Merkel und Hollande mit gemeinsamer Vision für Europa

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident François Hollande machen sich für grössere wirtschaftliche Integration stark. Sie fordern einen hauptamtlichen Eurogruppenchef.

Demonstrieren Einigkeit: Angela Merkel (l.) und François Hollande sehen sich im Louvre in Paris das Bild «Krähen auf einem Baum» von Caspar David Friedrich an. (30. Mai 2013)

Demonstrieren Einigkeit: Angela Merkel (l.) und François Hollande sehen sich im Louvre in Paris das Bild «Krähen auf einem Baum» von Caspar David Friedrich an. (30. Mai 2013) Bild: Keystone

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Deutschland und Frankreich machen sich gemeinsam für einen hauptamtlichen Präsidenten der Eurogruppe stark. Es müsse häufiger Eurogruppen-Gipfel und einen mit verstärkten Befugnissen ausgestatteten «Vollzeit»-Präsidenten geben, sagte Frankreichs Staatschef François Hollande nach einem Treffen mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel in Paris.

Der Vorschlag soll beim EU-Gipfel in Brüssel Ende Juni unterbreitet werden. Merkel sagte, nötig seien «mehr wirtschaftspolitische Koordinierung» und eine «stärkere Zusammenarbeit in der Eurogruppe». Von einer Wirtschaftsregierung für die Eurozone, die Hollande kürzlich angeregt hatte, sprach Merkel indes nicht. Derzeit wird die Eurogruppe vom niederländischen Finanzminister Jeroen Dijsselbloem geführt.

Schnelle Hilfe für jugendliche Arbeitslose

Beide betonten, der Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit in Europa müsse Vorrang eingeräumt werden. Merkel sagte dazu, die im EU-Haushalt der Jahre 2014 bis 2020 dafür vorgesehenen sechs Milliarden Euro sollten «möglichst schnell ausgegeben werden», nicht über die sieben Jahre der Haushaltsperiode, sondern möglichst über «zwei Jahre».

Merkel und Hollande hatten über gemeinsame Vorschläge für eine Vertiefung der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion für den EU-Gipfel Ende Juni in Brüssel beraten. Merkel sagte, dabei gehe es um die Förderung von Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und Beschäftigung.

Erstmals gemeinsame Vorschläge

Es ist das erste Mal, dass Hollande und Merkel gemeinsame Vorschläge für einen EU-Gipfel erarbeiten. In den vergangenen Monaten hatte es immer wieder Berichte über erhebliche Differenzen zwischen Berlin und Paris über den richtigen Umgang mit der Eurokrise gegeben. Der Sozialist Hollande fordert eine Abkehr vom strikten Sparkurs in Europa, für den Merkel steht. Beide zeigten sich aber auch am Donnerstag bemüht, Berichte über ein schlechtes deutsch-französisches Verhältnis zu entkräften, und betonten die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Regierungen.

Zugleich machte Merkel deutlich, dass sie nicht von ihrer Forderung nach einer strikten Sparpolitik in der Eurozone abrückt. «Haushaltskonsolidierung allein ist kein Selbstzweck, aber jeder sagt, das Wachstum funktioniert besser, wenn die Defizite sinken und nicht wenn die Defizite steigen.»

Hollandes Tadel der EU-Kommission

Für Wirbel hatten zuletzt Äusserungen Hollandes gesorgt, die EU-Kommission habe seiner Regierung «nichts zu diktieren». Mit seiner Reaktion auf Reformvorgaben aus Brüssel im Gegenzug für einen zweijährigen Aufschub zum Erreichen der EU-Defizitgrenze provozierte Hollande wütende Reaktionen deutscher Unionspolitiker. Merkel sagte dazu, Reformen und Haushaltskonsolidierung gingen «Hand in Hand». «Man kann die Defizite besser auflösen und abbauen, wenn gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit steigt.»

Hollande beteuerte, Frankreich werde sich nicht der «Haushaltsdisziplin entziehen». Wie Reformen angegangen würden, sei aber «Verantwortung der Regierung und des Staats, sonst gäbe es keine Souveränität».

EU fordert französische Wirtschaftsreform

Die EU-Kommission hatte Frankreich aufgefordert, seine Wirtschaft und sein Rentensystem zu reformieren. «Frankreich hat in den vergangenen zehn, vielleicht sogar auch 20 Jahren an Wettbewerbsfähigkeit verloren», sagte Kommissionspräsident José Manuel Barroso in Brüssel.

Als Gegenleistung für zwei zusätzliche Jahre beim Sparen müssten die Arbeitskosten in Frankreich sinken und die Energie- oder Dienstleistungsmärkte für mehr Wettbewerb geöffnet werden. (rub/sda/AFP)

Erstellt: 30.05.2013, 19:32 Uhr

«Stärkere Zusammenarbeit»: Treffen Merkels und Hollandes. (Video: Reuters )

Arbeitslosen-Rekord in Frankreich

Die Arbeitslosenzahl in Frankreich ist auf ein Rekordhoch gestiegen. Ende April waren in der nach Deutschland zweitgrössten Euro-Volkswirtschaft 3,264 Millionen Menschen ohne Job. Das entsprach 39'800 Arbeitslosen mehr als im Vormonat, als der bisherige Negativ-Rekord verzeichnet wurde. Im Vergleich zum April vergangenen Jahres sei die Zahl um 12,5 Prozent gestiegen. Ein Ende des seit Mai 2011 anhaltenden Anstiegs wird frühestens Ende dieses Jahres erwartet. (sda)

Freundschaftsausstellung, die spaltet

Museumsbesuch in Eintracht - eine Ausstellung, die spaltet: Bei ihrer Paris-Reise besichtigte Bundeskanzlerin Angela Merkel gemeinsam mit Frankreichs Staatschef François Hollande eine grosse Ausstellung zur deutschen Malerei im weltberühmten Louvre. Organisiert wurde die Schau «Über Deutschland - 1800-1939, von Friedrich bis Beckmann» anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags. Statt für Freundschaft sorgte die Ausstellung aber für viel böses Blut. Die «Zeit» kritisierte, die Ende März mit grossem Pomp eröffnete Louvre-Ausstellung suggeriere, die deutsche Kunst sei «schon immer auf Katastrophe und Krieg programmiert» gewesen. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» legte nach: Mit den Werken werde eine Geschichte Deutschlands gebastelt, die «alle Klischees des romantisch-fremden, gefährlich dunklen Nachbarlandes» bestätige, das «mehr oder weniger geradlinig auf den Nationalsozialismus zusteuerte».

Der Leiter des an der Planung der Ausstellung beteiligten Deutschen Forums für Kunstgeschichte, Andreas Beyer, distanzierte sich ausdrücklich von dem Projekt. Die deutsche Seite sei von der «Deutung des Ausstellungsitinerars und seiner Exponate» ausgeschlossen worden, sagte er der «Zeit». Der scheidende Louvre-Chef Henri Loyrette entgegnete der Wochenzeitung in einem langen Brief, die Vorwürfe seien «völlig unbegründet». Die Ausstellung sei übrigens ein wahrer Publikumserfolg. (AFP)

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