Hintergrund

Neapels Jugend räumt auf

Was den Politikern bisher nicht gelang, wird nun von jungen Studenten angepackt. Seit Juni wird via Facebook zu Putzaktionen in Neapel aufgerufen. Ziel der Guerilla-Aktionen: Die Stadt vom Müll befreien.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Alles begann mit der Idee einer 27-jährigen Studentin. Anfang Juni spazierte Emiliana Mellone durch die Innenstadt von Neapel und störte sich am omnipräsenten Dreck. Sie störte sich auch an der Tatsache, dass ihre Heimatstadt im In- und Ausland nur noch als Mülldeponie, als Schandfleck Italiens wahrgenommen wird. Rund 2000 Tonnen Müll liegen immer noch aufgetürmt in Neapels Innenstadt und faulen vor sich hin, täglich muss die Feuerwehr ausrücken, um von Einwohnern in Brand gesetzte Müllberge zu löschen.

«Irgendwann ist genug», sagte sich Mellone und setzte sich zu Hause an ihren Computer, loggte sich auf Facebook ein und lancierte den simplen Appell: «Facciamo piazza pulita! Lasst uns sauber machen!» Wer sie kenne, wisse, dass sie eine Träumerin sei, eine Utopistin, aber «ich weiss, dass wir es schaffen können!», schrieb sie auf ihrer Facebook-Seite.

Mittlerweile wurden schon mehrere Piazze in Neapel gesäubert. Jedesmal treffen sich mehr Menschen, um mit Gummihandschuhen, Besen und Putzmitteln dem Dreck den Garaus zu machen. Die italienischen Medien sprechen von den neuen Engeln Neapels, Emiliana Mellone wird als Heldin gefeiert. Tagesanzeiger.ch/Newsnet sprach mit der jungen Aktivistin.

Wie genau geht ihr vor, wenn CleaNap angesagt ist?
Wir versuchen, den öffentlichen Plätzen ihre Würde wieder zurückzugeben. Wir putzen, beseitigen Müll, pflanzen Blumen an, reinigen Häuserfassaden und entfernen hässliche Schmierereien. Den zusammengetragenen Müll trennen wir und entsorgen ihn dann in den entsprechenden Containern – die hat es nämlich in Neapel, man muss sie nur benutzen!

Aber das akute Abfallproblem Neapels wird mit euren Aktionen nicht gelöst.
Nein, leider nicht. Unser Abfallproblem bewegt sich in Dimensionen und Abgründen, die wir nicht beeinflussen können. Aber wir können die Einwohner sensibilisieren, was Trennung und Recycling betrifft und sie ermuntern, ihren Müll nicht überall liegen zu lassen. Wir möchten aber auch Alternativen aufzeigen, die dazu führen sollen, einen anderen Lebensstil zu pflegen und somit auch weniger Abfälle zu produzieren.

Silvio Berlusconi hat immer wieder verkünden lassen, dass «das Müllproblem Neapels behoben» worden sei.
Silvio Berlusconi lebt nicht in Neapel und kennt darum die wahre Situation nicht. Oder vielleicht ist er sogar bestens informiert, aber seine Äusserungen sind immer voller Spott gegenüber den Problemen der einfachen Leute. Egal, wir erhalten Unterstützung von anderer Seite: Blumenhändler haben uns Pflanzen zur Verfügung gestellt, die wir in den vernächlässigten Parkanlagen, wie etwa bei der Porta Capuana, pflanzen. Grüne Politiker haben sich wohlwollend über unser Projekt geäussert und beim letzten CleaNap hat uns sogar Bürgermeister Luigi de Magistris mit einem Besuch überrascht.

Wie viele Mitglieder hat CleaNap?
Das ist schwierig abzuschätzen, beim ersten Mal waren wir etwa hundert aktive Helfer, beim zweiten Mal, beim Largo Banchi, bereits etwa zwei, dreimal so viele. Und beim letzten Mal, als wir den Platz um Porta Capuana gereinigt haben, sind wir regelrecht von Sympathisanten überrollt worden. Unsere Facebook-Seite hat auch schon mehrere Tausend Likers.

