Nemzow hatte offenbar Beweise

Für seine Recherchen bezahlte Boris Nemzow mit seinem Leben. Nun haben seine Vertrauten den Bericht veröffentlicht: «Putin. Krieg» zeigt die Rolle des Kremls im Kampf um die Ostukraine.

«Putin. Krieg»: Ilja Jaschin präsentiert in Moskau den Bericht. (12. Mai 2015)

«Putin. Krieg»: Ilja Jaschin präsentiert in Moskau den Bericht. (12. Mai 2015) Bild: Maxim Zmeyev/Reuters

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Vertraute des Ende Februar im Zentrum Moskaus ermordeten Kremlkritikers Boris Nemzow haben einen Bericht vorgelegt, der nach ihren Angaben «vollständige Beweise» für die Präsenz russischen Militärs in der Ukraine enthält.

Der 64-seitige Bericht enthalte unter anderem Aussagen von «Schlüsselzeugen», sagte einer der Autoren, der Oppositionelle Ilja Jaschin, bei der Vorstellung des Papiers in Moskau. «Alle entscheidenden militärischen Siege» der prorussischen Separatisten in der Ostukraine seien «von regulären russischen Truppen gewährleistet» worden.

Informationen von Verwandten der Soldaten

Der Bericht befasst sich mit der Rolle des Kreml und des russischen Staatschefs Wladimir Putin im Ukrainekonflikt und trägt den Titel «Putin. Krieg». Nemzow, der am 27. Februar in Moskau erschossen worden war, hatte das Material zusammengestellt.

Das Nachrichtenmagazin «Mashable» hat den Bericht (russisch) gelesen und zusammengefasst. Das sind die wichtigsten Aussagen:

  • Putin hat in der Ukraine einen Krieg angezettelt, weil seine Umfragewerte schon vor der Wiederwahl 2012 im Keller gewesen waren.
  • Für die Annexion der Krim und den darauffolgenden Stellvertreterkrieg im Osten der Ukraine massgeblich war die Propaganda russischer Medien. Sie stellten die neue ukrainische Regierung als «Faschisten und Nazis» dar, die die russischsprachigen Ukrainer vernichten wollten.
  • Nach öffentlichen Untersuchungen und Aussagen von Angehörigen beziffert Nemzow die Zahl der in der Ukraine umgekommenen russischen Soldaten auf mindestens 220.
  • Russische Soldaten oder speziell ausgebildete Separatisten haben mit einer russischen Buk-Rakete das Passagierflugzeug MH17 abgeschossen.
  • Einige der wichtigsten Separatistenführer sind Russen: Alexander Borodai, erster Anführer der «Donezker Volksrepublik», und Igor «Strelkow» Girkin, ein ehemaliger Kommandeur der Separatisten.
  • Der Krieg in der Ukraine kostete Russland bislang über eine Milliarde Dollar. Weitere 1,5 Milliarden Dollar gaben die regionalen russischen Verwaltungen für die Versorgung von Flüchtlingen aus Donezk und Luhansk aus.

Der Report besteht aus Medienberichten und Informationen, die Nemzow gesammelt hatte, unter anderem von Verwandten und anderen Vertretern der getöteten Soldaten. Die Aussagen deckten sich weitgehend mit bereits veröffentlichten Recherchen von russischen, ukrainischen und westlichen Journalisten, schreibt «Mashable».

Der 55-jährige Nemzow wurde in der Nacht zum 28. Februar erschossen. Die Ermordung des Regierungsgegners löste weltweit Bestürzung aus. Nach der Ermordung Nemzows waren fünf Verdächtige festgenommen worden, darunter ein tschetschenischer Polizeioffizier. Das Motiv für die Tat ist aber nicht bekannt. (pst/hvw/sda)

Erstellt: 12.05.2015, 13:25 Uhr

Soldaten bei Gefechten in Ostukraine getötet

Bei Gefechten im Kriegsgebiet Donbass sind zuletzt drei ukrainische Soldaten getötet worden. Die prorussischen Separatisten verstiessen andauernd gegen die seit Februar geltende Waffenruhe, sagte Aussenminister Pawel Klimkin in Kiew. Auch die Aufständischen warfen der Ukraine Angriffe im Frontgebiet vor.

Präsident Petro Poroschenko kündigte an, den komplett zerstörten Flughafen der Separatistenhochburg Donezk zurückzuerobern und wieder aufzubauen. «Wir befreien den Airport von Donezk, denn das ist unser Land», sagte er nach Angaben der Präsidialkanzlei. Kremlsprecher Dmitri Peskow in Moskau kritisierte dies als Verstoss gegen den Friedensplan für die Ostukraine.

Der Flughafen war monatelang schwer umkämpft, bis die Aufständischen das Gelände im Januar unter ihre Kontrolle brachten. Erst für die Fussballeuropameisterschaft 2012 war der Airport für umgerechnet rund 730 Millionen Franken modernisiert worden.

Ausländische Verstärkung für Armee

Die Ukraine will ihre von den Kämpfen gegen die prorussischen Separatisten im Donbass geschwächte Armee nun offiziell für Ausländer öffnen. Das Parlament in Kiew nahm am Dienstag in erster Lesung ein entsprechendes Gesetz an. (SDA)

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