Mit «zugehaltener Nase» die Tories wählen

In Grossbritannien ist heute Entscheidungstag. Die Wahllokale schliessen um 23 Uhr. Der Korrespondent der Basler Zeitung, Sebastian Borger, spricht über den Wahlkrimi und prognostiziert einen Sieger.

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Herr Borger, Sie waren bereits an der Urne. Wie ist die Stimmung an diesem grossen Tag bei den Wählern in Grossbritannien?
Das Wetter ist sehr schön, aber das ist nicht nur der Grund für den regen Betrieb, der heute in den Wahlkreisen herrscht. Tories, Liberaldemokraten und Labour-Mitglieder sind auch heute noch auf Stimmenfang und verteilen Flugblätter, um noch weitere Wähler zu gewinnen. Die geschätzte Wahlbeteiligung von 61 Prozent ist jetzt schon auf 70 Prozent angestiegen.

Überall liest man von der grossen Zitterpartie, von einem Wahlkrimi. Ist die Anspannung spürbar?
Es ist nicht anders als an grossen Abstimmungen in der Schweiz – die Leute sind ja nicht wirklich angesteckt vom Wahlfieber. Sie sind irgendwie gleichgültig, weil sie wissen, dass harte Einsparungen folgen werden, auch wenn ihr Favorit gewinnen wird. Das Haushaltsdefizit muss so oder so weg.

Einer Umfrage zufolge waren gestern noch knapp 40 Prozent der Wähler unentschieden. Warum ist das so?
Generell waren 80 Prozent der Wähler für einen Wandel. Die Konservativen haben diese Stimmung aber nicht für sich nutzen können. David Cameron hat wahrscheinlich einfach nicht vollends überzeugt, darum haben sich die meisten Wähler bis am Ende bedeckt gehalten. Trotzdem hat man von Labour-Chef Gordon Brown genug. Das hat natürlich dazu geführt, dass viele bis zuletzt nicht wussten, für wen sie ihre Stimme abgeben sollen.

Der Wahlkampf war kurz, aber heftig. Wie wurde er in der Bevölkerung wahrgenommen?
Ob der Wahlkampf heftig ausgetragen wurde – darüber kann man sich streiten. Normalerweise gehört es ja zum guten Ton, sich zu beleidigen, doch bei einer unzensierten Fernsehdebatte vor grossem Publikum ist das nicht möglich. Die drei Fernsehdebatten waren ganz zahm. Der liberaldemokratische Boom, der ausgebrochen ist, hat aber sicherlich mit dem Fernsehauftritt von Nick Clegg zu tun, der mit seiner frischen Distanz zum politischen System punkten konnte.

Wer wird ihrer Meinung nach das Rennen machen?
Die Konservativen haben die Bevölkerung immer wieder vor unsicheren Verhältnissen gewarnt und von einer Koalition abgeraten. Darum denke ich, das am Ende die Wähler mit «zugehaltener Nase» die Tories wählen werden.

Sie sind Deutscher, haben heute aber selber gewählt. Wie geht das?
Als EU-Bürger kann man bei den Kommunalwahlen ebenfalls abstimmen; das heisst beim Stadtrat und der Stadtbezirksregierung darf mitbestimmt werden.

Wen hätten Sie denn gewählt, wenn Sie auch auf nationaler Ebene hätten wählen dürfen? Meine Sympathie gilt den Liberaldemokraten, doch in meinem Wahlkreis wäre das sowieso aussichtslos gewesen; der ist nämlich gänzlich in Labour-Hand.

Erstellt: 06.05.2010, 16:08 Uhr

Sebastian Borger.

Sitverteilung Grossbritannien 2005

Sitverteilung Grossbritannien 2005


Quelle: Wikipedia

Hohe Wahlbeteiligung

Bei der Parlamentswahl in Grossbritannien hat sich bis zum Mittag eine hohe Wahlbeteiligung abgezeichnet. Schon gleich nach der Öffnung um 8 Uhr meldeten die meisten Wahllokale eine höhere Beteiligung als 2005.

Damals hatten 61 Prozent der Wahlberechtigten von ihrem Stimmrecht Gebrauch gemacht. Die drei Spitzenkandidaten gingen ebenfalls früh zur Wahl. Als erster gab der Chef der Konservativen, David Cameron, seine Stimme ab.

Premierminister Gordon Brown machte sein Kreuz zusammen mit seiner Frau Sarah in seinem Wahlkreis in Schottland. Nick Clegg von den Liberaldemokraten stimmte in Sheffield im Norden Englands ab.

Umfragen rechneten mit einem extrem knappen Ausgang. Die Konservativen könnten zwar zahlenmässig die meisten Stimmen für sich verbuchen, entscheidend ist aber die Zahl der gewonnenen Wahlkreise.

Erreicht keine der Parteien die absolute Mehrheit von 326 Sitzen, würde die Initiative zur Regierungsbildung laut Wahlrecht bei Amtsinhaber Brown liegen. Die Wahllokale sollten um 23 Uhr (MESZ) schliessen. Das amtliche Endergebnis wird für Freitagnachmittag erwartet.

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