Mit Grabesmiene Waffenruhe vereinbart

Nach einem Verhandlungsmarathon in Minsk ringen die deutsche Kanzlerin und der französische Staatschef den Präsidenten Russlands und der Ukraine einen Kompromiss ab. Nun ist Frieden in Sicht – ein bisschen.

Am Sonntag ab Mitternacht sollen die Waffen schweigen: Prorussische Separatisten nehmen in der Nähe von Donezk Abschied von einem Kameraden. Foto: Petr David Josek (Keystone)

Am Sonntag ab Mitternacht sollen die Waffen schweigen: Prorussische Separatisten nehmen in der Nähe von Donezk Abschied von einem Kameraden. Foto: Petr David Josek (Keystone)

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Der neue Tag ist längst angebrochen, als Hoffnung aufkeimt, dass diese Gespräche vielleicht doch noch zu einem greifbaren Ergebnis führen könnten. Kurz vor zehn öffnen sich die goldverzierten Türen des Verhandlungszimmers und Wladimir ­Putin tritt heraus. Schweigend geht er über den spiegelnden Marmor, den Blick zum Boden gerichtet, seine ­Lider hängen schwer, seine Haut wirkt wächsern. So sieht ein abgekämpfter Mann aus.

Es ist nicht der Macho, der Wildhüter, der Kampfpilot oder Judoka. Und es ist nicht der Zyniker, der seinen Spass daran hat, anderen das Wort im Mund umzudrehen und sie mit dem ironischen Spiel zwischen Wahrheit und Lüge aufs Kreuz zu legen. Es ist ein Wladimir Putin, wie man ihn selten sieht, zuletzt vielleicht in jenem Video, in dem er ­wenige Tage nach dem Abschuss von Flug MH17 um eine Erklärung rang.

Er geht zu einem der messingfarbenen Aufzüge, seine Leibwächter halten schon die Türen auf, und man sieht ihm an, dass er nur darauf wartet, dass sie sich wieder hinter ihm schliessen.

Wenn die Gesichter sprechen

Seit vierzehn Stunden laufen die Verhandlungen jetzt schon. Erst haben ­Putin, Angela Merkel, François Hollande und Petro Poroschenko zwei Stunden lang zu viert gesprochen. Dann haben sie ihre Aussenminister geholt, Militärexperten konsultiert. Seit Mitternacht gehts im engen Kreis weiter. Worüber genau verhandelt wird, davon dringt nichts nach aussen. Anders als bei ­Gipfeln üblich gibt es keinen Zwischenstand, rufen keine Pressesprecher zum Hintergrund-Briefing, plaudern keine Teilnehmer Details aus. Aber die Ge­sichter sprechen.

Kurz nach sechs war Petro Poroschenko mit Grabesmiene auf dem Gang aufgetaucht. Später eilte auch eine tiefernste deutsche Kanzlerin vorbei. Das Treffen sei vielleicht die «letzte Chance», so hatte es Hollande formuliert, um den Krieg zu stoppen, bevor er sich zur ersten gewaltsamen Konfrontation aus­weitet, in dem sich Russland und die Nato möglicherweise bald direkt als Gegner gegenüberstehen.

Dass jetzt aber auch Putin so mitgenommen aussieht, deutet immerhin da­rauf hin, dass ernsthaft gerungen wird.

Und daran dürfte die Frau in der Runde einen wichtigen Anteil haben. Ihr gegenüber zeigt Wladimir Putin nicht das Alpharüden-Gehabe, dass er sonst an den Tag legt, wenn er sich angegriffen fühlt. Aber wie stark sie wirklich ist, hat er noch nicht ausgetestet. Bis heute.

Lügen, Tricks und Täuschungen

Die Kulisse für das Kräftemessen ist ein Palast, der aussieht wie ein Relikt aus sowjetischen Zeiten, der in Wahrheit aber erst vor einem Jahr fertig gebaut wurde: Sozialistisch strenge Geometrie, Marmorprunk und ausladende Kristalllüster.

Am eindrucksvollsten aber sind die Wachen in ihren Paradeuniformen. Mit weissen Handschuhen, riesigen Tellermützen, schmucken Kordeln über der Brust und schwarz gewienerten Knobelbecherstiefeln. Zwei dieser jungen Männer in blauen Uniformen stehen vor dem Verhandlungszimmer, und immer, wenn ein Staatschef oder die Bundeskanzlerin durch die Tür geht, salutieren sie und halten dabei den Kopf schräg mit Blick zur Decke. Aber irgendwann weit nach Mitternacht beginnt die Müdigkeit auch an den jungen Palastwachen zu nagen. Bewegungslosigkeit ist eine harte Prüfung, Lider fallen zu, Beine knicken weg. Einer stützt sich schon auf sein Bajonett.

