Kopf des Tages

Moderatorin des Wandels

Alexandra Bech Gjörv ist Präsidentin der unabhängigen Untersuchungskommission im Fall Breivik.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Fleissig war die hochgewachsene Wirtschaftsjuristin schon immer. Da machte es ihr auch wenig aus, die vergangenen Wochen nicht wie die meisten ihrer Landsleute an einem warmen Strand oder in einer gemütlichen Berghütte zu verbringen, sondern vor ihrem Computer. Gemeinsam mit ihren neun Kommissionskollegen stellte sie den fast 500 Seiten dicken Untersuchungsbericht zu den Breivik-Anschlägen vom 22. Juli 2011 fertig. An jenem Tag hatte der Rechtsextremist 77 meist junge Menschen getötet und Hunderte verletzt.

Die ihr durch die norwegische Regierung wenige Tage nach den Bluttaten von Oslo und Utöya anvertraute Aufgabe hat Alexandra Bech Gjörv in der ihr eigenen Art gelöst: souverän, deutlich und freundlich. Von ihrer Mutter, der bekannten norwegischen Fernsehfrau Toppen Bech, hat sie gelernt, was eine gute und erfolgreiche Moderatorin in der Öffentlichkeit ausmacht: immer wach bleiben und nie den Fokus verlieren. Damit ist Alexandra Bech Gjörv in ihrer bisherigen Karriere gut gefahren, in der sie, typisch für Norwegen, immer wieder zwischen Aufgaben in der Privatindustrie und der öffentlichen Verwaltung gewechselt hat.

Stets verbindlich und aufgeschlossen

Als junge Juristin schaffte sie es, den norwegischen Hydro-Konzern nach den Anschlägen im Keller des New Yorker World Trade Center vom Verdacht der Verletzung der Sorgfaltspflichten reinzuwaschen; das FBI hatte am Tatort Stickstoffdünger aus Norwegen gefunden. Das geschah acht Jahre vor 9/11. Doch nicht nur als Juristin machte sich Bech Gjörv einen guten Namen, sondern auch als Managerin. So gelang es ihr als Personalchefin bei Hydro, die völlig veralteten Machtstrukturen umzukrempeln: Statt guter Beziehungen zum obersten Chef sind seither die Leistungen entscheidend für das Weiterkommen.

Mit einer noch grösseren Herausforderung bekam es die im Gespräch stets verbindlich und aufgeschlossen wirkende Bech Gjörv sodann bei Norwegens grösster «Dreckschleuder» zu tun – als Chefin der Abteilung für «neue Energien» beim staatlichen Ölförderer Statoil. Seit einigen Jahren investiert der milliardenschwere Konzern nun auch in alternative Energiequellen wie Wind-, Wasser- und Wellenkraft.

Verheiratete, kinderlose Macherin

An eigener Energie scheint es Bech Gjörv bei diesen Herausforderungen nie gefehlt zu haben. So kombinierte die verheiratete, kinderlose Macherin ihre Ganztagesjobs bei Hydro und Statoil mit weiteren Aufgaben in staatlichen Energiekommissionen sowie dem Vorstand des öffentlich-rechtlichen Rundfunks NRK und dem Waldkonzern Norske Skog.

Dieser Leistungsausweis beeindruckte auch die rot-grüne norwegische Regierung, welche die eher bürgerliche und wirtschaftsnahe Juristin schliesslich zur Vorsitzenden der wichtigsten unabhängigen Untersuchungskommission seit dem Zweiten Weltkrieg ernannte. Man verlangte von ihr eine «schonungslose und ungeschminkte» Aufarbeitung der Umstände, welche die Bluttaten Breiviks ermöglicht hatten.

Die 46-Jährige lieferte – und wie. Ihre Analyse will die Verhältnisse bei der norwegischen Polizei und dem Nachrichtendienst revolutionieren. «Und zwar schnell», wie die stets zeitbewusste Moderatorin des neuen Norwegen bei der Vorstellung des Breivik-Berichtes betonte.

Erstellt: 15.08.2012, 14:27 Uhr

Artikel zum Thema

Breivik-Bericht belastet Polizei schwer

Die unabhängige Kommission, welche die Anschläge von Anders Behring Breivik untersucht hat, veröffentlichte ihren Bericht. Darin erhebt sie schwere Vorwürfe gegen die norwegische Polizei. Mehr...

«Die Auflistung des Versagens erschüttert die Menschen»

Der Bericht zum Doppelanschlag in Norwegen hat das Versagen der Behörden schonungslos offengelegt. Im Interview sagt Korrespondent Bruno Kaufmann, wie die Politik und die Bevölkerung darauf reagieren. Mehr...

«Der Mörder ist gescheitert, das Volk hat gewonnen»

Vor einem Jahr tötete der Fanatiker Breivik in Norwegen 77 Menschen. Seither hat sich im Land vieles verändert – aber nicht im Sinne des Attentäters, wie Regierungschef Stoltenberg an der Gedenkfeier betonte. Mehr...

Dossiers

Kommentare

Die Welt in Bildern

Gross-Demo: Mit Schutzmaske und Schwimmbrille schützt sich ein Demonstrant vor einem Tränengas-Angriff der Polizei in Hong Kong am Sonntagabend. (21. Juli 2019)
(Bild: Getty Images / Ivan Abreu) Mehr...