Offen für Europa, offen für Frauen

Ana Brnabic ist eine bekennende Lesbe und Serbiens erste Ministerpräsidentin in der Geschichte des Landes. Konservative Politiker und die Kirche sind empört.

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In Serbien wie auch in anderen Balkanländern haben Homosexuelle kein einfaches Leben. Grosse Teile der Bevölkerung betrachten Homosexualität immer noch als Krankheit. Bei der «Belgrad Pride» kommt es regelmässig zu Ausschreitungen gegen Schwule und Lesben. Die mächtige serbisch-orthodoxe Kirche und ultrakonservative Politiker polemisieren gegen Homosexuelle. Darum kommt es für Serbien einer Sensation gleich, dass Präsident Aleksandar Vucic für seine Nachfolge im Amt des Ministerpräsidenten Ana Brnabic vorgeschlagen hat. Die 41-jährige Politikerin ist eine bekennende Lesbe. So nahm sie letztes Jahr an der LGBT-Parade in Belgrad teil, als über 5000 Polizisten die rund 1000 feiernden Menschen beschützen mussten. Laut Vucic verfügt Brnabic über die «persönlichen und beruflichen Qualitäten, um die Arbeit des Regierungschefs auszuüben». Brnabic ist auch die erste Frau in diesem Amt.

Blitzkarriere einer Polit-Newcomerin

Brnabic ist eine politische Quereinsteigerin. Als parteilose Expertin war sie erst im vergangenen August in die Regierung berufen worden. Schon dieser Personalentscheid von Vucic, der damals noch Ministerpräsident war, hatte für grosses Aufsehen gesorgt. Brnabic äusserte damals die Hoffnung, dass sich der Rummel um ihre Person nach einigen Tagen legen werde. «Dann werde ich nicht mehr als lesbische Ministerin, sondern als Ministerin für öffentliche Verwaltung und Kommunales bekannt sein.»

Brnabic hatte sich als erfolgreiche und international vernetzte Managerin für einen Regierungsposten empfohlen. Nach einem BWL-Studium an der Northwood Universität im US-Bundesstaat Michigan sowie an der Hull-Universität in England arbeitete sie als Beraterin von EU-Programmen zur Entwicklung der Landwirtschaft in Serbien sowie in einer Führungsposition bei der Entwicklungshilfeagentur USAID. Danach wirkte sie als Direktorin von Continental Wind Serbia, einem Ableger eines US-Windenergie-Unternehmens. Ausserdem war Brnabic Vorsitzende in einer Allianz zur serbischen Wirtschaftsförderung mit vielen Weltkonzernen. 2013 wurde Brnabic, die fliessend Englisch und Russisch spricht, in Serbien als Businessfrau des Jahres geehrt. Das Privatleben schirmt die 41-Jährige konsequent von der Öffentlichkeit ab.

Technokratin von Vucics Gnaden

Die designierte Regierungschefin ist dem politischen Kurs ihres Vorgängers Vucic verpflichtet. Vucic verkörpert nach wie vor die Macht in Serbien, obwohl dem Präsidenten in Serbien eigentlich nur repräsentative Aufgaben zustehen. Im Parlament hat die Fortschrittspartei von Vucic eine überwältigende Mehrheit. Einerseits will Serbien seine traditionell guten Beziehungen mit Russland weiterentwickeln, andererseits soll sich das Balkanland der EU annähern. Seit Ende 2015 laufen Beitrittsverhandlungen zwischen Belgrad und Brüssel. «Wir wissen, dass die EU sich gerade mit eigenen Problemen beschäftigt, und es sind nicht wenige», sagt Brnabic. «Aber das änderts nichts an unserer Entschlossenheit, den EU-Weg weiterzugehen.»

Serbiens Kirche hatte keinen Erfolg beim Versuch, Brnabic zu verhindern. Und die Opposition tobt nach der Ernennung der neuen Regierungschefin. Brnabic sei auf Befehl des Westens nominiert worden, heisst es zum Beispiel. Vucic habe vor Washington kapituliert, vor allem wolle er der EU gefallen. Auffallend zurückhaltend verhalten sich die serbischen Krawallmedien. Weil sie Vucic nahestehen, wagen sie es nicht, Brnabic zu kritisieren oder ihre Homosexualität zum Thema zu machen.

In liberalen Kreisen wird die Ernennung Brnabics als Zeichen des Fortschritts gesehen und auch als ein weiterer Schritt Serbiens in Richtung EU, die Serbien wegen der Lage der LGTB-Community kritisiert hatte. Kritik kommt von Serbiens rechtsnationalen Kreisen. Brnabic bezeichnen sie als «Kroatin, die nun Serbien regiert». Die Vorfahren von Brnabic stammen von der kroatischen Adriainsel Krk, wo die serbische Politikerin ein Ferienhaus besitzt. In Kroatien machte sich ein Nachrichtenportal lustig über die Aufregung in Serbien. «Brnabic ist reich und homosexuell, und sie ist noch Kroatin.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2017, 14:25 Uhr

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