Mariupol ist eine Festung

In der südostukrainischen Stadt Mariupol ist seit Beginn des Bürgerkrieges nichts mehr so, wie es war. Fast die Hälfte der Einwohner sollen ihre Häuser verlassen haben. Die Zurückgeblieben überleben zwischen Ruinen.

Die Hafenstadt gleicht einer Festung: Ein ukrainischer Soldat bewacht eine Friedensdemonstration in der Stadt Mariupol. Foto: Anatoly Maltsev (Keystone)

Die Hafenstadt gleicht einer Festung: Ein ukrainischer Soldat bewacht eine Friedensdemonstration in der Stadt Mariupol. Foto: Anatoly Maltsev (Keystone)

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Die Hafenstadt im Südosten der Ukraine gleicht einer Festung. Drei Verteidigungsringe sollen das Eindringen fremder Truppen verhindern. An allen Ausfallstrassen stehen Soldaten an Kontrollposten. Der Alltag in Mariupol, wo bis zum Ausbruch des Kriegs fast 800'000 Menschen lebten, ist schwierig geworden. Mehr als 50 Prozent der Einwohner sollen ihre Heimat mittlerweile verlassen haben.

Doch Nikolai will bleiben. Der 65-Jährige ist Mediziner und hat bis zu seiner Pensionierung im städtischen Krankenhaus gearbeitet. Nun unterstützt er die NGO Narodni Front Mariupol (Volksfront von Mariupol). Freiwilligenbataillone und deren Familien werden durch die Organisation mit Kleidung, Lebensmitteln und Medikamenten versorgt. Der grosse, schlanke Mann führt die Bücher der NGO. Täglich bringen Menschen Spenden in das kleine Büro, das in einem Gewerbepark im Stadtzentrum untergebracht ist. «Die Firmen, die hier bis zum Sommer arbeiteten, haben ihren Dienst eingestellt. Der Besitzer des Hauses hat uns die Fläche zur Verfügung gestellt, damit das Gebäude nicht leer steht», sagt Nikolai. Aus dem Fenster ist der Sitz der früheren Stadtverwaltung zu sehen. Dort haben sich im Mai Kämpfer der prorussischen Separatisten und die ukrainischen Streitkräfte tagelang Schusswechsel geliefert. Das Gebäude ist teilweise ausgebrannt. Aus den zerborstenen Fenstern flattern Gardinenreste. Keiner macht das Haus winterfest.

Ein Lastwagen mit Fahnen

Nikolai erinnert sich an einen Abend im April. Damals, so sagt er, sei er mit Freunden zum Biertrinken in eine Kneipe gegangen. Ihm fielen mehrere Männer in Zivil auf, die von Tisch zu Tisch gingen und das Gespräch suchten. «Sie sind auch zu uns gekommen und haben uns gefragt, ob wir am nächsten Tag zu einer Demo kommen wollten. Für die Teilnahme boten sie uns Geld an.» Einer seiner Freunde sei hingegangen. Ein Lastwagen sei zur verabredeten Zeit mit Fahnen der «Volksrepublik Donezk» vorgefahren, die Flaggen wurden an die ­Demonstranten verteilt. Wenig später ging es zur Stadtverwaltung. Dort stand bereits eine Gruppe mit Mikrofonen, vom Band wurden sowjetische Armeemärsche gespielt. «Am Abend zeigte das Lokalfernsehen dann Ausschnitte von dieser Veranstaltung, und es hiess, Tausende Einwohner Mariupols forderten den Austritt ihrer Region aus der Ukraine», erzählt Nikolai. Wenig später wurde die Stadt von militanten Kräften besetzt, die sich als «Vertreter der Republik Donezk» bezeichneten. Die Gruppen hätten einen enormen Druck ausgeübt. Sie seien von Geschäft zu Geschäft gezogen und hätten die Ladenbesitzer bedroht. «Sie nahmen sich, was sie brauchen konnten. Wer sich ihnen in den Weg stellte, wurde verprügelt oder verschleppt, einige sind bis heute verschwunden», erklärt Nikolai.

Heute, ein halbes Jahr später, ist der grösste Teil der Geschäfte in der Innenstadt geschlossen. Vereinzelt fallen ausgebrannte, teilweise zerschossene Ruinen auf – auch neben dem Hotel Spartak, in der Charlampiewskaja-Strasse im Stadtzentrum. Dort arbeitet Lubow als Hotelangestellte. Das Spartak gehört zu den wenigen Hotels, die auch jetzt noch Gäste haben. Lubow erklärt unumwunden, dass sie bis zum Frühjahr für die Separatisten Sympathien gehegt habe. Als dann aber im Mai die Kämpfe und Plünderungen anfingen, hatte sie genug von der «Volksrepublik Donezk». Jetzt wünscht sie sich jemanden, der Ordnung schafft und für Arbeit sorgt. Der russische Präsident Wladimir Putin könne so was. «Aber wir sind Ukrainer, wir sehen es an der Krim, Russland lässt dort das Geld auch nicht vom Himmel regnen.» Sie fände es gut, sagt sie, wenn die Ostukraine mehr Autonomie bekäme.

Die Heizungen bleiben kalt

Lubow wohnt zusammen mit ihrer Tochter und ihrer Mutter in einer kleinen Wohnung im Westen der Stadt. Seit Tagen verbringt sie aber auch ihren Feierabend im Hotel. «Hier gibt es wenigstens Strom und warmes Wasser», so ihre Begründung. Wie Nikolai sucht auch Lubow Ablenkung in der Arbeit. Das Leben in Mariupol ist schwierig geworden. Es kommt immer wieder zu Stromausfällen. Die Temperaturen fallen in der Nacht unter zehn Grad. Doch die meisten Heizungen bleiben kalt. Auf den Strassen sind auch am Tag nur wenige Autos und Busse unterwegs. Abends ist das Stadtzentrum wie ausgestorben. Nur selten durchbrechen Autoscheinwerfer die Dunkelheit. Regelmässig fahren Panzerfahrzeuge und LKW mit Soldaten durch die Stadt.

Während Nikolai hofft, dass die starke Militärpräsenz eine Übernahme der Stadt verhindern kann, hat Lubow genug vom «Kriegszustand». Ihrer Meinung nach weiss in Kiew niemand, was sich derzeit in der Ostukraine zusammenbraut. Vor allem die vielen unterschiedlichen Milizen seien gefährlich. «Keiner will es aussprechen, aber die ­Bataillone beschiessen sich doch gegenseitig», sagt die Frau. Eigentlich müsste der Kommandant der Anti-Terror-Operation in Mariupol Auskunft darüber geben können. Er hat seinen Standort am Flughafen. Der durchtrainierte Mann trägt eine dunkelgrüne Tarnuniform ohne ukrainische Hoheitsabzeichen oder Hinweise auf den Rang. Er sagt nur so viel: «Ich bekomme meine Befehle von mehreren Ministerien in Kiew.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.10.2014, 20:44 Uhr

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