«Nee, uns reicht es. Wir gehen zur Schweiz»

Eigentlich wären die Schwaben am liebsten Schweizer, sagt der Kabarettist Mathias Richling. Nun aber, da in Baden-Württemberg Wahlen anstehen, entdecken sie, dass sie selber eine Demokratie haben.

«Demokratie ist eine Sache – wie die Ehe auch –, zu der man täglich Ja sagen muss»: Kabarettist Mathias Richling, hier im Berliner Theater «Die Wühlmäuse».

«Demokratie ist eine Sache – wie die Ehe auch –, zu der man täglich Ja sagen muss»: Kabarettist Mathias Richling, hier im Berliner Theater «Die Wühlmäuse». Bild: Ullstein

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Herr Richling, Baden-Württemberg steht vor Wahlen. Erwartet uns eine Schwaben-Revolution an der Urne?
Ich halte alles für möglich. Wobei man sagen muss – und das verbindet uns Schwaben sicher mit den Schweizern –, wir sind keine politischen Draufgänger. Dennoch könnte es zu einem Regierungswechsel kommen.

Was sind die Gründe?
Weil die CDU nach 60 Jahren an der Macht glaubt, sich alles leisten zu können. Die Partei sieht sich in einer Art als legitime Nachfolgerin der Monarchie. Ganz nach dem Motto: Wenn die SPD oder die Grünen mal drankommen, dann ist das ein Betriebsunfall – wir sind die wahren Könige. Das Lavieren von CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus in der Atompolitik – er war der heftigste Befürworter der Laufzeitverlängerung, jetzt gibt er sich geläutert – ist so durchsichtig, dass auch der politisch Uninteressierte merken sollte, dass es hier nur noch um Machterhalt geht. Ich traue den Schwaben durchaus zu, dass sie diesen Ministerpräsidenten am Sonntag in die Wüste schicken.

Böse Zungen sagen, der Schwabe stänkere zwar gerne gegen «die da oben», am Schluss mache er das Kreuz aber doch wieder bei der CDU.
Das hat schon etwas, weil der Schwabe ein Gewohnheitstier ist. Wir essen bis heute am liebsten unseren Rostbraten mit Spätzle. Das zeigt sich sogar beim Protest gegen das Bahnhofsprojekt «Stuttgart 21». Diese Rebellion ist eine sehr lang geplante Angelegenheit. Diejenigen, die gegen den neuen Bahnhof demonstrieren, sind übrigens nicht irgendwelche Aussenseiter. Das sind Bürger der Stadt, die teilweise über 70 Jahre alt sind, die ihr Leben lang CDU gewählt haben und die jetzt eben sagen: Wir lassen uns das nicht mehr bieten.

Ist das eine Art demokratisches Erwachen im Schwabenland?
Um es etwas spitz zu sagen: In der DDR haben sie 40 Jahre gebraucht, um zu merken, dass sie gerne eine Demokratie hätten. Wir in Schwaben haben 60 Jahre gebraucht, um zu merken, dass wir eine haben.

Warum hat ausgerechnet «Stuttgart?21» so viel ausgelöst?
Es geht hier nicht um den Bahnhof und auch nicht um ein paar Bäume, die umgesetzt werden sollen. Es geht darum, dass der Öffentlichkeit enorm viele Fakten verschwiegen wurden, dass wir belogen wurden. Ein Beispiel: Um die Kosten niedrig zu halten, wurden die Tunnels enger geplant als üblich, so eng, dass bestimmte Züge da gar nicht mehr durchfahren können! Natürlich wird am Schluss breiter gebaut und alles viel teurer.

Aber immerhin haben alle Parlamente dem Projekt zugestimmt.
Das Argument ist immer, dass alles durch die Institutionen gegangen ist. Aber wenn ich mit einer Lüge durch alle Institutionen gehe, dann zählt das eben nicht. Ganz abgesehen davon: Der Atomausstieg ist auch durch alle Institutionen gegangen, hoch demokratisch. Kanzlerin Merkel aber setzt sich darüber hinweg und verlängert die AKW-Laufzeiten einfach um 12 Jahre. Wie kommt sie dazu? Das ist eine perfide Interpretation von Demokratie, das ist eine Unverschämtheit.

Sie stellen die deutsche Demokratie infrage?
Was wir haben, ist keine Demokratie. Natürlich werden wir nicht diktatorisch unterdrückt, aber wir können eben auch nicht mitbestimmen, wie die Schweizer das tun. Deswegen ist es dringend notwendig, dass in Baden-Württemberg andere Parteien an die Macht kommen. Die CDU muss verstehen, dass sie tatsächlich abgewählt werden kann. Die Christdemokraten denken wie ein alter Ehemann: «Wir sind jetzt seit 50 Jahren verheiratet, die Frau kann mir doch nicht weglaufen.» Ich aber sage: Doch, wir laufen jetzt einfach mal weg. Demokratie ist eine Sache – wie die Ehe auch –, zu der man jeden Tag Ja sagen muss.

