Nach 27 Jahren zeigt die Anti-Mafia-Kämpferin ihr Gesicht

Als «Kandidatin ohne Gesicht» wurde sie Parlamentarierin. Nun legt Piera Aiello ihren Schleier ab – es ist ihr zweiter Sieg gegen die sizilianische Mafia.

«Es war ein Wunder, dass ich selbst mit dem Leben davonkam», sagt Piera Aiello. Bild: PD

«Es war ein Wunder, dass ich selbst mit dem Leben davonkam», sagt Piera Aiello. Bild: PD

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Sie war die «Kandidatin ohne Gesicht» im italienischen Wahlkampf und danach, als Abgeordnete in Rom, das «Gespenst» des Parlaments. Wenn sie Interviews gab, in Schulen sprach oder auf Veranstaltungen auftrat, trug sie einen Schleier. Nicht einmal auf ihrem Parlamentsausweis war ein Foto von ihr zu sehen.

Der Grund: Piera Aiello führte ein Leben im Visier der Mafia, ein Vierteljahrhundert lang. Als Kronzeugin gegen die Cosa Nostra musste sie an einem geheimen Ort fern ihrer Heimat Sizilien leben, stets von Leibwächtern umgeben, immer in der Gefahr, die Mafiosi könnten ihre Drohung wahr machen, sie zu ermorden. Doch jetzt hat die 50 Jahre alte Frau beschlossen, wieder Gesicht zu zeigen. Beim Gedenken für ein Opfer der Cosa Nostra auf Sizilien legte sie den Schleier ab. Es ist ihr zweiter Sieg gegen die Mafia.

Dabei hatte es zunächst so ausgesehen, als sollten die Clans ihr ganzes Leben bestimmen. Als sie 14 Jahre alt war, lernte sie in ihrem Heimatort, dem westsizilianischen Partanna, Nicolò Atria kennen, den Sohn des örtlichen Bosses Don Vito. Die beiden heirateten. Ein paar Tage später wurde Don Vito von einem gegnerischen Clan erschossen. Piera Aiello versuchte vergeblich, ihren Mann von der Vendetta, der Blutrache, abzuhalten.

Der erster Sieg über die Mafia

Es folgten Jahre der Angst für die junge Frau. Ihr Mann mischte im Drogenhandel mit, lief stets mit einer geladenen Pistole herum und suchte nach den Mördern seines Vaters. Dann, im Juni 1991, wurde Nicolò Atria vor ihren Augen in ihrer Pizzeria erschossen. «Es war ein Wunder, dass ich selbst mit dem Leben davonkam.»

Auch Piera Aiello wollte sich nun rächen. Über einen befreundeten Carabiniere nahm sie Kontakt mit der Justiz auf. Sie erklärte sich bereit, als Kronzeugin auszusagen. Ihr Mann hatte ihr viele Geheimnisse der Cosa Nostra erzählt, sie kannte die Mitglieder der Clans beim Namen. Ihr erster Sieg über die Mafia. Doch zu was für einem Preis!

«Endlich kann ich der Welt ins Gesicht schauen, ohne Angst zu haben, mein eigenes zu zeigen.»

Piera Aiello wurde mit ihrer kleinen Tochter ins Flugzeug gesetzt und ins «Exil» gebracht, wie sie es nennt. Aber sie wollte weiterkämpfen. Sie klärte, stets verhüllt, in Schulen über das organisierte Verbrechen auf und engagierte sich in Anti-Mafia-Vereinen. Und sie wollte noch mehr tun: in die Politik gehen. Da sie die rechten und linken Altparteien auf Sizilien für in Teilen von der Mafia unterwandert hielt, schloss sie sich der neuen Fünfsternbewegung an.

So zog sie, noch verschleiert, ausgerechnet in ihrer Heimat Westsizilien in den Wahlkampf. Und sie gewann bei der Parlamentswahl im März mit grossem Vorsprung, ein Zeichen dafür, dass die Cosa Nostra auch in ihren Hochburgen zu besiegen ist. Dazu passt, dass sie jetzt die Verhüllung beiseitelässt. Sie sagt: «Endlich kann ich der Welt ins Gesicht schauen, ohne Angst zu haben, mein eigenes zu zeigen.»

Bei ihren Medienauftritten war sie stets verschleiert: Ein Beispiel eines Interviews (auf Italienisch). Video: Youtube

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2018, 19:45 Uhr

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