – pourquoi pas?», fragen sie.

Rassisten sind die anderen

Aliot redet eine Stunde lang ohne Manuskript. Kritisiert das «System», die «Eliten», die Sozialisten und die Bürgerlichen, alle zusammen. Die anderen eben, alle gleich, alle unfähig. Einmal sagt er: «Nicht wir sind die Rassisten. Rassisten sind die, die den Zigeunern von Saint-Jacques kein würdiges Leben bieten.» Applaus. Und: «Die Herrschaften an der Macht haben Angst, dass wir gewinnen. Sie erzählen den Leuten, dass die Sonne aufhöre zu scheinen, wenn wir gewinnen, dass die Tramontane (ein Wind, Red.) dann nicht mehr wehen würde.» Gelächter. Frédérique Michalak, die Journalistin, ist auch wieder da, mittendrin in den Leuten, und notiert sich die Slogans. Viele hat sie schon oft gehört, viele stammen aus dem Entteufelungsrepertoire. Von einem Programm redet Aliot wieder nicht: keine Zahl, keine greifbare Regierungsidee, nichts. Sie wird ihn morgen wieder daran erinnern in der Zeitung.

Dann bittet Louis Aliot zum Mitsingen. Die «Marseillaise» scheppert durch den Saal der Freiheiten. «Vive la France, et vive Perpignan!», ruft er noch ins Mikrofon. Beifall. Rechts neben der Bühne hängt sie wieder, lächelnd und überlebensgross: Marine Le Pen, die Partnerin und Patin, sein grösster Trumpf.

Erstellt: 27.03.2014, 20:52 Uhr

Der Vertreter des Front National und Lebenspartner von Marine Le Pen sagt, weshalb er die Schweiz bewundert.

Aliot zur Frage, ob der Front National Kontakte zur Schweizer SVP unterhält.

An einer Veranstaltung des Front National im südfranzösischen Perpignan singen Teilnehmer die Marseillaise.

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