Napoli hat genug von Links und Rechts

Luigi De Magistris feiert einen Erdrutschsieg über Berlusconis Kandidaten. Mit fast zwei Dritteln der Stimmen haben ihn Neapels Stimmberechtigte zum Bürgermeister gewählt.

«Uns gehört Neapel!»: Wahlsieger Luigi De Magistris, umringt von seinen Anhängern.

«Uns gehört Neapel!»: Wahlsieger Luigi De Magistris, umringt von seinen Anhängern. Bild: AFP

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«Neapel gehört dir, Neapel gehört uns. Holen wir uns die Stadt zurück. Und sofort danach holen wir uns auch Italien zurück.» Was Luigi De Magistris vor dem zweiten Wahlgang auf seiner Webseite schrieb, ist zumindest im ersten Teil eingetroffen – und wie! Mit fast zwei Dritteln der Stimmen haben Neapels Stimmberechtigte den 43-jährigen Europaparlamentarier und früheren Staatsanwalt zu ihrem Bürgermeister gewählt. Gianni Lettieri, der Kandidat von Silvio Berlusconis Popolo della Libertà, blieb chancenlos. Er holte gar weniger Stimmen als im ersten Wahlgang.

Als Aussenseiter gestartet, hatte De Magistris bereits vor zwei Wochen verblüfft, als er den offiziellen Kandidaten des Mitte-links-Lagers distanzierte und in die Stichwahl einziehen konnte. Und nun hat er also einen Erdrutschsieg errungen, der in diesem Ausmass von niemandem erwartet worden war. De Magistris ist erst seit zwei Jahren in der Politik – als Mitglied von L’Italia dei Valori, der Partei des früheren Staatsanwalts Antonio Di Pietro. Er präsentierte sich den Neapolitanern als Mann des Wechsels und der Erneuerung, als jener Bürgermeister, der «sowohl mit der rechten als auch mit der linken Nomenklatur» aufräumen werde.

Angeklagt und ausgestiegen

Wie sein politischer Ziehvater hat De Magistris als Antikorruptionsstaatsanwalt Furore gemacht. Zuerst in Neapel und dann in Catanzaro hatte er sich mit dem Establishment in Politik und Verwaltung angelegt. Keinen seiner spektakulären Fälle konnte er allerdings zu Ende führen, auch weil ihn die Politik immer wieder behinderte, ihn versetzen liess oder ihm Fälle entzog. Einmal wurde er gar des Amtsmissbrauchs und der Amtsgeheimnisverletzung angeklagt, aber am Ende freigesprochen. Frustriert wandte er sich von der Justiz ab und der Politik zu. Mit grossem Erfolg: Bei den Wahlen zum Europaparlament erzielte er 2009 hinter Berlusconi das zweitbeste persönliche Ergebnis aller Kandidaten.

Die meisten Experten bezeichneten De Magistris’ Sieg in Neapel als Votum gegen die etablierten Parteien. Profitiert habe er zudem von der tiefen Beteiligung, die Lettieri mehr geschadet habe. Im ersten Wahlgang waren gut 60 Prozent der Stimmberechtigten an die Urne gegangen, gestern waren es noch 50. Gewonnen habe aber nicht die Antipolitik, sagte De Magistris, sondern der Wunsch nach einer Wende: «Endlich ist Neapel befreit von einer Politik, die mit der Camorra verbandelt ist. Endlich können wir das Abfallproblem anpacken.»

Müllfrage bleibt ein ungelöstes Problem

Nur schon die seit Jahren ungelöste Müllfrage zeigt, welche Herkulesaufgabe De Magistris vor sich hat. Immer wieder hat Berlusconi in den letzten Jahren die Armee an den Vesuv geschickt, um die Abfallberge abzubauen und die Zufahrten zu blockierten Deponien zu erzwingen. Nachhaltige Lösungen hat er aber ebenso wenig gefunden wie die Regierungen vor ihm. Mit mehr Abfalltrennung, aber ohne neue Deponien und Verbrennungsanlagen will De Magistris das Problem nun angehen. Ob das im chaotischen, anarchistischen und unregierbaren Neapel funktionieren kann?

Selber sprach der neue Bürgermeister von einer schwierigen Aufgabe, vom Kampf gegen «das Klientelwesen, gekaufte Stimmen, eine wirtschaftlich-mafiöse Maschinerie und zahlreiche Lobbys». Aber das neue Team könne es schaffen, denn: «Wir sind glaubwürdig, haben saubere Hände und den Willen, diese aus den Hosensäcken zu nehmen.» Hocherfreut zeigte sich gestern auch Antonio Di Pietro. Zwar waren er und De Magistris in den vergangenen Monaten nicht immer ein Herz und eine Seele. Aber von einem internen Hahnenkampf wollte Di Pietro gestern nichts wissen. Im Gegenteil: «In Mailand und Neapel haben wir gezeigt, wie eine Mitte-links-Koalition Berlusconi schlagen kann.» Ab sofort werde er dafür arbeiten, dasselbe auf nationaler Ebene zu schaffen. So wie es Luigi De Magistris auf seiner Webseite geschrieben hat: «Und sofort danach holen wir uns auch Italien zurück.»

Erstellt: 30.05.2011, 23:51 Uhr

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