Merkels «Kamelkapazität»

Wenig Schlaf und permanent auf Achse: Die deutsche Kanzlerin flog in den letzten 10 Tagen um die halbe Welt. Wie bewältigt sie das?

Reiseaktivität für zähe Kreaturen: Die Sprünge der Kanzlerin in Europa und über den Atlantik – allein im Februar. (GrafiK: BaZ/mm)

Reiseaktivität für zähe Kreaturen: Die Sprünge der Kanzlerin in Europa und über den Atlantik – allein im Februar. (GrafiK: BaZ/mm)

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Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel war in den letzten Tagen kaum mehr in Berlin: Innert zehn Tagen flog sie nach Budapest, Kiew, Moskau, München, Washington, Ottawa, Minsk und Brüssel – eine Distanz von weit über 20'000 Kilometern. Wenn nicht gerade mit Kollege François Hollande in einer französischen Maschine unterwegs, dann stets im Kanzler-Airbus Konrad Adenauer, und war sie nicht gerade in Übersee, flog sie gleichentags oder auch über Nacht stets wieder zurück nach Berlin. Denn die Kanzlerin, weiss man, schläft gern in ihrem eigenen Bett.

Nun war Merkel schon bisher als Vielfliegerin bekannt, doch schlägt sie in den letzten Tagen eine neue Kadenz an. Wohin sie auch reiste, zu Viktor Orban in Budapest, Wladimir Putin in Moskau oder Barack Obama in Washington – überall sprach sie über den Konflikt in der Ukraine und die Möglichkeiten, einen Frieden zu schliessen.

Dass Merkel nichts anderes als gute Worte beizusteuern hat, stellte sie letzte Woche an der Sicherheitskonferenz in München klar: «Militärisch ist das nicht zu gewinnen, das ist die bittere Wahrheit.» Selbst die Möglichkeit, Waffen an die Ukrainer zu liefern, wie das die USA in Erwägung ziehen, schloss Merkel aus. Die Kanzlerin reist und redet, die Drohkulisse hat sie von allem Anfang an abgebaut und auf weitere Wirtschaftssanktionen für Russland reduziert.

Unwürdiges Minsk

Über Sinn und Unsinn solcher ­Reisen kann gestritten werden. Einerseits kann man sich fragen, wieso nicht Frank-Walter Steinmeier, seines Zeichens deutscher Aussenminister, als ­reisender Vermittler in Erscheinung tritt; zumal dann, wenn Putin zu Friedensverhandlungen in Minsk lädt, und allein der Austragungsort eine Beleidigung für westliche Staatsoberhäupter ist. Andererseits stellt sich die Frage, ob eine solche Reiseaktivität selbst für zähe Kreaturen sinnvoll verkraftbar ist: Da ist zum einen der Schlaf, zum anderen der Jetlag zu nennen.

«Wer zehn Nächte hintereinander nur sechs Stunden schläft, befindet sich, was Leistungsvermögen, Reaktions­geschwindigkeit, Gedächtnis und Urteilskraft angeht, in einem Zustand, als hätte er ein Promille Alkohol im Blut», sagt der Chronobiologe Christian Cajochen von der Universität Basel.

Merkel schlafe vier bis fünf Stunden täglich, heisst es, weshalb in Deutschland auch schon die Merkel’sche Schlafdebatte ausgerufen wurde. Man sorgt sich um die Kanzlerin: Schläft sie nicht zu wenig, wird ihr nicht doch alles zu viel, ernährt sie sich wenigstens gut? Gleichzeitig ist man aber auch stolz auf ihre «Robustheit». Die Süddeutsche Zeitung bezeichnet sie gar als «Grossmeisterin der Nacht», die zwar müde ausschaut, aber selbst dann bei kühlem Verstand ist, wenn um sie schon alle dämmern.

Man zitiert zu diesem Befund gerne Beobachter aus den Verhandlungen, aber die wichtigste Quelle ist Merkel selbst, die sagt: «Ich habe eine Art Kamelkapazität, mit Schlaf umzugehen. Ich kann über eine gewisse Zeit, fünf oder sechs Tage lang, mit wirklich sehr wenig Schlaf auskommen. Dann brauche ich aber auch wieder einen Tag, an dem ich ausschlafe, zehn, zwölf Stunden.»

Merkels Kameltheorie ist bei Schlafforschern freilich umstritten. Jürgen Zulley bezweifelte in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», dass eine solche Schlafspeicherung, selbst bei einer solch aussergewöhnlich robusten Kanzlerin, möglich sei.

Wie sich der geringe Schlaf und die Jetlags, zu Deutsch sinnigerweise «Zeitzonenkater», genau auf die Entscheidungen der Politiker auswirken, möchte man nicht wissen. Gerade Brüsseler Nächte können lang sein. Da kann es schon mal vorkommen, dass 28 Staatschefs 35 Stunden ohne Schlaf verhandeln und mit ihren über Nacht gereiften Entscheidungen vor die Medien treten.

Lieber reisen als empfangen

Was aber ist, wenn Merkel nicht reist? Dann bekommt sie Besuch. Im Februar etwa von Singapurs Premier­minister Lee Hsien Loong, von Iraks Ministerpräsident Haider al-Abadi; aber es darf auch mal eine Delegation des Zentralverbands Gartenbau sein, wie am 11. Februar.

Der Schweizer Schriftsteller Hermann Burger schrieb in seinem Roman «Schilten»: «Wer telefoniert, kann telefonisch nicht erreicht werden.» Vielleicht sagt sich die Kanzlerin auch einfach: Wer reist, kann nicht besucht werden. Und steigt wieder in den Kanzlerflieger Konrad Adenauer.

Erstellt: 13.02.2015, 09:52 Uhr

Verfügt über eine Kamelkapazität: Angela Merkel entsteigt in Washington dem Kanzler-Airbus. (8. Februar 2015) (Bild: Keystone Michael Kappeler)

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