Noch glauben die Russen ihrem Präsidenten

Die EU und die USA haben eine neue Runde von Strafmassnahmen gegen Russland beschlossen, der Druck auf den Kreml erhöht sich. Warum die Bevölkerung dies bislang gelassen nimmt, erklärt Soziologe Lew Gudkow.

«Die Menschen vertrauen dem Kurs ihres Präsidenten»: Bei einer Militärparade in Moskau schwenkt ein Mann eine Flagge mit den Konterfeis von Präsident Putin und Premier Medwedew. (5. Mai 2014)

«Die Menschen vertrauen dem Kurs ihres Präsidenten»: Bei einer Militärparade in Moskau schwenkt ein Mann eine Flagge mit den Konterfeis von Präsident Putin und Premier Medwedew. (5. Mai 2014) Bild: Reuters

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Nach dem Absturz von Flug MH 17 vor zwei Wochen erhöht sich der Druck auf Moskau. Gestern beschloss die EU neue Sanktionen, verhängte Einreiseverbote und Kontosperrungen gegen mehrere Personen aus Präsident Putins innerem Zirkel. Am Abend zogen dann die USA nach, verabschiedeten unter anderem Strafmassnahmen gegen mehrere russische Banken und die grosse Schiffsbaufirma United Shipbuilding Corporation (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete). Und bereits morgen soll die dritte Sanktionsstufe in Kraft treten, die gestern von der EU beschlossen wurde. Die Massnahmen werden die Wirtschaft des Landes voraussichtlich hart treffen, zumal ihr Zustand bereits vor der Ukrainekrise nicht der beste war.

Russlands Bevölkerung scheint dies jedoch kaum zu beeindrucken – im Gegenteil: Wie eine Umfrage des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum vom 21. Juli zeigt, sind 61 Prozent der Befragten «nicht» oder «kaum besorgt» über die verhängten Sanktionen. Nur 10 Prozent sind «sehr besorgt», 26 Prozent immerhin «ziemlich besorgt».

«Die Städter verstehen die Folgen besser»

Für den renommierten Soziologen Lew Gudkow, Leiter des Lewada-Zentrums, hat das mehrere Gründe. «Weil die Sanktionen bisher keinen Einfluss auf den Alltag der Menschen hatten, verstehen sie die Folgen nicht», erklärt er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Entsprechend der Kreml-Propaganda nehme man die Massnahmen bisher als rhetorische Drohung wahr. Auch heute warnen staatstreue Medien erneut vor einem «Bumerangeffekt», der der EU Schaden zufügen wird. Dabei geben sich die wenigsten Medien – meist die oppositionellen mit geringer Reichweite – kritisch, über die Bedeutung der Sanktionen wird kaum berichtet. Obwohl die Sanktionen am Tag danach die nationalen Schlagzeilen bestimmen, sind erklärende Analysen rar. «Die Menschen wiederholen die Kreml-Rhetorik der Zeitungen meistens blind, sie können die komplexen Folgen der Sanktionen kaum begreifen.»

Das bezeugt auch ein anderer Teil der Umfrage: Nach den Folgen für die Bevölkerung gefragt, glauben nur 6 Prozent an «sehr grosse Probleme» und immerhin 23 Prozent an «relativ grosse Probleme». 35 Prozent glauben dagegen, die Probleme würden eher gering ausfallen, und für 30 Prozent der Befragten werden die Sanktionen gar keine Probleme mit sich bringen.

Umso grösser sind jedoch die Unterschiede zwischen den einzelnen sozialen Gruppen: Den Einwohnern der Grossstädte, oftmals besser informiert und gebildet, scheinen die Folgen der Sanktionen bewusster zu sein, das bestätigt auch Gudkow. Innerhalb dieser Gruppe glauben immerhin 45 Prozent an eine radikale Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation als Folge der Strafmassnahmen – und zeigen sich entsprechend besorgt. Die Konsequenzen der Sanktionen seien aber auch bedeutend sichtbarer in den Städten als in der Provinz, erklärt der Experte. Während die Städter von Kapitalabfluss, Börsenschwankungen und höheren Preisen auf Konsumgüter direkt betroffen seien, hätten die Sanktionen kaum Einfluss auf die Landbevölkerung, die sich zumeist autark versorge.

Sanktionen als Anreiz?

Auch bei russischen Experten schien bis vor kurzem die Ansicht zu herrschen, Sanktionen hätten kaum Folgen für die russische Wirtschaft – und wenn doch, sogar positive. «Die Sanktionen haben bisher keinen makroökonomischen Effekt», liess der russische Wirtschaftsminister Andrei Bjeloussow letzte Woche verlauten. Gelassen gab sich auch der russische Präsident. «Ich sehe keine Schwierigkeiten – und wenn, dann nutzen sie uns am Ende», antwortete Putin auf eine Journalistenfrage nach den bevorstehenden Massnahmen am Montag. Und auch die Landwirtschaftsbank liess heute in einer Stellungnahme verlauten, die gegen sie verhängten Sanktionen hätten keinen Einfluss auf ihre Arbeit.

Die Strafmassnahmen gegen Russlands Banken, hört man in der Öffentlichkeit immer öfter, würden eine Entwicklung des russischen Finanzsektors gar stimulieren. Darüber ist man sich auch in Putins Regierungspartei Einiges Russland scheinbar einig. «Die Sanktionen werden unserer Wirtschaft keine ernsthaften Probleme bereiten», erklärte heute der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Michail Emeljanow gegenüber der Nachrichtenagentur Interfax. Stattdessen solle man auf Autarkie setzen – ein Vorschlag, der in letzter Zeit entsprechend der offiziellen Linie immer wieder Thema in der öffentlichen Diskussion ist.

Trend zur Kehrtwende?

Doch neben diesen Stimmen mehren sich inzwischen auch die derjenigen, die sich Sorgen machen um die Folgen der Sanktionen. So warnte der ehemalige Finanzminister Alexei Kudrin vor einer Rezession der russischen Wirtschaft. Letztlich könnte die Situation die Russen ein Fünftel ihres Einkommens kosten, schätzte er. Und auch ein Wirtschaftsexperte des präsidialen Menschenrechtsrats mahnte bereits, Massnahmen gegen den russischen Finanzsektor hätten «ernste Folgen für die Bevölkerung». Eine Prognose, die auch der Leiter des Lewada-Zentrums bestätigt.

Lew Gudkow glaubt dennoch an eine – wenn auch überaus langsame – Kehrtwende in der öffentlichen Meinung. Die Zustimmung zu Putins politischem Kurs sei seit März um 25 Prozent gesunken. Und glaubt man dem Soziologen, wird sie in den nächsten Monaten weiterhin sinken. Die Menschen hätten zunehmend Angst vor einem offenen Krieg mit der Ukraine – oder sogar einem europaweiten – und seien daher spürbar vorsichtiger geworden. Am Schluss äussert Gudkow eine verhaltene Hoffnung. «Die Meinung der gebildeten und informierten Bürger wird über kurz oder lang zunehmend an Einfluss im öffentlichen Diskurs gewinnen und das Bewusstsein der Menschen erreichen», prophezeit er.

Erstellt: 30.07.2014, 17:31 Uhr

Der renommierte Soziologe Lew Gudkow leitet das einzige unabhängige Meinungsforschungsinstitut in Russland, das Lewada-Zentrum. (Bild: PD)

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