Porta Capuana gilt als gefährliche Gegend in Neapel. Hattet ihr keine Bedenken?
Doch, ein bisschen schon. Wir haben im Vorfeld viele Emails bekommen von Leuten, die warnten, es sei gefährlich, nicht mal die Polizei getraue sich in diese Gegend. Aber wir haben uns nicht abhalten lassen und am Ende war es eine der schönsten CleaNap-Aktionen. Alle haben sich beteiligt, Mütter mit ihren Kindern, Studenten, Penner, die Extracomunitari (illegale Ausländer, Anm. d Redaktion). Nächsten Sonntag ist eine weitere Aktion geplant, in Piazza Santa Maria La Nova. Wie viele es diesmal sein werden, kann ich nicht sagen. Nach dem ganzen medialen Interesse gehe ich aber mal von einer grossen Beteiligung aus.

Der Bürgermeister hat euren Einsatz in den höchsten Tönen gelobt. Die Presse nennt euch die neuen Engel. Werden Sie bereits von Prominenten unterstützt?
Bisher noch nicht. Ich habe allerdings schon mal den neapolitanischen Fussballverband angeschrieben, ob sie uns einen Fussballer als Testimonial schenken könnten, da wir ja logischerweise null Budget zur Verfügung haben. Ich weiss nicht, ob eine Zusammenarbeit jemals zustande kommen wird. Aber es wäre wunderbar! Denn der Fussball spricht eine universale Sprache und erreicht auch jene Leute, die Facebook nicht kennen und nutzen.

Ihre Putzaktionen haben auch eine symbolische Aussage. Wo sonst in Italien würden Sie sauber machen?
Wenn es nach mir ginge, würde ich augenblicklich zum Palazzo Montecitorio gehen, dem Parlamentsitz in Rom; bewaffnet mit Besen und Handschuhen würde ich auch dort «Piazza pulita» machen – allerdings im Innern des Gebäudes! (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.07.2011, 16:01 Uhr

Artikel zum Thema

In Neapel brennen die Müllberge

Die Müllkrise in Neapel spitzt sich weiter zu: Verärgerte Anwohner setzen Abfallberge und Mülltonnen in Brand. Bürgermeister De Magistris macht der Mafia schwere Vorwürfe. Mehr...

EU macht Italien wegen der Müllkrise Beine

Italien habe die Abfallkrise in Neapel nicht im Griff, sagt die EU und droht mit Sanktionen. Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi schiebt die Schuld auf die Betreiber der Mülldeponien. Mehr...

Bald schwimmt Neapel im Abfall

Neapel fürchtet, dass sich die Abfallberge an Silvester durch das Feuerwerk entflammen könnten. Nun greift die Stadtregierung zu einer vorbeugenden Massnahme. Mehr...

Emiliana Mellone: Die 27-jährige Studentin lancierte am 4. Juni 2011 den Appell «facciamo piazza pulita» – und löste damit die Bewegung CleaNap aus.

CleaNap - Piazza Pulita

Bildstrecke

Brennende Müllberge in Neapel

Brennende Müllberge in Neapel Verärgerte Anwohner setzen Abfallberge und Mülltonnen in der Innenstadt in Brand.

Wettbewerb

Gewinnen Sie dieses E-Bike

Nehmen Sie am SBB Wettbewerb «Freizeit und Reisen» teil und mit etwas Glück gewinnen Sie ein E-Bike der Marke FLYER im Wert von 1990 Franken.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Der Charme der Bescheidenheit
Tingler Alles auf Zeit
History Reloaded Der Zwingli des Islam

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Wiederspiegelt die Gesellschaft: Ein Fahrradfahrer fährt im Lodhi Art District von Neu Dehli an einem Wandbild vorbei. (24. März 2019)
(Bild: Sajjad HUSSAIN) Mehr...