Nach einem Jahr mit Lügen, Tricks und Täuschungen aus Moskau hat ­Angela Merkel verstanden, dass man Wladimir Putin wenn überhaupt nur dann beikommen kann, wenn man ihm direkt auf den Leib rückt; wenn sie ihm die Auswege verstellt, wie sie es an ­jenem 6. Juni 2014 tat, als sie bei den Feiern zum 70. Jahrestag des D-Days in der Normandie Poroschenko und Putin geradezu mit Körpereinsatz zu einer Begegnung drängte. Daraus ist dann immerhin das Normandie-Format entstanden, der Verhandlungsrahmen, auf den Putin sich seither am ehesten einlässt.

Die berühmten Gesprächskanäle offenhalten, Reden um des Redens willen führt in der Auseinandersetzung mit Moskau zu nichts, das hat Merkel verstanden. Drohungen allein lösen dagegen nur Trotzreaktionen aus. Gedroht haben die USA mit Waffenlieferungen an die Ukraine und die EU mit neuen Sanktionen. Merkels Rolle ist eine andere, nur sie kann diese Rolle spielen: Sie muss mit Putin ringen. Deshalb ist diese Nacht auch ein Test für das Stehvermögen zwischen Barack Obama, dem mächtigsten Mann der Welt, und der mächtigsten Frau der Welt. Ein Ringen um ­Respekt, wie Putin ihn von Obama nicht bekommt. Stattdessen werden nur die gegenseitigen Drohungen gesteigert.

Der Puppenspieler des Kreml

Während der Euro-Krise, als ein ­Gipfel den nächsten jagte, hat Angela Merkel einmal erklärt, sie könne schlafen «wie ein Kamel». Sie muss den Schlaf also irgendwo speichern. Es ist bald Mittag in Minsk, seit mehr als 15 Stunden sitzen sie zusammen, die meiste Zeit davon in diesem Raum, der fast ein Saal ist. ­Geschlafen hat niemand, alle sind die ganze Zeit in der Nähe geblieben, selbst Mitarbeiter, Berater, Pressesprecher. Jetzt warten sie auf Wladislaw Surkow und seine Generäle.

Surkow ist ein Mann mit einem feinen ironischen Lächeln, das fast nie aus seinem Gesicht verschwindet. Manche haben ihn als Puppenspieler des Kreml bezeichnet. Er hat die «souveräne Demokratie» erfunden und die Putin-Jugend «Naschi» kreiert. Neuerdings ist er im Kreml zuständig für die Regionen Ab­chasien, Süd-Ossetien und Transnistrien, also für die eingefrorenen Konflikte, mit denen Moskau seinen Einfluss in ehemaligen Sowjetrepubliken lebendig hält.

Noch bevor auf der Krim die grünen Männchen auftauchten, soll Surkow dort gewesen sein und die passenden Kontakte gesammelt haben, mit denen später die Annexion durchgezogen wurde. Ähnlich im Donbass, beim nächsten ­eingefrorenen Konflikt. Dafür steht er auf den Sanktionslisten der USA und der EU.

Müde und angespannt

Bei diesem Gipfel ist Surkow der Verbindungsmann zu den Separatisten. Zum zweiten Mal an diesem Morgen ist er jetzt auf dem Weg zu ihnen. Wenn es jetzt nicht gut geht, ist alles umsonst gewesen. Alle wissen das. Totale Müdigkeit mischt sich mit totaler Anspannung. Sie haben so viel schon ausgehandelt, auch sehr viel mehr Details, als man im Vorfeld vermuten konnte. Erst die Berater in den Stunden vor dem Gipfel, in den letzten Stunden aber auch die Staats- und Re­gierungschefs und ihre Aussenminister.

Trotzdem wird sich jetzt alles an einer Frage entscheiden: Ab wann, ab welcher Stunde werden die Waffen schweigen? Plötzlich fürchten alle, es könnte tatsächlich alles in letzter Sekunde scheitern. Möge Surkow also mit etwas zurückkommen. Etwas, das akzeptabel ist, vor allem für die Ukrainer.

Das nämlich ist nicht mehr garantiert. Als Surkow eine gute Stunde zuvor schon einmal mit den Separatisten gesprochen hatte, haben die ihre Unterschrift verweigert. So jedenfalls wird es später berichtet. Sie sollen ihre Blockade am Zeitpunkt für den Waffen­stillstand festgemacht haben. Samstag früh, acht Uhr – das kam für sie nicht ­infrage. Weil sie vorher weiterkämpfen wollen? Weil sie weiterhin provozieren möchten? Weil sie nicht garantieren können, das bei den kämpfenden ­Verbänden und Unterverbänden durchzusetzen?

Oder weil Putin selbst nicht mehr Nein sagen konnte und die schlechten Nachrichten lieber von den Separatisten überbringen liess? Nach langem, hartem Ringen doch ein Trick, um sich aus dem Clinch zu lösen?

Am Ende entscheidet Putin

Eine absurde Situation bahnt sich an, eine, die mancher die ganze Nacht schon fürchtete: Dass da Putin und Merkel, ­Hollande und Poroschenko zusammensitzen, sich mühsam näherkommen, sich Schritt für Schritt aufeinander zubewegen – und dann sagen die Separatisten Njet. Bekommen ein Vetorecht. Ver­hindern die Bewegung Richtung Frieden. Ist das möglich? An diesem Morgen steht die Angst plötzlich im Raum. Mancher kann es kaum fassen.

