Norwegen eröffnet ein gewaltiges Ölfeld

Die Regierung in Oslo will das Öl und das Gas exportieren und redet die Folgen fürs Klima klein.

Das «Johan Sverdrup»-Ölfeld liegt 140 Kilometer von Stanvanger entfernt in der Nordsee. Foto: Carina Johansen (NTB, Reuters)

Das «Johan Sverdrup»-Ölfeld liegt 140 Kilometer von Stanvanger entfernt in der Nordsee. Foto: Carina Johansen (NTB, Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Johan Sverdrup» ist ein Ölfeld, 140 Kilometer oder einen einstündigen Helikopterflug von der norwegischen Küstenstadt Stavanger entfernt. Es ist nicht irgendein Ölfeld, das da zu Wochenbeginn eröffnet wurde, es ist schon jetzt das ergiebigste Westeuropas. In der Tiefe liegt Öl im Wert von umgerechnet mehr als 100 Milliarden Franken, das darauf wartet, gefördert zu werden. 2,7 Milliarden Barrel Öl, genug, um die Förderung noch bis in die 2070er-Jahre hinein am Laufen zu halten – und dabei so viel Treibhausgase aus der Erde zu holen, dass sie einer Studie zufolge in einem durchschnittlichen Jahr einmal 40 Prozent der norwegischen Gesamtemissionen ausmachen werden.

Was die Regierung jubeln lässt, attackieren Klimaschützer. Von «Norwegens grösstem Industrieprojekt» der vergangenen Jahre sprach Premierministerin Erna Solberg, als sie zum Start der Förderung symbolisch auf den Knopf drückte. Die norwegischen Grünen hingegen sprechen von einem «Generationenraub» auf Kosten der Jungen, nennen «Johan Sverdrup» ein «Ölprojekt, das massiv zur Klimakrise beitragen wird». Die erregte Debatte in den vergangenen Wochen über das Feld und den künftigen Kurs der norwegischen Ölpolitik führte dazu, dass Norwegens König Harald in letzter Minute seine Teilnahme an der Eröffnungszeremonie absagte.

Rekordzahl an Bohrlizenzen

Norwegens neue Öl- und Energieministerin, Sylvi Listhaug von der rechtspopulistischen Fortschrittspartei FRP, hatte in der Vergangenheit auch schon bezweifelt, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Bei dem Festakt sprach sie davon, dass es darum gehe, «in jedem Haus im ganzen Land Licht zu haben».

Was zumindest für Norwegen selbst so nicht mehr stimmt: Das Land bezieht fast seine gesamte Energie aus nachhaltigen Quellen, vor allem Wasser- und Windkraft. Das in Norwegen geförderte Öl und Gas wird exportiert und füllt die Staatskassen. «Das Feld, das jedem von uns 150 000 Kronen im Jahr einbringt», umgerechnet knapp 16 000 Franken, nannte die Zeitung «Aftenposten» das Vorkommen.

Norwegens Ölindustrie war in den letzten Jahren stagniert, sie sieht sich nun in einer Phase der Wiederbelebung mit Rückendeckung der Regierung, die zuletzt eine Rekordzahl an neuen Bohrlizenzen ausgestellt hatte. «Johan Sverdrup» ist dabei das grösste entdeckte Ölfeld auf dem norwegischen Festlandsockel seit Mitte der 1980er-Jahre. Wenn die Produktion einmal voll läuft, dann sollen pro Tag mehr als 600'000 Barrel gefördert werden.

Norwegens Regierung wirbt zugleich gern mit ambitionierten Anstrengungen zur Emissionsminderung. Und der Betreiber des Feldes, der vom Staat dominierte Energiekonzern Equinor, verweist auf neue Technologien und die Tatsache, dass die Förderung selbst nicht wie sonst ­üblich mit Gasturbinen betrieben werden soll, sondern mit grünem Strom vom Festland. Pro Barrel Öl sollen die CO2-Emissionen bei der Förderung so nur bei 700 Gramm liegen, statt wie sonst bei 18 Kilogramm.

Problem wird exportiert

Kritiker nennen das Augenwischerei, schliesslich entsteht der überwältigende Teil der Emissionen nicht bei der Förderung, sondern bei der Verbrennung des gewonnenen Öls. Das kleine Norwegen mit etwas mehr als fünf Millionen Einwohnern ist Greenpeace zufolge heute der siebtgrösste Exporteur von CO2-Emissionen weltweit.

Norwegen wasche sich die Hände rein, während es in Wirklichkeit das Problem einfach nur exportiere, argumentieren Klimaschützerinnen wie Greta Thunberg. Sie hat der norwegischen Regierung deswegen «Heuchelei» vorgeworfen. Auch der UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte und Umwelt, David R. Boyd, warf der norwegischen Regierung vor, mit ihrer ölfreundlichen Politik «die globale Klimakrise zu befeuern».

Die rechtskonservative Regierung um Premierministerin Solberg weiss allerdings bei der Ölpolitik noch immer eine Mehrheit der Bürger hinter sich. Bei einer Umfrage der Zeitung Klassekampen gaben jüngst 49 Prozent der Befragten an, das Land solle weiter Öl fördern, nur 28 Prozent lehnten neue Bohrungen ab, der Rest war unschlüssig.

Erstellt: 09.01.2020, 18:34 Uhr

Artikel zum Thema

USA wollen syrische Ölfelder mit Panzern schützen

Zur Verteidigung gegen den IS sollen nun doch wieder US-Truppen in Nordsyrien stationiert werden. Russland ist besorgt. Mehr...

Nach Attacken in Saudiarabien: Deutlicher Öl-Preisanstieg erwartet

Video Drohnenangriffe haben die grösste Erdölraffinerie der Welt getroffen. Die USA beschuldigen den Iran. Dieser weist die Vorwürfe zurück. Mehr...

Öl ins Feuer

Analyse Das billige Öl schmiert die Wirtschaft und verklebt den Umweltschutz. Und niemand weiss, wann die Preise wieder steigen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...