Menschlichkeit mit Füssen getreten

Der Unfall von Soma, das folgenschwerste Bergwerksdrama in 90 Jahren Türkische Republik, symbolisiert die dunkle Seite des Wirtschaftsbooms der Erdogan-Dekade.

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Bilder sind mächtig, sie können ein Feuer entfachen, das so schwer zu löschen ist wie das in der türkischen Kohlegrube von Soma. Eines jener Bilder zeigt Yusuf Yerkel, einen Berater von Premierminister Recep Tayyip Erdogan, mit Krawatte und blütenweissem Hemd, der mit voller Wucht nach einem Demonstranten in Soma tritt. Es gibt noch ein weiteres Foto, das am Donnerstag die türkischen Medien beherrscht: die russgeschwärzten Füsse eines aus der Katastrophenzeche geborgenen Bergmannes. Weisse Weste und schwarze Füsse – dazwischen liegt das Unglück der Türkei. Der Grubenunfall von Soma, das folgenschwerste Bergwerksdrama in 90 Jahren Türkische Republik, symbolisiert die dunkle Seite des Wirtschaftsbooms der Erdogan-Dekade. Das Nationaleinkommen hat sich in dieser Zeit verdreifacht, worauf der Premier stets mit Stolz verweist. Nicht erwähnt wird dagegen, dass die Arbeitsbedingungen in der Türkei in vielen Branchen immer noch äusserst rau sind.

Gewerkschaften marginalisiert

Ob auf Baustellen oder Teeplantagen, in Textilbetrieben und Werften – in der Türkei wird die Arbeitssicherheit oft eher kleingeschrieben, Lohndrückerei in Subunternehmen dagegen meist gross. Nicht an Gesetzen fehlt es, aber an Kontrollen. Nur fünf Prozent der Arbeiter sind gewerkschaftlich organisiert, das sind Erdogan immer noch zu viele: Demonstrationen zum 1. Mai dürfen nicht auf symbolischen Plätzen – wie dem Istanbuler Taksim – stattfinden, sondern nur am Stadtrand, wo es keiner sieht.

Erdogan liegt daher mit seinem Verweis auf die Bergwerksunfälle im England des 19. Jahrhunderts gar nicht so falsch, auch wenn der Vergleich für ein Land, das Satelliten baut und Atomkraftwerke errichten will, alles andere als schmeichelhaft ist. Nur noch zynisch aber wirkt es, wenn der Regierungschef die miesen Bedingungen in Teilen der türkischen Wirtschaft als «schicksalhaftes Arbeitsplatzrisiko» bezeichnet. Erdogan setzt offenbar darauf, dass auch der Schmerz und die Toten aus der Kohlegrube von Soma wieder vergessen und verdrängt werden wie so viele Opfer anderer Kata­strophen in der jüngeren türkischen Geschichte, von Erdbeben, Kurden-Krieg, Militärmassakern oder den Gezi-Protesten erst vor einem Jahr.

Machtmensch Recep Tayyip Erdogan könnte damit auf längere Sicht sogar wieder einmal recht behalten. Nach Umfragen glaubt nur ein Viertel der Türken, das eigene Schicksal beeinflussen zu können. Nur: Der Regierungschef wollte eigentlich in diesen Tagen entscheiden, ob er sich in wenigen Wochen bei der Präsidentenwahl dem Votum des Volkes stellen möchte. So schnell werden die Reihen der Särge aus Soma kaum aus dem nationalen Gedächtnis verschwinden.

Die Strategie Erdogans lautete stets: Ich teile und herrsche. Damit hat er das Land polarisiert und alle Wahlen gewonnen. Dieses Rezept dürfte zumindest nach Soma nicht mehr so gut funktionieren. Denn die Menschen im Ruhrgebiet der Türkei waren bislang keine Regierungsgegner, viele wählten AKP. Deshalb wirkt das Bild des Erdogan-Beraters Yusuf Yerkel, der auf einen liegenden Protestler eintritt, so fatal. Denn dessen schlichte Botschaft lautet: Euer Schmerz interessiert uns nicht.

In der Türkei ist die Trauer der Hinterbliebenen nach dem verheerenden Grubenunglück mit mehr als 280 Toten unermesslich. In Soma kam es zu herzzerreissenden Szenen, als Familien zahlreiche der toten Kumpel zu Grabe trugen. Zum Zeitpunkt des Unglücks waren angeblich 787 Arbeiter in der Zeche. Nach Angaben der Betreibergesellschaft sind 450 Kumpel gerettet worden. Darunter seien 80 Verletzte, die noch in Spitälern behandelt würden, teilte die Soma Holding am Donnerstag auf ihrer Internetsite mit. Somit ist das Schicksal von 55 Arbeitern ungeklärt. Hoffnung auf Überlebende gibt es kaum noch.

Unterdessen wurden Hinweise auf den Todeskampf der eingeschlossenen Kumpel bekannt. Die Nachrichtenagentur Dogan (DHA) berichtete unter Berufung auf Rettungskräfte, 14 Kumpel hätten im einzigen Schutzraum in der Zeche Zuflucht gesucht. In dem nur fünf Quadratmeter grossen Raum hätten sie sich an den Masken abgewechselt, bis der Sauerstoff aufgebraucht gewesen sei. Dann seien sie erstickt. Die Retter hätten die 14 Leichen übereinanderliegend gefunden. DHA berichtete, in der Zeche habe es für 6500 Kumpel nur diesen einen Schutzraum gegeben.

Die Proteste gegen die Regierung Erdogan dauerten am Donnerstag an. In der westtürkischen Küstenmetropole Izmir ging die Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern gegen 20 000 Demonstranten vor. Mehrere Gewerkschaften hatten zum Streik aufgerufen. Wut löste auch ein Berater von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan aus. Yusuf Yerkel hatte Erdogan am Mittwoch bei einem Besuch in Soma begleitet. Dabei war es zu Buhrufen und Protesten gegen Erdogan gekommen. Auf Fotos ist zu sehen, wie Yerkel auf einen Mann eintritt, den zwei Sicherheitskräfte am Boden festhalten (siehe Bild oben). Türkischen Medienberichten zufolge sagte Yerkel, bei dem Mann am Boden habe es sich um einen militanten Linken gehandelt, der ihn und Erdogan beleidigt habe.

Die Unglücksursache war weiter ungeklärt. Medien zufolge hatte ein elektrischer Defekt in einem Transformator zunächst eine Explosion und dann einen Brand verursacht, der in 150 Meter Tiefe ausbrach. Am Donnerstag war der Brand in der Zeche noch nicht unter Kontrolle. «Es sieht so aus, als wenn das Feuer kleiner geworden wäre», sagte Energieminister Taner Yildiz am Donnerstag. «Die Kohlenmonoxidwerte im Bergwerk beginnen zu fallen.» (SDA)

Erstellt: 15.05.2014, 23:41 Uhr

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R. T. Erdogan.

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