Moskau droht Kiew mit Konsequenzen

Die Spannungen zwischen der Ukraine und Russland haben sich nach einem tödlichen Grenzzwischenfall gefährlich verschärft.

Eine Spur der Zerstörung: Die Gefechte in der Ostukraine haben erneut an Härte zugenommen. Foto: Gleb Garanchin (Reuters)

Eine Spur der Zerstörung: Die Gefechte in der Ostukraine haben erneut an Härte zugenommen. Foto: Gleb Garanchin (Reuters)

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Zum ersten Mal seit Beginn des bewaffneten Konfliktes in der Ostukraine Mitte April ist am Sonntag ein Bürger auf russischem Staatsgebiet durch Beschuss aus der Ukraine getötet worden. Ein 45 Jahre alter Mann sei beim Einschlag eines Munitionskörpers in seinem Haus im Gebiet Rostow ums Leben gekommen, erklärte der Sprecher der Nationalen Ermittlungsbehörde, Wladimir Markin. Zudem sei eine Frau in dem Haus verletzt worden. Das Haus steht in dem 50'000-Einwohner Ort Donezk, der direkt an der Grenze zwischen beiden Staaten auf russischer Seite liegt, etwa 200 Kilometer entfernt von der umkämpften ukrainischen Grossstadt gleichen Namens.

Moskaus Vize-Ausenminister Grigori Karassin kündigte im russischen Staatssender Rossija 24 eine Antwort an. Die eskalierende Gewalt sei eine «Gefahr für unsere Bürger nun auch auf unserem Territorium. Es ist klar, dass das natürlich nicht ohne Reaktion bleiben wird», sagte Karassin. Der Vorfall zeige, dass dringend eine neue Waffenruhe nötig sei und die Verhandlungen wieder aufgenommen werden müssten.

Ein Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates der Ukraine bestritt eine Beteiligung der Armee. «Es steht ausser Frage: Wir haben nicht geschossen», sagte Andrei Lysenko der russischen Nachrichtenagentur RIA zufolge. Das ukrainische Aussenministerium protestierte seinerseits gegen einen – nach seiner Überzeugung russischen – Angriff auf den ukrainischen Grenzposten Maryniwka. Ein ukrainischer Sprecher äusserte den Verdacht, russische Truppen versuchten, einen Korridor für Nachschub einzurichten. Am Wochenende griff die ukrainische Luftwaffe erneut Separatistenstellungen an und tötete dabei nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Kiew Dutzende Aufständische.

Ein verletzter Grenzschützer

Seit dem Ende der Feuerpause und dem Start einer neuen Offensive durch die Ukrainische Armee vor zwei Wochen hat Russland in mindestens fünf Fällen Beschuss aus dem Nachbarland auf sein Territorium beklagt. Bisher war dabei nur ein Grenzschützer durch herabfallenden Schutt verletzt worden. Am vergangenen Mittwoch präsentierten russische Behörden eigens eingeflogenen Journalisten Gefechtsspuren am Grenzübergang von Nowoschachtinsk, der etwa hundert Kilometer nördlich vom nun betroffenen russischen Donezk entfernt liegt.

In der Nacht auf Samstag wurde nach russischer Darstellung eine Grenzpatrouille auf russischem Gebiet aus einer automatischen Waffe beschossen. Es gebe «überzeugende Beweise dafür, dass die Schüsse auf die Grenzschützer sowohl von ukrainischem Territorium als auch von einer vorher vorbereiteten Stellung auf dem Gebiet der Russischen Föderation abgegeben wurden», erklärte das Aussenministerium in Moskau dazu. Sollten sich derartige «Provokationen» wiederholen, werde Russland alle notwendigen Massnahmen zum Schutz seines Staatsgebietes und der Sicherheit seiner Bürger ergreifen.

Frei erfundene Gräuel

Wer auf russisches Gebiet feuert und mit welcher Absicht, ist indes schwer festzustellen. Die Grenzübergänge Nowoschachtinsk und Donezk sind derzeit für den regulären Verkehr geschlossen. Die ukrainischen Grenztruppen haben an mehreren Orten die Kontrolle über die Grenze an prorussische Kämpfer verloren. Russische Beamte in Nowoschachtinsk erklärten auf Nachfrage, möglicherweise attackierten Kiew-treue Freiwilligenverbände mit geringer Kampferfahrung Stellungen der Aufständischen nahe der Grenze und verfehlten ihr Ziel. Kiew wirft der russischen Regierung vor, die Separatisten über die Grenze mit Waffen und Munition zu versorgen, was Moskau bestreitet. Nicht bestritten wird die Zusammenarbeit mit den Separatisten dagegen, wenn es darum geht, Flüchtlinge aus der Ukraine nach Russland zu bringen.

Dafür, dass das Verhältnis eng ist, spricht auch der Fall der ukrainischen Helikopterpilotin Nadeschda Sawtschenko, die derzeit in Woronesch in Zentralrussland festgehalten wird. Das Ermittlungskomitee leitete ein Verfahren gegen die Offizierin ein, weil sie an der Tötung zweier russischer Journalisten im Gebiet Luhansk beteiligt gewesen sein soll. Laut russischer Darstellung wurde sie festgenommen, als sie versuchte, illegal die Grenze zu überqueren. Ukrainische Medien hatten allerdings früher berichtet, das Sawtschenko in die Gewalt der Separatisten geraten war, die versuchten, sie gegen gefangene Mitstreiter auszutauschen. Als die Verhandlungen mit der Armee scheiterten, sei sie nach Russland gebracht worden.

Nachdem es einige Tag danach ausgesehen hatte, als würde Moskau den Druck auf Kiew etwas lockern und prorussische Kämpfer sich beklagten, der Kreml habe sie im Stich gelassen, feuerte am Wochenende auch die russische Propaganda wieder aus vollen Rohren. Die Hauptnachrichten im staatlichen Ersten Kanal zeigten am Samstag einen Bericht über eine Frau, die angeblich aus der Stadt Slowjansk geflohen war und erzählte, die ukrainischen Truppen hätten nach der Einnahme der Stadt vor einer Woche die Menschen auf dem zentralen Platz zusammengetrieben und als Vergeltungsmassnahme einen dreijährigen Jungen gekreuzigt. Nach seinem qualvollen Tod hätten sie seine Mutter an einen Panzer gebunden und durch die Stadt geschleift. Eine offensichtlich frei erfundene Gräuel-Geschichte: Kein Bewohner von Slowjansk wollte sie auf Nachfrage von Reportern bestätigen.

Erstellt: 14.07.2014, 06:48 Uhr

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