Serbien erwartet als Gegenleistung nun einen zügigen EU-Beitritt

Der serbische Präsident bestätigt: Ratko Mladic wurde verhaftet. Er war einer der meistgesuchten mutmasslichen Kriegsverbrecher Europas. Nun könnte der Weg Serbiens in die EU frei werden.

Verkündete heute die Verhaftung von Ratko Mladic: Der serbische Präsident Boris Tadic.

Verkündete heute die Verhaftung von Ratko Mladic: Der serbische Präsident Boris Tadic. Bild: Reuters

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Der seit rund 15 Jahren flüchtige mutmassliche Kriegsverbrecher Ratko Mladic ist festgenommen worden. Mladic sei am Morgen gefasst worden, sagte Serbiens Staatschef Boris Tadic.

«Im Namen der Republik Serbien verkünden wir, dass Ratko Mladic festgenommen wurde», sagte Tadic bei einer eilends anberaumten Pressekonferenz. In kroatische Medien, die über die Festnahme als erste berichteten, hiess es, die kroatische Polizei habe die Bestätigung von ihren serbischen Kollegen erhalten. Anhand einer DNA-Analyse sei die Identität Mladics festgestellt worden.

Die Verhaftung öffnet nach Ansicht von Boris Tadic auch die Türen für die Versöhnung auf der ganzen Balkanhalbinsel. «Die Verhaftung ist wichtig für die Versöhnung», sagte Tadic. Serbien schliesse damit ein Kapitel seiner Geschichte und befreie sich von einer schweren Last. Die serbische Regierung erwartet nun im Gegenzug einen zügigen EU-Beitritt, wie Tadic sagte. Dass der mutmassliche Massenmörder auf freiem Fuss war, galt als eines der grössten Hindernisse bei den Bemühungen Belgrads um eine Mitgliedschaft in der EU.

Im Norden verhaftet

Details zur Festnahme wollte Tadic nicht preisgeben. Der TV-Sender B92 berichtete, Mladic sei im Norden des Landes dingfest gemacht worden. Der Geheimdienst habe Mladic im Dorf Lazarevo bei Zrenjanin verhaftet.

Der serbische Präsident erklärte weiter, die Verantwortlichen für die jahrelange Flucht Mladics würden nun gesucht und gefunden. Mladic selbst werde in Kürze an das UNO-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag überstellt.

Mladic ist vom UNO-Kriegsverbrechertribunal wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnien-Kriegs (1992-1995) angeklagt.

Nato begrüsst Festnahme

Ihm wird unter anderem das Massaker in der bosnischen Stadt Srebrenica angelastet. Dabei waren im Juli 1995 innert weniger Tage etwa 8000 muslimische Männer und Jugendliche durch serbische Truppen und Freischärler ermordet worden.

Zudem war Mladic für die 44-monatige Belagerung und den Beschuss der bosnischen Hauptstadt Sarajewo verantwortlich. Angelastet werden Mladic auch Massaker und Vertreibungen der bosnischen Zivilbevölkerung und Gräuel in Internierungslagern.

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen begrüsste Mladics Verhaftung. 16 Jahre nach der Anklage gegen ihn «bietet seine Verhaftung endlich eine Chance dafür, dass die Gerechtigkeit ihren Lauf nimmt», hiess es in einer in Brüssel veröffentlichten Erklärung Rasmussens.

Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International begrüsste die Festnahme. «Es hat zwar mehr als 15 Jahre gedauert, aber jetzt haben die Menschen, die gelitten haben, die Hoffnung, dass er vor Gericht gestellt wird», sagte ai-Vertreter Widney Brown.

Mladic wird vom UNO-Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien gesucht, vor dem er wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnien-Kriegs (1992- 1995) angeklagt ist.

«Bedeutender Tag für Gerechtigkeit»

Den Haag Das UNO- Kriegsverbrechertribunal für das frühere Jugoslawien hat die Verhaftung des mutmasslichen serbischen Massenmörders Ratko Mladic begrüsst. «Heute ist ein bedeutender Tag für internationale Gerechtigkeit», sagte UNO-Chefankläger Serge Brammertz am Donnerstag.

«Mit Mladics Festnahme hat Serbien eine seiner internationalen Verpflichtungen erfüllt», sagte Brammertz am Telefon in Kroatien. Der Chefankläger hatte erst kürzlich bei der EU in Brüssel geklagt, Serbien tue nicht genug, um Mladic festzunehmen.

Im Entwurf eines Berichts für Juni geplanten Berichts von Brammertz an den UNO-Sicherheitsrat hiess es noch, Serbiens Strategie zur Verhaftung von Mladic sei «vollständig erfolglos».

USA zeigen sich «erfreut»

UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon sprach nach Mladics Verhaftung von einem «historischen Tag für die internationale Justiz». Sie sei ein wichtiger Schritt im Kampf gegen die Straflosigkeit, sagte Ban in Paris. Er bedankte sich bei der serbischen Regierung und bei Präsident Boris Tadic. Die Überstellung Mladics an das UNO-Tribunal sei bereits «im Gange», sagte Ban.

Auch die USA zeigten sich «erfreut» über die Verhaftung. Der stellvertretende Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Barack Obama, Ben Rhodes, gratulierte am Rande des G8-Gipfels in Deauville der serbischen Regierung.

Der britische Aussenminister William Hague sprach von einem «historischen Moment». «Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen derer, die bei der Belagerung von Sarajevo und beim Völkermord in Srebrenica getötet wurden», hiess es in einer Mitteilung Hagues. Die Festnahme sei ein Beweis für die serbische Zusammenarbeit mit dem UNO-Tribunal.

Liste der Anklagepunkte gegen Mladic:

Das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag hat den früheren General der bosnischen Serben, Ratko Mladic, wegen Völkermords, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in insgesamt 15 Fällen angeklagt. Die Verbrechen soll er während des Bosnienkriegs zwischen 1992 und 1995 begangen haben. Im Folgenden eine Liste der Anklagepunkte:

- Zwei Fälle von Völkermord und Beihilfe zum Völkermord, unter anderem wegen des Massakers in der UN-Schutzzone Srebrenica, wo im Juli 1995 etwa 8000 muslimische Männer und Jungen von bosnisch-serbischen Truppen getötet wurden.

- Sieben Fälle von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, darunter Verfolgung aus politischen, rassistischen und religiösen Gründen, Menschenvernichtung, Mord, Deportation und gewaltsame Vertreibung. Die Vorwürfe beziehen sich auf Verbrechen in Srebrenica und Sarajevo sowie in 27 anderen bosnischen Städten und Dörfern.

- Sechs Verstösse gegen Vereinbarungen und Konventionen für Kriegsfälle, darunter Mord, Grausamkeit, Angriffe und Terror gegen Zivilisten sowie Geiselnahme. Von letzterem Verbrechen waren laut Anklage auch Beobachter der Vereinten Nationen sowie internationale Militärbeobachter betroffen. (bru/pbe/dapd/sda)

Erstellt: 26.05.2011, 12:19 Uhr

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Ratko Mladic gefasst

Ratko Mladic gefasst Der flüchtige einstige Militärchef der bosnischen Serben Ratko Mladic ist festgenommen worden.

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Hier wurde Mladic verhaftet: Im Norden Serbiens, Dorf Lazarevo.

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Die serbische Polizei hat den meistgesuchten Kriegsverbrecher Ex-Jugoslawiens festgenommen. (Video: Reuters )

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