One-Man-Show der deutschen FDP

Brillant, schrill, sexy: Der 38-jährige Christian Lindner hat die Liberalen wieder auf die politische Bühne katapultiert. Jetzt fehlt noch die Krönung.

Seine Mission ist es, die FDP zu retten: Christian Lindner. Foto: Martin Meissner (Keystone)

Seine Mission ist es, die FDP zu retten: Christian Lindner. Foto: Martin Meissner (Keystone)

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Der coolste Werbespot des deutschen Wahljahres ist bereits erschienen. 86 Sekunden lang projiziert er in schnellem Schnitt Fotos in ästhetischem Schwarz-weiss, die einen blendend aussehenden jungen Mann zeigen: mal nachdenklich, mal bissig, mal leuchtend, mal fertig. Und einmal auch ausgezogen bis aufs Unterhemd, nach dem Sport, als er auf dem Sofa sein Handy checkt. Der Clip wirbt für die FDP – und ihr Programm ist ein Mann: Christian Lindner.

Mit diesem Spot wirbt die FDP. Video: FDP Landesverband NRW

Eine Million Mal wurde der Kurzfilm bereits angeklickt. Für deutsche Verhältnisse ist das eine ungewöhnlich hohe Zahl, insbesondere für den Vertreter einer kleinen Partei. Christian Lindner, der Überflieger, bietet derzeit die auf­regendste One-Man-Show des deutschen Politbetriebs: «Me, myself and I» betitelte sie die «Süddeutsche Zeitung» gerade. Am Montag gastierte Lindner in Berlin, um die jüngsten Erfolge der FDP in den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen zu kommentieren. In beiden Ländern erhielt seine Partei rund 12 Prozent der Stimmen – Werte, die die FDP in ihrer langen Geschichte selten erreicht hat.

Um Unzufriedene aus anderen Parteien anzulocken, teilt Christian Lindner nach allen Seiten aus.

Lindner sass ganz alleine auf dem Podium des grossen Saals der Bundespressekonferenz, was einerseits sachliche Gründe hatte. Er ist ja nicht nur Chef der Bundespartei, sondern war auch ihr Spitzenkandidat in Düsseldorf. Andererseits musste er unweigerlich von neuem erklären, warum in dieser Partei alles auf ihn ausgerichtet ist. Eine Strategie sei es nicht, so viel könne er versichern. «Aber im Moment gibt es dazu keine Alternative.» Demut sollte man in diesen Satz besser nicht hineinlesen, dazu gefällt dem Charismatiker das alleinige Scheinwerferlicht dann doch viel zu gut.

Als Einziger übrig geblieben

Lindner ist auf einer Mission: Er muss seine Partei retten. In der schwersten Krise ihrer Geschichte hatte er die Liberalen übernommen: 2013, als sie nach vier desaströsen Regierungsjahren in Berlin krachend aus dem Bundestag geflogen waren und die politischen Konkurrenten sie dafür noch mit Spott und Häme überschütteten. Lindner stand zum Neuanfang bereit. Von 2009 bis 2011 war er noch Generalsekretär gewesen, hatte sich dann aber, Schlimmes ahnend, rechtzeitig aus Berlin zurückgezogen, sodass die herabfallenden Trümmer der Partei ihn als einzigen Hoffnungsträger verschonten. Er versprach, die FDP 2017 wieder in den Bundestag zu führen und damit ihr weiteres Überleben zu sichern. Scheitere er aber an der 5-Prozent-Hürde, werde er die Politik verlassen. Als 38-Jähriger! Es klang, wie wenn ein U-21-Nationalspieler seinen Rücktritt ankündigt.

Nach den Erfolgen in Kiel und Düsseldorf scheint die Rettung der FDP in Reichweite zu liegen. Aber Lindner und seine Partei wandeln weiter auf einem schmalen Grat. Jedes falsche Wort, jeder Fehler des Vorsitzenden kann die ganze Seilschaft in den Abgrund stürzen. Scheut die Partei hingegen alle Risiken, fällt es ihr schwer, überhaupt gehört zu werden. Auf 2 Prozent schätzen Demoskopen die natürliche Stammwählerschaft der Liberalen. Strukturell liegen sie also stets am Rand der Wahrnehmungsschwelle.

Um Wind zu machen und Unzufriedene aus anderen Parteien anzulocken, teilt Lindner nach allen Seiten aus. Er tut es schneidend, tänzelnd, bissig, ironisch, brutal, wie es gerade beliebt. Im Herbst 2015 etwa, als die Flüchtlinge kamen, begriff er schnell, dass er mit Kritik an der Asylpolitik der Christ- und Sozialdemokraten Wähler für die FDP gewinnen könnte, denen die rassistischen und nationalistischen Töne der Alternative für Deutschland (AfD) zu weit gingen. Er begann, die Kanzlerin immer schärfer zu kritisieren, sagte, Angela Merkel habe Europa «ins Chaos gestürzt», und beklagte «hunderttausendfachen Rechtsbruch», weil Deutschland das Dublin-Verfahren einseitig ausser Kraft gesetzt habe. Lindner positionierte sich damit irgendwo zwischen CSU-Chef Horst Seehofer und der AfD.