Am Ende entscheidet Putin, dass wissen sowieso alle. Trotzdem wird so getan, als seien die Separatisten absolut ­eigenständige Verhandlungsführer. Für Poroschenko ist das kaum zu ertragen. Zumal für ihn jede weitere Verschiebung der Waffenruhe neuen Ärger bedeutet, zu Hause, bei den eigenen Leuten. Und dann, als Surkow eintrifft, meint mancher plötzlich, für einen sehr kurzen Moment ein ganz feines Lächeln in seinem Gesicht auszumachen. Putins Be­rater wirkt ganz aufgeräumt, kommt mit einer Botschaft, die dann Putin vor Poroschenko verkündet: Waffenruhe um Mitternacht am Sonntag. Das ist das Angebot, weniger geht nicht.

Für Poroschenko ist es der Moment der Entscheidung. Immer wieder haben die Deutschen, hat vor allem auch Angela Merkel ihm in dieser Nacht gesagt, Berlin werde helfen, wo immer möglich. Berlin werde beratend zur Seite stehen, wenn es um konkrete Texte gehen werde. Aber die letzte Entscheidung, die über Krieg oder Frieden, die könne nur er selbst treffen.

Er wollte ursprünglich, dass die Waffen sofort schweigen. Er will, dass Schluss ist. Er braucht das zu Hause, weil sowieso jeder weiss, dass ein Frieden nicht nur Frieden, sondern im Osten auch Autoritätsverlust und Aufwertung der Separatisten bedeuten wird. Er braucht also in dieser Stunde unterstützende Worte. Er braucht Hilfe und Rückenstärkung. Dann schliesst sich die Tür ein letztes Mal, weil Putin, Merkel, Poroschenko und ­Hollande mit ihren Aussenministern nochmal allein sein möchten. Ergebnis nach einigen Minuten: Poroschenko stimmt zu. Er schluckt es – und alle, so wird berichtet, sehen erleichtert aus, als er das verkündet.

Neue Ideen für die lange Nacht

Die Nacht ist ohnehin schon schwer genug gewesen. Falls stimmt, was Teilnehmer später berichten, dann hat es mindestens zwei, drei Momente gegeben, in denen alles Spitz auf Knopf stand. So einmal kurz vor Mitternacht, als plötzlich Streit über die Bedingungen der regio­nalen Wahlen und die Kontrolle der Grenze zu einem immer bedrohlicheren Konflikt wurde. Immer wieder wechseln die Zusammensetzungen, immer häu­figer werden die klassischen Runden in dieser Phase aufgelöst, um Zwiege­spräche zu führen. Mal Merkel mit Poroschenko oder auch mit dem russischen Chefdiplomaten Sergei Lawrow, mal der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier mit Putin oder Hollande. Kreuz und quer reden sie miteinander, und dahinter steht jedes Mal das Be­mühen der Franzosen und der Deutschen, eine Blockade durch neue kleine Ideen aufzubrechen.

«Von einem unsortierten Verfahren» wird mancher später berichten. Dahinter aber verbirgt sich das stete Bestreben, auf gar keinen Fall einen Stillstand zu­zulassen. Eigentlich wollte Steinmeier ­gegen 23 Uhr abreisen, zu Hause wartete schon der Flieger für eine Südamerikareise. Doch weil es furchtbar klemmt kurz vor Mitternacht, bittet Merkel ihn mit an Bord zu bleiben. Es wäre auch absurd gewesen, wenn ausgerechnet Steinmeier plötzlich abgereist wäre. Er, der seit Monaten versucht, die Konflikt­parteien zusammenzubringen. Den Abflug machen – jetzt –, das hätte nur falsch gelesen werden können.

Man einigt sich mündlich

Am Ende einigen sich Merkel, ­Hol­lande, Poroschenko und Putin auf eine mündliche Erklärung. Einen schriftlichen Vertrag gibt es nicht und keine ­gemeinsame Pressekonferenz. Der 13-Punkte-Plan wurde dann von der Ukraine-Kontaktgruppe unterzeichnet, bestehend aus der OSZE-Vertreterin Heidi Tagliavini, dem ukrainischen ­Ex-Präsidenten Leonid Kutschma, dem ­russischen Botschafter in Kiew, Michail Surabow, und den Chefs der selbst ernannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk.

Putin wird später sagen, es sei die härteste Nacht seines Lebens gewesen.

Es ist die Eigenschaft von Zermürbungskämpfen, dass dabei keiner gewinnt. Am Ende, nach 17 Stunden, sind beide Seiten zermürbt. Aber wenn es sie davon abhält, weiter Krieg zu führen, kann das auch schon ein Erfolg sein.

Erstellt: 12.02.2015, 22:04 Uhr

Einigung als Hoffnungsschimmer

Waffenruhe für Ostukraine

Angela Merkel: Deutsche Bundeskanzlerin. Foto: Keystone

François Hollande: Französischer Präsident. Foto: AFP

Wladimir Putin: Russischer Staatspräsident. Foto: Keystone

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