Nehmen die Schwaben die Schweiz wirklich als Vorbild wahr?
Ja, schon. Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Schwaben insgeheim so wie die Bayern gerne einen eigenen Freistaat hätten. Ich glaube sogar, wenn jetzt plötzlich Europa neu geordnet würde, die Schwaben durchaus sagen könnten: «Nee, uns reicht es. Wir gehen zur Schweiz.»

Was ist für die Schwaben so attraktiv an der Schweiz?
Das ist wohl eine Mentalitätsfrage. Natürlich spielt die direkte Demokratie eine Rolle. Es ist aber auch diese Schweizer Art, zuerst abzuwägen, nicht gleich vorzupreschen ...

Sie meinen eine gewisse Behäbigkeit.
Ich wollte es gerade nicht so sagen.

Fühlen sich die Schwaben den Schweizern näher als anderen Deutschen, etwa den Hamburgern oder den Preussen?
Selbstverständlich. Klar.

Die Schweizer dagegen unterscheiden da nicht so genau. «Schwabe» ist eine wenig freundliche Bezeichnung für alle Deutschen.
Ich weiss, dass es in der Schweiz Aggressionen gibt gegen Fremde, vor allem gegen Deutsche. Ich habe mit einigen Leuten gesprochen, die sehr rüde behandelt wurden und danach nach Deutschland zurückgekehrt sind.

Die haben die Schweiz verlassen, weil sie sich gemobbt fühlten?
Denen hat das einfach keinen Spass mehr gemacht, dort zu arbeiten. Ich muss aber sagen, dass das für mich als Aussenstehender in gewisser Weise nachvollziehbar ist. Wenn ich mich daran erinnere, dass unser ehemaliger Finanzminister Peer Steinbrück die Schweiz praktisch als Verbrecherland beschimpfte, muss man mit einer Gegenreaktion rechnen. Abgesehen davon, gibt es auch in Deutschland viel Ausländerhass.

Als mehrere deutsche Bundesländer gestohlene Bankdaten gekauft hatten, hat sich die Regierung in Stuttgart geweigert, dasselbe zu tun. War das eine Art alemannische Solidarität mit dem Nachbarn?
Das kann sein. Man legt in Baden-Württemberg Wert auf Privatsphäre. Der Schwabe hat seine Zäune, seine Gardinen. Im Norden dagegen sind überall die Vorhänge offen, da können Sie in die Wohnzimmer schauen. Solche Dinge wirken sich auch auf das Rechtsverständnis aus. Wir dürfen nicht vergessen, auch wenn es der FDP zurzeit schlecht geht: Baden-Württemberg ist das Stammland der Liberalen schlechthin. Die FDP hat hier nach dem Krieg fast 20 Prozent der Wähler hinter sich gehabt.

Als Kabarettist imitieren sie gerne Politiker. Würden Sie, im Falle eines Machtwechsels in Stuttgart, den CDU-Ministerpräsidenten Stefan Mappus vermissen?
Nein. Mappus ist jetzt bei weitem nicht so eine griffige Figur wie Edmund Stoiber oder Helmut Kohl. Ich habe im Übrigen auf viele Figuren sofort verzichtet, wenn sie abgewählt wurden, auch wenn sie die besten Pointen lieferten.

Was zeichnet denn Mappus aus – gerade im Gegensatz zu seinem grünen Herausforderer Winfried Kretschmann?
Mappus hat sich da hochgehievt in diesen Posten mit vielen Durchschlängeleien. Es war sein grosses Ziel, Ministerpräsident zu werden. Jetzt geniesst er die Macht, nutzt sie aus für sich und seine Partei. Kretschmann dagegen wirkt im Moment noch, also ob er, wenn die Wahl schiefgeht, sofort als Hausmeister bei Mappus anfangen könnte. Aber das kann sich mit einer Amtsübernahme schnell verändern.

Erstellt: 22.03.2011, 23:13 Uhr

(Bild: TA-Grafik kmh)

Mathias Richling

Parodien auf Politiker

Der Kabarettist Mathias Richling ist im Schwabenland aufgewachsen und in Stutt-gart. Bekannt geworden ist der 57-Jährige vor allem durch Parodien auf deutsche Politiker, sei es von Kanzlerin Angela Merkel, Aussen-minister Guido Westerwelle oder Finanzmi-nister Wolfgang Schäuble. Für die ARD leitete er bis Januar 2011 die Sendung «Satire-Gip-fel» und produziert heute für seinen Heimat-sender SWR eine eigene Sendung «Studio Richling». Derzeit ist er auf Tour mit seinem Programm «Der Richling Code». Ende Mai ist er in Schaffhausen und Winterthur zu Gast.

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Der Wahlkampf in Baden-Württemberg hat in den letzten Tagen noch einmal an Schärfe gewonnen, vor allem wegen der Atomkatastrophe in Japan. CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus war bis vor kurzem ein grosser Anhänger der Nuklearenergie – sieht diese jetzt aber plötzlich viel kritischer. Gereizt bleibt auch die Auseinandersetzung um den Tiefbahnhof «Stuttgart 21».(dn)

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