Hintergrund

Mediale Hinrichtung im eigenen Haus

«Today»-Moderator John Humphrys brachte BBC-Chef George Entwistle in einem Lehrstück von einem Interview zum Stottern. Das Gespräch führte zum Rücktritt.

Bekannt für seine hartnäckigen Interviews: John Humphrys (Bild: BBC).

Bekannt für seine hartnäckigen Interviews: John Humphrys (Bild: BBC).

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Es waren 24 lange und quälende Minuten im Leben von George Entwistle. Am Samstag sass der oberste BBC-Chef im Studio von Radio 4, um sich den Fragen von Moderator John Humphrys zu stellen. Es ging wieder einmal um das brisante Thema Kindesmissbrauch. Seit Wochen ist die BBC wegen Enthüllungen um den langjährigen BBC-Entertainer Jimmy Savile in den Schlagzeilen (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete). Und nun erneut, weil die Sendung «Newsnight» in einem Bericht den konservativen Politiker Alistair McAlpine mit Kindesmissbrauch in Verbindung brachte, was sich allerdings als falsch erwies.

Merkwürdige Aussagen

George Entwistle stellte sich in der Morgensendung «Today» den kritischen Fragen seiner eigenen Leute. Wie ist die jüngste Fehlleistung zu erklären? Was ging schief? Doch im Abspulen von Entschuldigungsfloskeln blieb es nicht. Entwistle wurde von Journalist John Humphrys auf die mediale Schlachtbank geführt. Das Gespräch entpuppte sich nach einem harmlosen Einstieg – wenn man so will – als regelrechte Hinrichtung. Ohne Pardon wurde der Chef in Mangel genommen.

Der halbstündige Auftritt von Entwistle war alles andere als souverän. Humphrys konnte aufzeigen, wie wenig bis gar nicht Entwistle von der desaströsen Berichterstattung wusste, obwohl sich im Vorfeld der Ausstrahlung abzeichnete, dass der Bericht problematisch ist. So will Entwistle nichts von einem Frontartikel des «Guardian» gewusst haben, der Alistair McAlpine von den Vorwürfen des Kindesmissbrauchs entlastete. Merkwürdig muteten auch Entwistles Aussagen an, nichts von einer Vorankündigung des Produktionsteams gewusst zu haben, welches eine politische Sensation auf dem Kurznachrichtendienst Twitter versprochen hatte. Dass Entwistle keine Kenntnisse hatte über die brisanten Recherchen, wirkte bizarr. Immerhin ist «Newsnight» – und Entwistle war selbst Jahre Chef dieser Sendung – eine der wichtigsten politischen TV-Formate der BBC.

«You should go, shouldn't you?»

Ein naiver Chef? Im Interview wollte Humphry seinem Chef nicht so recht glauben. Durch hartnäckiges Ausfragen brachte er Entwistle schliesslich so weit, dass sich dieser nur noch in billigen Ausreden übte. Er lese Twitter nur ab und zu. Lese nicht alle Zeitungen selbst, hätte Reden vorbereiten müssen oder könne sich aufgrund der Informationsflut nicht über alle Vorgänge im Hause vorinformieren. Die Schlüsselszene war dann auch gegen Schluss:

John Humphrys: «Sie sagen, der Chefredaktor trage die letzte Verantwortung. Aber die Frage drängt sich auf: Sie sollten gehen, nicht? (You should go, shouldn't you?)»
Georg Entwistle: «Nein, John, ich bin der gewählte Generaldirektor.»

Nach dem Interview folgte der Rücktritt – nach nur 54 Tagen –, dann schlugen auch die Zeitungen zu. Der Guardian kommentierte: «Das Interview bedeutete Entwistles Fall.» Das Interview zeige deutlich, dass die BBC zur Selbstkritik fähig sei. Wohl auch deshalb sprach Premier Cameron am Sonntag sein anhaltendes Vertrauen in die «nationale Institution» aus. Die Situation sei schwierig, aber die BBC sei in der Lage, sich selbst zu reformieren.

Erstellt: 12.11.2012, 15:00 Uhr

«Today»-Interview

BBC, «Weekend Breakfast», 10. November 2012

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