Interview

«Oligarchen wie Chodorkowski waren im Volk verhasst»

Nach Michail Chodorkowski sind nun auch die Musikerinnen von Pussy Riot frei. Weltweit berichten Medien beinahe schon exzessiv. Wie aber sehen die Russen die Ereignisse? TA-Korrespondent Julian Hans erklärt es.

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Wie nehmen die Menschen in Russland den Fall Chodorkowski wahr?
Viele haben es damals begrüsst, als nach den chaotischen 90er-Jahren mit den Oligarchen aufgeräumt wurde. Sie waren in der Bevölkerung verhasst, weil sie sich in undurchsichtigen Manövern Staatseigentum unter den Nagel gerissen hatten – und dazu gehörte auch Michail Chodorkowski. Als Wladimir Putin den Ex-Jukos-Chef im Oktober 2003 mithilfe eines Sondereinsatzkommandos in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf dem Flughafen von Nowosibirsk verhaften liess, haben deshalb viele applaudiert. Es kam gut an, dass man endlich gegen die Oligarchen vorging – auch wenn viele andere nie vor Gericht kamen. In Chodorkowski sehen viele Russen noch immer einen Vertreter der «räuberischen Privatisierung».

Wie hat sich die Wahrnehmung der Menschen während Chodorkowskis zehnjähriger Haft verändert?
Er ist zu einem Symbol von Putins Willkürjustiz geworden – die Prozesse sind im In- und Ausland als konstruiert wahrgenommen worden. Jeder verurteilte Straftäter bekommt – in der eigenen Wahrnehmung wie auch in der von aussen – eine Art Mitleidsbonus. Und auch Chodorkowski konnte letztendlich von diesem Mitleid profitieren. Für Menschenrechtsorganisationen standen die Verstösse im Vordergrund, die der Staat bei der Verfolgung Chodorkowskis beging. Er war offensichtlich so etwas wie Putins persönlicher Gefangener. Dass er jetzt begnadigt wurde, war daher eine Sensation. Vor zehn Tagen hätte keiner damit gerechnet. Was aber die Zukunft angeht: Die Hoffnung, dass sich in Russland etwas zum Besseren ändert, ist gering – viele denken gar, es werde für die Freiheitskämpfer nur noch härter

Wie war die Berichterstattung der russischen Medien zum Fall Chodorkowski?
Die russischen Medien haben zwar alle über den Fall und Chodorkowskis Begnadigung berichtet – sich aber kaum mit den Hintergründen der Freilassung auseinandergesetzt.

In vielen Medien wurde Putin als Sieger gepriesen. Wie sehen die Russen seine Rolle?
In der Bevölkerung unterstützen etwa 60 Prozent den Präsidenten – für einen autokratischen Herrscher nicht besonders viel. Für viele war die Freilassung des Ex-Oligarchen sicher ein Gnadenakt von «Batjuschka». In Russland haben solche Amnestien schliesslich Tradition: Der Zar nimmt die Freiheit – und er schenkt sie einem wieder.

Nehmen die Menschen in der Provinz Chodorkowski anders wahr als in den Metropolen Moskau und St. Petersburg?
Putins Unterstützer wohnen überwiegend in der Provinz – bei den letzten Wahlen erzielte er in Moskau das schlechteste Ergebnis. Mit der Haltung gegenüber Chodorkowski ist es sicher ähnlich: Auf dem Land leben zumeist Menschen, die Angst vor Eigenständigkeit haben – und jemanden in Moskau brauchen, der für sie sorgt.

Wie sieht die russische Opposition Chodorkowski?
Die Opposition hat seine Begnadigung durchwegs positiv aufgenommen. Unter Juristen gab es allerdings unterschiedliche Auffassungen darüber, ob das Gnadengesuch als Schuldeingeständnis zu deuten ist oder nicht.

Und wie sieht es mit den Musikerinnen von Pussy Riot aus? Wie sympathisch sind sie den Russen?
Der Fall Pussy Riot sollte die Gesellschaft davon überzeugen, dass die liberalen Kräfte im Land eine Bedrohung für die alten russischen Werte darstellen – und das hat auch wunderbar funktioniert. Viele glauben, Pussy Riot hätten diese Werte zerstören wollen – vor allem die Menschen in der Provinz erleben es so. Ihnen ist der gesellschaftliche Diskurs zu Frauen- und Religionsthemen, wie wir ihn im Westen täglich führen, fremd.

Erstellt: 23.12.2013, 15:47 Uhr

«Die Hoffnung, dass sich in Russland etwas zum Besseren ändert, ist gering – viele denken gar, es werde für die Freiheitskämpfer nur noch härter»: Julian Hans ist Russland-Korrespondent des «Tages-Anzeigers».

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