Papst gegen Papst

Ex-Papst Benedikt warnt seinen Nachfolger Franziskus vor einer Aufweichung des Zölibats. Und macht ihn plötzlich fehlbar.

Ex-Papst Benedikt (r.) will einem Entscheid seines Nachfolgers Franziskus zuvorkommen. Foto: Reuters

Ex-Papst Benedikt (r.) will einem Entscheid seines Nachfolgers Franziskus zuvorkommen. Foto: Reuters

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Der Vorgang ist so einmalig wie unerhört: «Ich kann nicht still bleiben», schreibt der emeritierte Papst Benedikt und warnt Franziskus eindringlich davor, die priesterliche Ehelosigkeit aufzuweichen.

Dies just zum Zeitpunkt, an dem gerade dies von Franziskus erwartet wird: In den nächsten Wochen soll er in seinem nachsynodalen Schreiben die Zölibatspflicht in Ausnahmefällen lockern. Im letzten Oktober hatten sich die Bischöfe der Amazonas-Synode mehrheitlich dafür ausgesprochen, in den entlegenen Gebieten des Amazonas verheiratete Diakone zu Priester zu weihen. Ein Schritt, um dem akuten Priestermangel zu wehren.

Vatikanisten sind sehr erstaunt

Offensichtlich will nun der Ex-Papst einem Entscheid seines Nachfolgers zuvorkommen. In einem zusammen mit dem afrikanischen Kardinal Robert Sarah am Montag veröffentlichten Buch warnt er, die katholische Kirche dürfe sich nicht von «schlechten Einlassungen, Theatralik, diabolischen Lügen und im Trend liegenden Irrtümern einschüchtern lassen», die den priesterlichen Zölibat entwerten wollten. Priester und Bischöfe würden durch die ständige Infragestellung des Zölibats verwirrt. Die beiden führen auch die klassische Begründung für den Zölibat an: Die Ehe erfordere, dass sich ein Mann völlig seiner Familie hingebe. «Da wiederum der Dienst für den Herrn die völlige Hingabe eines Mannes einfordert», sei es nicht möglich, diese zwei Berufungen gleichzeitig zu leben.

Die französische Zeitung «Le Figaro» hat am Sonntag aus dem Buch «Des profondeurs de nos coeurs («Aus der Tiefe unserer Herzen») vorab Auszüge veröffentlicht. Vatikanisten sind über das Vorgehen Benedikts gelinde gesagt erstaunt. Hatte er doch bei seinem Rücktritt im Jahr 2013 gelobt, fortan sein Leben schweigend und betend in Zurückgezogenheit zu verbringen und sich dem neuen Papst in Gehorsam unterzuordnen.

Seither hat er seine Selbstverpflichtung wiederholt gebrochen und sich als Schattenpapst profiliert. In Interviews hat er etwa sein Pontifikat gerechtfertigt. Im Sommer 2018 brüskierte er die Juden, als er sie in einem Aufsatz mit alten Stereotypen herabsetzte. Im letzten Frühjahr sorgte er für Empörung, indem er den massenhaften sexuellen Missbrauch von Klerikern durch die Gottlosigkeit und Permissivität der 68er-Revolution erklärte.

Experten vermuten, dass der 92-jährige Benedikt von seinem Freund Sarah zum Widerspruch gegen Franziskus gedrängt wurde.

Doch so gezielt wie diesmal hat sich der greise Ex-Papst noch nie gegen ein Vorhaben des regierenden Pontifex gestellt. Damit macht er das Dilemma zweier gleichzeitig lebenden Päpste sichtbar, wie es Drehbuchautor und Schriftsteller Anthony McCarten in seinem unlängst bei Diogenes erschienenen Buch «Die zwei Päpste» drastisch schildert. Zwei lebende Kirchenoberhäupter könnten für die päpstliche Unfehlbarkeit gefährlich werden, wenn der Zurückgetretene nicht, wie versprochen, schweige, sondern Stellung beziehe: «Solange zwei Päpste nebeneinander existieren, müssen sie als ewiger Beweis dafür gelten, dass Päpste fehlbar sind, denn bei jedem Zwist muss ein Papst zwangsläufig immer unrecht haben.» Im Gespräch mit dieser Zeitung wurde McCarten noch deutlicher: «Wo kommen wir hin, wenn zwei Päpste im Namen Gottes Unfehlbarkeit beanspruchen? Ist das nicht ein schizophrener Gott? Spaltet das nicht die Gläubigen? Welchem Papst sollen sie folgen?»

Experten vermuten, dass der 92-jährige Benedikt von seinem Freund Sarah zum Widerspruch gegen Franziskus gedrängt wurde. Der afrikanische Kurienkardinal, Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenspendung, gehört zu den Hauptgegnern von Papst Franziskus. Schon im Vorfeld der Amazonas-Synode votierte er klar gegen jede Lockerung des Zölibats und warnte vor falschen Propheten, welche die Synode für westliche Reforminteressen instrumentalisieren wollten.

Benedikt wurde immer konservativer

Benedikt und Franziskus sind in der Regel beide bemüht, ihre Übereinstimmung und ihre «Theologie der Kontinuität» zu bekräftigen. Auch «Le Figaro» versichert, das neue Buch sei ohne Polemik geschrieben. Die beiden Kirchenoberen beteuerten vielmehr ihren Gehorsam gegenüber Franziskus «in einem Geist der Liebe und der Einheit der Kirche». Doch schweigen könnten sie nicht, wie sie ihr Vorpreschen mit Berufung auf Augustin rechtfertigen.

Was die beiden im Buch nicht erwähnen: 1969 hatte Joseph Ratzinger als junger Theologe in einem Vortrag mit dem Titel «Wie wird die Kirche im Jahre 2000 aussehen?» von der Möglichkeit gesprochen, bewährte verheiratete Männer zu Priestern zu weihen. Bekannt ist, dass er später als Bischof, Kardinal und Papst immer konservativer wurde.

Erstellt: 13.01.2020, 18:35 Uhr

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