Merkel macht einfach weiter

Nach der Wahl ist die deutsche Kanzlerin angeschlagen und gefordert wie selten. Doch echte Alternativen gibt es vorerst nicht, weder in ihrer Partei noch im Land.

Zähe Artistin der Macht: Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Zähe Artistin der Macht: Bundeskanzlerin Angela Merkel. Bild: Fabrizio Bensch/Reuters

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Die Kanzlerdämmerung auszurufen, ist im deutschen Journalismus ein beliebtes Genre. Schon bei den Langzeitregenten Konrad Adenauer und Helmut Kohl wurde es sorgsam gepflegt, nun bei Angela Merkel mit Akribie verfeinert. In der Eurokrise, als ihre Beliebtheitswerte erstmals drastisch fielen, wurde alle paar Monate das nahe Ende ihrer Kanzlerschaft heraufbeschworen. Seit der Flüchtlingskrise hat es eigentlich gar nicht mehr aufgehört zu dämmern.

Und nun, nach einem Sieg, der für Merkel in Gestalt einer Niederlage daherkam, rufen wieder alle: Es ist der Anfang vom Ende! Abgesehen davon, dass all diese Prophezeiungen irgendwann wahr werden, wenn man nur lange genug an ihnen festhält, lässt sich sagen: Wahrscheinlich ist der Ruf verfrüht, einmal mehr.

Überhaupt verblüfft, wie übergangslos das Publikum der deutschen Bundestagswahl am Sonntagabend seinen Gemütszustand wechselte: von angeblich unübertrefflicher Langeweile zu fast grenzenloser Hysterie in 20 Sekunden. Dabei hatte das erste Missverständnis das zweite wesentlich vorbereitet. Es war ausgerechnet das langweilige TV-Duett von Merkel und Schulz gewesen, das den Widerwillen gegen eine neuerliche Grosse Koalition vielerorts mächtig anstachelte. Die traditionellen kleinen Parteien und die Alternative für Deutschland (AfD) sammelten den Unmut fleissig ein: 1 Million früherer Unions-Wähler legte diesmal AfD ein, sogar 1,3 Millionen FDP. Die SPD verlor nach allen Seiten. Das Resultat war ein erklärbarer Schock: ein Debakel für die grossen Parteien, ein Fest für die Kleinen.

Das «neurotische Quartett»

So bewirkte die Dynamik der letzten drei Wochen, dass sich Merkels prophezeiter bequemer Sieg noch in eine halbe Niederlage verwandelte. Am Tag nach der Wahl erschien sie entsprechend angeschlagen und herausgefordert wie selten. Ihr steht fraglos die schwierigste Regierungsbildung in der Geschichte der Bundesrepublik bevor. Sie habe es mit einem «neurotischen Quartett» zu tun, schrieb ein Berliner Kommentator treffend: mit gedemütigten Bayern nämlich, kraftstrotzenden Liberalen, erleichterten Grünen und einer mauligen CDU.

Wie daraus jemals eine Jamaika-Koalition werden soll, können sich im Moment noch nicht viele vorstellen. Zudem lauert im Bundestag mit der AfD eine aggressive und unappetitliche Opposition, deren Wähler die Kanzlerin zu ihrem persönlichen Feindbild erkoren haben.

Glück und Frust: Die Bilder zu den Wahlen

Manch einer fragt sich: Verliert in einer solchen Lage nicht auch Angela Merkel mal ihren Mut? Könnte es sein, dass sie den Bettel hinwirft, wenn es einfach nicht mehr weitergeht?

Täte sie es, würde die Kapitulation jedenfalls allem widersprechen, was wir über diese zähe Artistin der Macht zu wissen glauben. Als Merkel vor zehn Monaten nach langem Nachdenken entschied, noch einmal anzutreten, wusste sie ziemlich genau, worauf sie sich einlassen würde. Und tat es trotzdem. Aber bestimmt nicht, um ihren letzten Marathon nach ein paar Hundert Metern einfach aufzugeben.

Aber könnte sie nicht gestürzt werden? Im Prinzip schon, in ein paar Monaten vielleicht. Die Frage ist nur, von wem. In der Partei gibt es längst keine Rivalen mehr, zudem folgt die CDU seit je einfach dem Politiker, der ihr am ehesten die Macht sichert. Das ist nach Lage der Dinge immer noch Merkel. Aber wie soll eine Regierung gelingen, wo doch alle möglichen Partner richtiggehend darum betteln, aus der Verantwortung in die Opposition entlassen zu werden? Regiert werden muss immer, irgendwann, das weiss nicht nur Merkel, das wissen auch Grüne, Liberale und Sozialdemokraten. Sonst gibt es halt Neuwahlen, bei denen man die Wähler nochmals zu Rate zieht.

Mitte und Mass

Entgegen dem ersten Anschein hat die CDU vermutlich trotz Merkel verloren, nicht wegen ihr. Im Grunde regiert sie ja schon länger nicht mehr als Chefin einer Partei, sondern als eine Art überparteiliche Bürgerkönigin. Selbst nach zwölf Jahren Amtszeit liegt ihre Beliebtheit noch weit über den Wahlresultaten ihrer Partei. Je nachdem, wie man die Frage stellt, sagen die Hälfte bis drei Viertel der Deutschen, dass sie Merkel für eine fähige Kanzlerin halten. Sogar ihre hoch umstrittene Flüchtlingspolitik wird von einer knappen Mehrheit unterstützt. Sie vermittelt den Deutschen Stabilität in unruhiger Zeit, verkörpert als Politikerin wie als Person Mitte und Mass. Diejenigen, die sie lieber heute als morgen loswerden möchten, sind im Vergleich dazu eine kleine, wenn auch lautstarke Minderheit.

Der Wahlausgang lässt sich leicht so interpretieren, dass die übergrosse Koalition der Mitte abgestraft und dafür die Alternativen an den Rändern gestärkt wurden. Das trifft zu, aber es wäre ein Irrtum, daraus zu schliessen, die Deutschen wollten nicht weiter aus der Mitte regiert werden – oder nicht mehr von Merkel. Wahrscheinlicher ist vielmehr, dass das Ergebnis nur zustande kam, weil die Wähler schon vorher wussten, dass die Kanzlerin im Amt bleiben würde. Und davon ausgingen, dass sie am Ende gewiss mit irgendjemandem regieren würde.

Umfrage

Eine Regierung von der konservativen CSU bis zu den Grünen: Schafft Merkel die Jamaika-Koalition?





Stimmt diese Annahme, folgt aus ihr zweierlei: Merkel hat aus der Sicht vieler Deutscher den Auftrag weiterzuregieren – mit einer neuen bunten Koalition der Mitte namens Jamaika, wenn es geht. Geht es nicht, wird man mit Merkel weitersehen.

Wie alternativlos die Kanzlerin immer noch ist, lässt sich im Übrigen durch eine simple Gegenfrage belegen: Wer sollte das Land denn sonst führen? Martin Schulz? Der famose Christian Lindner von der FDP? Der ewige Bei­nahe-Kanzler Wolfgang Schäuble? Dafür fehlt den meisten Deutschen dann doch die Fantasie. Und Merkel? Wird fürs Erste einfach weitermachen.

Video: Gänsehaut, starke Szenen, witzige Momente

Die Kanzler Deutschlands. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.09.2017, 23:13 Uhr

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