Mehr Gelassenheit

CDU-Generalsekretär Peter Tauber ging das Gestänker irgendwann so auf die Nerven, dass er Lindner vorwarf, von AfD-Politiker Alexander Gauland unterscheide ihn nur noch der Massanzug. Der Vorwurf zielte weit daneben. Lindner hält Merkels Flüchtlingspolitik zwar für einen Fehler, gleichzeitig beharrt er auf dem Asylgesetz und tritt für ein liberales Einwanderungsrecht nach kanadischem Vorbild ein. Im Gegensatz zur AfD will er weder aus dem Euro noch aus der EU austreten, sondern plädiert lediglich für mehr Eigenverantwortung. Selbstbewusst kämpft er für ein buntes, weltoffenes, liberales Deutschland. «Wir sind in allem das Gegenteil der AfD», bilanzierte er in Berlin.

Unter dem langjährigen Vorsitzenden Guido Westerwelle galt die FDP in erster Linie als «Steuersenkungspartei», die ungeniert Politik für ihre eigene Klientel machte, die Erfolgreichen und Vermögenden. Lindner weitete den Fokus aus und nahm andere Zukunftsthemen in den Blick: die Digitalisierung der Gesellschaft etwa oder die Ent-Föderalisierung der Bildung. Gleichzeitig verordnete er der Partei mehr Eigenständigkeit und Gelassenheit, was künftige Regierungsbündnisse angeht. Die Schwelle für Koalitionen liege höher als früher, kündigte Lindner an. Man werde nur noch regieren, wenn man nach eigenen Vorstellungen gestalten könne – nicht nur wegen der Dienstwagenschlüssel.

Die jüngsten Erfolge haben nun aber zur Folge, dass die Partei bereits wieder in komplizierte Verhandlungen verstrickt ist: in Schleswig-Holstein als möglicher Partner von CDU und Grünen, in Nordrhein-Westfalen mit der CDU. In Düsseldorf wird Lindner die Verhandlungen selber führen, hat aber bereits vor der Wahl angekündigt, dass er im Herbst auf jeden Fall nach Berlin wechsle. «Ich bin lieber einflussloser Abgeordneter der Opposition im Bundestag als stellvertretender Ministerpräsident in Düsseldorf», bekräftigte Lindner am Montag. Und sagte voraus, dass man ihm das bestimmt wieder als Arroganz auslegen werde. Dabei erfülle er doch nur sein Versprechen.

Ganz und gar ausgeliefert

Das Spiel des Christian Lindner ist heikel: Die FDP, Partei von Theodor Heuss, Walter Scheel, Hans-Dietrich Genscher oder Hildegard Hamm-Brücher, hat sich bereits einmal einem Charismatiker ganz und gar ausgeliefert: Guido Westerwelle. Wie Lindner übernahm dieser die Partei sehr jung, inmitten einer schweren Krise, schnitt sie danach resolut auf sein Talent zu, führte sie zu einem grossen Erfolg, dem verblüffenden Wahlsieg 2009 – bevor er wie unter Zwang innerhalb eines Jahres alles zerstörte, was er zuvor aufgebaut hatte.

Lindner sagt, er habe aus Westerwelles Weg gelernt. Falls es stimmt, hat er als Politiker womöglich noch eine grosse Karriere vor sich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2017, 20:16 Uhr

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Die FDP in den Bundesländern

Die FDP von Christian Lindner strebt nach Rheinland-Pfalz in zwei weiteren Bundes­ländern eine Regierungsbeteiligung an: in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen. In Düsseldorf ist nach dem Verzicht der Wahlverliererin SPD ein Bündnis von CDU und FDP die einzige Regierungsoption. Damit ist überdies klar, dass einer der schärfsten Kritiker der Schweizer Banken, der bisherige sozialdemokratische Finanzminister Norbert Walter-Borjans, sein Amt verlieren wird. Dessen Steuerfahnder hatten mit dem Ankauf von gestohlenen Bankdaten mitgeholfen, das Schweizer Bankgeheimnis zu schleifen, das viele Deutsche zur Steuerhinter­ziehung genutzt hatten.

Armin Laschet (CDU) und Lindner trafen sich am Dienstag in Düsseldorf für ein erstes Gespräch und zeigten sich optimistisch, noch vor der Sommerpause zu einer Einigung zu kommen. «Mit der FDP gibt es grosse Übereinstimmung», sagte Laschet. «Entscheidend ist, was die FDP inhaltlich durchsetzen kann», entgegnete Lindner. In Schleswig-Holstein streben CDU und FDP eine Koalition mit den Grünen an. Deren wichtigster Kopf, Robert Habeck, deutete an, dass man motiviert sei, Verantwortung zu übernehmen. (de)

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