Mit Latex-Handschuhen

Nur eine weitere Prominente im Prominentenparadies Sylt? Gabriele Pauli versucht, sich neu zu erfinden.

Ihre Fans hoffen, dass sie Sylt wieder zur Wohninsel macht: Gabriele Pauli zog im Oktober auf die Nordseeinsel und startete ihren Wahlkampf. Foto: Christof Stache / Keystone

Ihre Fans hoffen, dass sie Sylt wieder zur Wohninsel macht: Gabriele Pauli zog im Oktober auf die Nordseeinsel und startete ihren Wahlkampf. Foto: Christof Stache / Keystone

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Drei Aktionen haben Gabriele Pauli berühmt gemacht. Alle zeugen von ihrer Furchtlosigkeit.

2006 fordert Pauli – CSU-Provinzpolitikerin, alleinstehende Mutter, ­zweifach geschieden – den übermäch­tigen bayrischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber zum Rücktritt auf.

2007 lässt sich die 49-Jährige in einer Hochglanzfotostrecke abbilden: mit Latex-Handschuhen und Fantomas-Brille. Kritiker schimpfen sie eine «durchgeknalllte Porno-Politikerin».

Derzeit drängt Pauli erneut ins Rampenlicht. Vermutlich wird sie die neue Bürgermeisterin der Nordseeinsel Sylt. Bei den Wahlen am letzten Wochenende hat sie mit 30,6 Prozent am meisten Stimmen geholt. Für den zweiten Wahlgang im Januar gilt sie als Favoritin, obwohl sie noch nie auf Sylt gewohnt hat und ihr die Unterstützung der grossen Parteien fehlt.

Es ist eine ungewöhnliche Wende in einer ungewöhnlichen Karriere, die bereits beendet schien.

Die «Zerstoiberin»

1988 wurde die promovierte Politikwissenschaftlerin Landrätin von Fürth. Die CSU-Frau regierte solid und blieb unauffällig. Bis sie 2006 laut sagte, was viele dachten, aber sich niemand zu sagen traute: Edmund Stoiber, langjähriger CSU-Chef und Ministerpräsident, solle gehen. Majestätsbeleidigung. Ein Erdbeben. Stoiber und seine Getreuen schossen auf die «Rebellin», bespitzelten sie, deuteten Alkohol- und Männerprobleme an. Pauli liess sich nicht einschüchtern. «Man braucht im Leben keine Angst zu haben, vor nichts. Das macht frei», sagte sie.

Pauli, die damals gerne in knappen Kleidern oder Motorrad-Overalls auftrat, beschleunigte Stoibers Fall. Die Medien feierten sie als «Zerstoiberin». Innerhalb der CSU machte sie sich durch ihr Aufmucken keine Freunde. Nach der Latex-Fotostrecke, die international für Aufmerksamkeit sorgte, war sie bei vielen unten durch. Mit ihren fortschrittlichen Ideen – etwa einer Beschränkung der Ehe auf sieben Jahre – scheiterte Pauli deutlich.

Sie verliess die CSU, trat den freien Wählern bei, zerstritt sich mit diesen, gründete eine eigene Partei. Es klappte nicht. 2013 zog sie sich aus der Politik zurück und veröffentlichte ihre Autobiografie «Die rote Rebellin», der Titel spielt auf ihre Haarfarbe an. Seither berät sie Politeinsteiger.

Die perfekte Kandidatin

Dabei wäre es wohl geblieben, wenn im April nicht Paulis Telefon geklingelt hätte. In der Leitung war ein Wirt aus Sylt, er fragte, ob Pauli nicht Bürgermeisterin auf der Insel werden wolle. Sylt, eine Art St. Moritz im Wattenmeer, kämpft gegen Abwanderung und Platznot. Den Jungen ist die Luxusinsel zu teuer und zu langweilig. Sie ziehen weg, Schulen und Vereine schliessen. Keine der lokalen Grössen wollte das Amt übernehmen, also wandten sich besorgte Bürger an die Bayerin.

Pauli halten sie für die perfekte Kandidatin: als erfahrene Lokalpolitikerin wisse sie eine Verwaltung zu leiten, gleichzeitig könne sie den Glamour von Sylt vermitteln. Die 57-Jährige dachte lange nach, dann sagte sie zu, obwohl sie CDU und SPD gegen sich hatte. Im Oktober zog Pauli nach Sylt und startete ihren Wahlkampf, der mit eigenen Ideen auffiel. Mehr Wohnraum will sie schaffen, eine Geburtsstation einrichten, Sylter für ihre Neugeborenen mit einem «Babywillkommensgeld» von 5000 Euro belohnen.

Paulis Fans hoffen, dass sie Sylt wieder zur Wohninsel macht. Kritiker halten sie lediglich für eine weitere Prominente im Prominentenparadies.

Erstellt: 17.12.2014, 06:48 Uhr

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