Mysteriöser Terror in Mazedonien

Das kleine Balkanland Mazedonien droht ein Brandherd zu werden: Am Wochenende wurden Dutzende Polizisten und mutmassliche Terroristen bei einem Feuergefecht getötet. Die Regierung steuert auf eine Diktatur zu.

Der Schrecken steht ihm ins Gesicht geschrieben: Ein Mann in Kumanovo bringt sich mit einem Kind an einen sicheren Ort. (9. Mai 2015)

Der Schrecken steht ihm ins Gesicht geschrieben: Ein Mann in Kumanovo bringt sich mit einem Kind an einen sicheren Ort. (9. Mai 2015) Bild: Robert Atanasovski/AFP

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Am Sonntag wurden in der mazedonischen Stadt Kumanovo die Kämpfe für ein paar Stunden wieder aufgenommen. Aus einem Viertel waren Schüsse zu hören, Polizisten patrouillierten durch die Strassen, verängstigte Bürger versuchten, sich aus der Gefahrenzone zu retten. Am Vortag hatte es in der Stadt, die an der Europastrasse E-75 liegt, heftige Zusammenstösse zwischen den Sicherheitskräften und einer bewaffneten Gruppe gegeben.

Nach Angaben der mazedonischen Innenministerin Gordana Jankulovska wurden am Samstag acht Polizisten und 14 Angreifer getötet. Das umkämpfte Viertel ist von Albanern bewohnt. Mazedonien ist ein multiethnischer Zwei-Millionen-Einwohner-Staat: Neben der slawisch-mazedonischen Mehrheit lebt dort eine starke albanische Minderheit, die fast ein Drittel der Bevölkerung des Balkanlandes ausmacht. Die Behörden sprachen von «gut bewaffneten Terroristen», die sich in Kumanovo verschanzt hätten. Die Truppe habe Anschläge auf staatliche Institutionen geplant, erklärte Jankulovska. Einige Angreifer hätten sich ergeben, heisst es.

Lokale Journalisten berichten, niemand kenne die bewaffneten Männer. Der in Kumanovo wohnhafte Publizist Emin Azemi schrieb in einem Kommentar, wer auch immer die Angreifer sein mögen, es handle sich um ein dilettantisches Abenteuer, das dem Regime von Regierungschef Nikola Gruevski diene. Der klein gewachsene Gruevski ist seit 2006 ununterbrochen an der Macht und inzwischen auf dem gefährlichen Weg, ein kleiner Diktator zu werden.

Mit seiner rechtsnationalen Partei VMRO kontrolliert der Alleinherrscher alle Institutionen des Staates und die wichtigsten Wirtschaftszweige, er gängelt Medien und hat die Opposition fast mundtot gemacht. Wie alle Populisten in Osteuropa unterfüttert auch der ehemalige Banker Gruevski seine Kampagnen gegen die Kritiker mit Nationalismus.

Von Wölfen umzingelt

In seinem Geschichtsbild ist das kleine Mazedonien von «vier Wölfen» umzingelt: Griechenland erkennt den Staatsnamen Mazedonien nicht an und blockiert den Nato-Beitritt; Bulgarien hält die mazedonische Sprache für einen Dialekt des Bulgarischen; Serbien bestreitet die Existenz einer eigenständigen mazedonischen orthodoxen Kirche; Albanien schliesslich versuche, Mazedonien mithilfe der albanischen Minderheit zu schwächen.

Der Feind wird aber auch im Innern vermutet. Laut der sozialdemokratischen Opposition hat die Regierung von Gruevski in den letzten Jahren 20'000 Bürger illegal abgehört – politische Gegner, Richter, Journalisten. Seit vier Monaten veröffentlicht Oppositionschef Zoran Zaev die Telefonmitschnitte, die das Sittenbild eines von Intrigen und Korruption getriebenen Machtapparats skizzieren. Gruevski streitet alles ab und vermutet eine Verschwörung eines fremden Geheimdienstes. Der Lauschangriff erzürnt die Bürger. Als bekannt wurde, dass die Regierung vor vier Jahren den Mord an einem Jugendlichen vertuschen wollte, gingen Tausende auf die Strasse.

Politische Beobachter in der Hauptstadt Skopje vermuten, Gruevski wolle nun einen blutigen Konflikt mit der albanischen Minderheit provozieren, um von der Abhöraffäre abzulenken. Ende April wurde gemäss der mazedonischen Opposition in einem Dorf in der Umgebung von Kumanovo die Entführung von vier Polizisten vom Regime inszeniert. Der Zwischenfall bleibt mysteriös, eine unabhängige Untersuchung ist unter der jetzigen Regierung kaum möglich.

Schokolade statt Brot

Diplomaten in Skopje sind überzeugt, dass es unter den Albanern in Mazedonien und im benachbarten Kosovo genügend arbeitslose Krieger und Haudegen gibt, die sich instrumentalisieren lassen und damit der mazedonischen Regierung bei deren mutmasslichen Plänen in die Hände spielen. Einige der Angreifer sollen ehemalige Kämpfer der inzwischen aufgelösten Kosovo-Befreiungsarmee UCK sein. Der frühere General Stojance Angelov, ein Mazedonier, erhebt schwerwiegende Vorwürfe an die Adresse der Machthaber: Es gebe einen monströsen Plan, einen innerethnischen Krieg zu entfachen. Dafür seien Söldner und Kriminelle in der albanischen Volksgruppe rekrutiert worden.

Mazedonien stand schon 2001 am Rand eines Bürgerkriegs. Damals hatten sich albanische Freischärler Gefechte mit Regierungstruppen geliefert. Rebellenführer Ali Ahmeti und seine Vertrauten waren aus der Schweiz in die Heimat zurückgekehrt, um für mehr Bürgerrechte zu kämpfen. Um den Zerfall des Staates zu verhindern, vermittelten die EU und die USA das Friedensabkommen von Ohrid: Die Albaner erhielten eine breitere Autonomie auf lokaler Ebene und eine bessere Vertretung in den staatlichen Institutionen. Die Partei von Ahmeti ist seitdem immer an der Regierung beteiligt. 2005 wurde Mazedonien sogar EU-Beitrittskandidat.

Das Land kommt seither aber nicht nur wegen der griechischen Blockadepolitik kaum vom Fleck. Gruevski hat inzwischen offenbar den Sinn für die Realität verloren. Das zeigt exemplarisch die Aufzeichnung eines Gesprächs, in dem der Finanzminister die Regierungspolitik als «verrückt» und «verantwortungslos» beschreibt. Er erwähnt das gigantische Umbauprojekt «Skopje 2014»: Der Premier hat über eine halbe Milliarde Euro ausgegeben für kitschige Repräsentationsgebäude, Holzgaleeren, Brunnen, historisierende Brücken und Denkmäler. «Das ist wahnsinnig. Wir sind Geisteskranke. Wir geben Geld für Schokolade aus, wenn wir kein Brot haben», sagt der Finanzminister im abgehörten Gespräch. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.05.2015, 18:44 Uhr

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