Analyse

Merkel - Steinbrück 1:1

Der SPD-Kandidat hat die Kanzlerin im TV-Duell heftig attackiert. Seine Gegnerin schien zeitweise etwas lustlos zu agieren. Doch der Rückstand von Rot-Grün bleibt gross.

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Er ist seinem Ruf als Klartext-Politiker gerecht geworden. Peer Steinbrück hat beim TV-Duell Kanzlerin Angela Merkel zum Teil heftig attackiert. «Es braucht eine Regierung, die geführt wird und die nicht Kreisverkehr fährt wie in den letzten vier Jahren», sagte er. Den Zuschauern empfahl er, sich von der Kanzlerin «nicht einlullen zu lassen». Der SPD-Kandidat kritisiert, in den vergangenen vier Jahren seien viele Probleme in Deutschland liegen geblieben, namentlich, was Energiepreise, die Infrastruktur und gerechte Löhne betrifft.

Merkel konterte, vielen Menschen gehe es besser als vor vier Jahren. Es gebe im Land so viele Beschäftigte wie noch nie, junge Menschen hätten gute Aussichten, eine Ausbildung zu finden; auch der Staatshaushalt sei auf Konsolidierungskurs. «Wir haben gezeigt, dass wir es können», sagte Merkel über die von ihr geführte Bundesregierung. «Deutschland steht stark da. Deutschland ist Stabilitätsanker.»

Steinbrück, der in einer hellblau-weiss-schwarz gestreiften Krawatte erschien, wirkte präsenter und angriffslustiger. Er bemühte sich, die Unterschiede zwischen seinem Programm und demjenigen der Union herauszustreichen. Er betonte, dass er einen flächendeckenden Mindestlohn einführen wolle. Zudem wolle er die Steuern für Gutverdienende und Vermögende erhöhen, um mehr in Bildung, Infrastruktur und Schuldenabbau zu investieren. Andere Akzente will er auch in der Europapolitik setzen. Steinbrück bezeichnete die Krisenstrategie der Kanzlerin als «gescheitert». Sie setze zu sehr auf Sparen. Es fehle ein Wachstumsimpuls.

Beide gleich überzeugend

Die Kanzlerin dagegen warnte davor, die Steuern zu erhöhen. Das würde die gute Ausgangslage der deutschen Wirtschaft verschlechtern. Sie verwies auch darauf, dass der Staat derzeit rekordhohe Einnahmen hat. «Wir können mit den Steuern, die wir haben, auskommen», erklärte sie.

Das TV-Duell ist mit grosser Spannung erwartet worden. Der Schlagabtausch im Sendestudio Berlin-Adlershof ist auf fünf Sendern live übertragen worden. Die mediale Aufmerksamkeit war riesig: 800 Journalisten haben sich für den Anlass akkreditiert.

Die Sendung markiert den Höhepunkt des bisher eher ruhigen Wahlkampfes – nur hier treffen Kanzlerin und Herausforderer direkt aufeinander. Steinbrück trat als schlagfertiger, scharfzüngiger Politiker auf. Die Kanzlerin wirkte zeitweise etwas lustlos. Sie hat aber in einem entscheidenden Punkt Umsicht bewiesen: in der Koalitionsfrage. Steinbrück lehnt es ab, in einer grossen Koalition unter Kanzlerin Merkel die Nummer 2 zu werden. Sie argumentierte geschickt, es gehe doch nicht um Personen oder um Parteien, sondern ums Land. Eine erste Kurzumfrage der ARD zeigte, dass die Zuschauer beide Politiker etwa gleich überzeugend fanden.

Grosser Rückstand

Das Lager von Steinbrück hatte auf einen haushohen Sieg gehofft, weil der Rückstand von SPD und Grünen derzeit, drei Wochen vor der Wahl, sehr gross ist. Aktuellen Umfragen zufolge könnte es sogar knapp für eine Neuauflage der schwarz-gelben Regierung reichen. CDU/CSU kommen demnach auf etwa 39 Prozent, die FDP liegt bei 6 Prozent. Das wäre ein Prozent mehr als SPD (23 Prozent), Grüne (11 Prozent) und Linkspartei (10 Prozent) zusammen. Da Steinbrück jedoch nicht mit Linken koalieren will, fehlen dem rot-grünen Lager insgesamt über 10 Prozentpunkte für eine Mehrheit.

Die Erfahrung vergangener Jahre zeigt auch, dass sich bis zu einem Viertel der Wähler erst in den letzten Wochen entscheidet, viele sogar erst in den letzten Tagen. Vor allem die SPD hofft auf diese Unentschlossenen. Wie eine Blitzumfrage ergab, hat gerade diese Wählergruppe Steinbrück im TV-Duell besser gefunden.

Freilich könnte das gestrige Duell mindestens zum Teil bald von einem weiteren TV-Anlass überlagert werden: Heute Montagabend treten die Spitzenkandidaten von Linkspartei, FDP und Grünen zum Dreikampf vor die Fernsehkameras.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.09.2013, 23:30 Uhr

Im TV-Duell von Bundeskanzlerin Angela Merkel und SPD-Spitzenkandidat Peer Steinbrück hat es laut Umfragen keinen klaren Sieger gegeben. (Video: Reuters )

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