Merkel will den Pokal, Putin die Fackel

Gipfeltreffen am Sonntag im Maracana von Rio: Ein Witz beschreibt am besten, in welcher Stimmung sich die deutsche Kanzlerin und der russische Präsident dort treffen.

Beste Kulisse für ein Gipfeltreffen: Das Maracana-Stadion in Rio de Janeiro.

Beste Kulisse für ein Gipfeltreffen: Das Maracana-Stadion in Rio de Janeiro. Bild: Reuters

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Angela Merkel trifft Wladimir Putin in Rio beim WM-Final. Merkel fragt Putin: «Wo führt ihr eigentlich den Final durch an der WM 2018?» Putin antwortet: «Nach dem Stand der aktuellen Planung in Dresden.» Klar, das ist ein Witz. Die deutsche Stadt Dresden bleibt ausserhalb von Moskaus Einflussbereich, obwohl der russische Präsident eine neue Grossmachtpolitik betreibt und über die Landesgrenzen hinaus expandiert. Gleichzeitig zeigt der Witz, dass Putins Reich heute ein anderes ist als noch 2010, als der Weltfussballverband Fifa die Weltmeisterschaft von 2018 an Russland vergeben hat.

Reise durch den «amerikanischen Hinterhof»

Inzwischen markiert Putin das Terrain, und das nicht nur in Osteuropa. Am Freitag ist er zu einer Rundreise nach Lateinamerika aufgebrochen, den einst als «amerikanischer Hinterhof» bezeichneten Kontinent. Der Kremlchef trifft am Freitag in Kuba ein, dem früheren Bruderstaat der Sowjetunion. Nach dem Kalten Krieg hatte sich das Verhältnis zwischen Havanna und Moskau wegen des Schuldenstreits abgekühlt. Nun aber will sich Putin scheinbar wieder engagieren für die Castro-Brüder. Angeblich verhandeln die Russen über eine neue Militärbasis auf der Insel, die nur 150 Kilometer vor der US-Küste liegt.

Von Havanna aus reist Putin nach Buenos Aires weiter. Er hat zwar vorerst ausgeschlossen, dass Argentinien in die Gruppe der aufstrebenden Wirtschaftsnationen Brics (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) aufgenommen wird. Argentinische Medien hatten über einen solchen Schritt spekuliert. Dennoch hofft die Regierung Kirchner auf russische Unterstützung, um eine erneute Staatspleite abzuwenden. Zum Abschluss seines Lateinamerika-Besuchs nimmt Putin am Treffen der Brics-Gruppe am 15. und 16. Juli in Fortaleza und Brasília teil.

Putins Rolle bleibt unklar

Zuvor aber wird er am Sonntag zum WM-Final zwischen Deutschland und Argentinien in Rio de Janeiro erwartet, wo er die Fussball-Fackel von der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff übernehmen wird. Bei dieser Gelegenheit trifft Putin voraussichtlich auch Merkel, wie Juri Uschakow, der Berater des russischen Präsidenten, bekannt gegeben hat. Die Kanzlerin hofft natürlich wie alle Deutschen, dass ihre Mannschaft den goldenen Pokal holt. Zuvor dürfte der russische Präsident der Kanzlerin zum grandiosen Halbfinal der deutschen Mannschaft gratulieren; das eigentliche Gesprächsthema wird jedoch die Krise in der Ukraine sein.

Putin wie Merkel gehören zur informellen Normandie-Gruppe, der auch noch Frankreichs Präsident François Hollande und der ukrainische Staatschef Petro Poroschenko angehören. Die Gruppe ist benannt nach dem Treffen zum 70. Jahrestag der Invasion der Alliierten in Nordwestfrankreich Anfang Juni. Innerhalb der Normandie-Gruppe telefoniert man derzeit fast täglich miteinander. So wie Poroschenko am Freitag, als er der deutschen Kanzlerin versicherte, dass er offen sei für eine «beidseitige Waffenruhe» in der Ostukraine. Allerdings ist eine Übereinkunft unwahrscheinlich, solange Separatisten und Regierungstruppen aufeinander schiessen. Ausserdem ist unklar, welches Spiel Putin spielt. «Er ist zurzeit extrem schwierig zu lesen», heisst es in Kreisen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit. Deshalb erwartet man bei der OSZE nicht allzu viel vom Fussball-Gipfel in Rio.

Die WM 2018 wird «Sotschi hoch zwei»

Zumal es Putin wohl auch weniger um die Ukraine geht als um seinen ersten prägenden Auftritt zur WM 2018. Dann wird sich Russland als neue Grossmacht präsentieren. «Das ist Sotschi hoch zwei», sagt ein Beobachter. Die nächste Weltmeisterschaft wird die gegenwärtige nochmals in den Schatten stellen, obwohl man ja bereits Brasilien Gigantismus vorgeworfen hat. Die Regierung Rousseff gab 12 Milliarden aus. Die Kosten für Russland 2018 sind dagegen bereits jetzt auf 21 Milliarden Dollar veranschlagt. Und selbst diese hohe Zahl ist mit Vorsicht zu geniessen: Die Olympischen Winterspiele in Sotschi kosteten am Ende fast 40 Milliarden Dollar. Und Sotschi fand nur in Sotschi statt, die WM 2018 hingegen in 11 Städten im europäischen Teil von Russland.

Die WM hat sich zum Megaanlass entwickelt, der alle vier Jahre jeden Vergleich sprengt. Auch jenen der Kosten, die für den Bau eines Sitzplatzes in einem Stadion durchschnittlich aufgeworfen werden: 2006 in Deutschland kostete ein Platz 3200 US-Dollar; vor vier Jahren in Südafrika waren es 5000 und aktuell in Brasilien 6500 Dollar. Die Russen aber zahlen 11'583 Dollar für jeden Stadionsitz in den 12 Stadien, die allesamt neu gebaut oder zumindest umgebaut werden. Die Zahlen entstammen dem «Russian Analytical Digest», einer Studienreihe, die u.a. von der ETH Zürich herausgegeben wird.

Gelbe Karte für die russische WM?

Die WM 2018 dürfte also zur grössten politischen Demonstration werden, für den ein Sportanlass je benutzt worden ist seit den Olympischen Spielen 1936. Bereits in Sotschi hatten Korruption und Menschenrechtsverletzungen des russischen Regimes die Vorfreude auf die Spiele getrübt. Damals aber beschränkte Putin seine Machtpolitik noch aufs eigene Volk. Seither aber hat er seine imperialen Ansprüche aufs Ausland ausgedehnt, indem er Russland die Krim einverleibte und in der Ostukraine einen Bürgerkrieg anfachte.

Ob Angela Merkel im Maracanã-Stadion Putin stoppen kann, ist deshalb mehr als fraglich. Der Weltfussballverband Fifa aber sollte langsam erwägen, ob er der russischen WM nicht eine Karte zeigen soll, die Gelbe zumindest.

Erstellt: 11.07.2014, 16:12 Uhr

«Er ist zurzeit extrem schwierig zu lesen»: Der russische Präsident Wladimir Putin und Angela Merkel beim Treffen der Normandie-Gruppe. (6. Juni 2014) (Bild: AFP )

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