Paris wird zur Velo-Hauptstadt

Lange war Frankreichs Hauptstadt eine Zumutung für Velofahrer. Nun sollen Fahrräder künftig Vorrang haben, um so die Lebensqualität zu verbessern.

«Dans Paris, à vélo, on dépasse les autos», sang Joe Dassin vor über 40 Jahren. Heute hat er recht. Radlerinnen und Radler bei der Fahrt über die Seine. Foto: Imago

«Dans Paris, à vélo, on dépasse les autos», sang Joe Dassin vor über 40 Jahren. Heute hat er recht. Radlerinnen und Radler bei der Fahrt über die Seine. Foto: Imago

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Die neun Kreise der Radfahrer-Hölle befinden sich in Paris, konzentrisch um den Triumphbogen angeordnet. Nur Fahrradboten und andere klassische Kampfradler wagen sich unmotorisiert auf die riesige Pflasterfläche im Westen der Metropole. Zwölf Verkehrsadern münden in den sternförmigen Platz, alle paar Sekunden pumpt jede von ihnen einen Schwall Autos und Motorräder in den von keinerlei Bodenmarkierungen unterteilten Verkehrskreisel.

Doch unmittelbar am Rand des infernalischen Sterns beginnt schon das Paradies. Links und rechts der chronisch verstopften acht Fahrspuren der Champs-Elysées verbinden nagelneue, von der Fahrbahn baulich getrennte Radwege den Westen mit dem Zentrum der Stadt.

Entspanntes Herunterrollen

So bekommt man beim entspannten Hinunterrollen vom Triumphbogen in Richtung Louvre, vorbei an der hupenden Kolonne von täglich 64'000 Autos, Lust, bei Joe Dassin mitzusingen. Nicht den abgedroschenen «Aux Champs-Elysées»-Schlager, sondern eine unbekanntere Nummer: «Dans Paris, à vélo, on dépasse les autos», in Paris überholt man auf dem Fahrrad die Autos. Was 1972 noch eine lustig gemeinte Klage über die vielen Staus war, entspricht heute dem dezidierten Willen der Stadtregierung.

Wer in Paris im Jahr 2019 zügig vorankommen will, schwingt sich tatsächlich am besten aufs Velo. Früher noch ein kühner Traum (französisch: «rêve»), wird ein Netz von schnellen Radverbindungen gerade Realität. «Reve» lautet denn auch das Akronym für das «Réseau Express Vélo», ein zentrales Element der Pariser Fahrradstrategie. 150 Millionen Euro investiert die seit 2014 amtierende Bürgermeisterin Anne Hidalgo in das Projekt, mit dem sie ihre Stadt bis 2020 zu einer der führenden Fahrradmetropolen der Welt machen und den Anteil der Velofahrer am Verkehrsgeschehen von mageren vier auf 15 Prozent steigern will.

Im vorletzten Jahr des ehrgeizigen Programms ist man zwar immer noch weit von den selbst gesteckten Zielen entfernt, doch selbst die notorisch unzufriedene Radfahrerlobby Paris en Selle zeigt sich positiv gestimmt: Nach einem schwachen Start des Programms werde das Fahrrad spätestens seit 2018 nicht mehr als Spielzeug betrachtet. «Es gibt jetzt ein echtes politisches Engagement, sowohl im Dialog mit den Benutzern als auch seitens der Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die höchstpersönlich Radwege einweiht. Das war vor einigen Jahren noch unvorstellbar», so Simon Labouret, Sprecher von Paris en Selle.

Die traumhafte West-Ost-Achse

Einzuweihen gibt es derzeit genug: Stück für Stück wird die neue Pariser West-Ost-Achse fertig gebaut. Die Rue de Rivoli, die am Louvre entlang in Richtung Zentrum führt, hat in ihrem Mittelteil bereits einen Zwei-Richtungs-Radweg, der tatsächlich wie ein Radfahrertraum aussieht. In der Wahl der Verkehrsmittel macht sich das schon bemerkbar.

Ein Drittel des Verkehrsaufkommens an der Rue de Rivoli zur Stosszeit entfalle seit neuestem auf die Velofahrer, freut sich der stellvertretende Pariser Bürgermeister Christophe Najdovski auf Twitter über die aktuellen Verkehrszahlen. Najdovski, Grünen-Politiker und in Paris für Verkehrsangelegenheiten zuständig, ist auch Präsident der European Cyclists’ Federation. Nicht nur in den sozialen Medien verbreitet er positive Stimmung fürs Radfahren.

«In wenigen Tagen ist hier Ihr neuer Radweg – ein bisschen Geduld noch, bis wir fertig sind!», steht unübersehbar an allen Absperrungen, hinter denen an Radwegen gearbeitet wird – so wird Vorfreude in Szene gesetzt.

Das Pariser Velonetz ist besser als die meisten Leihsysteme in anderen Städten Europas.

Dabei schien die Velopolitik an der Seine gerade noch so gut wie gescheitert zu sein: Ein Strategiewechsel liess das zuvor weltweit führende Leihradsystem Vélib’, das es im Schnitt auf mehr als 100'000 tägliche Fahrten gebracht hatte, in die Krise schlittern. Der neue Anbieter Smovengo stach den Platzhirsch JCDecaux bei der Neuausschreibung aus, scheiterte aber an der Umstellung auf ein System, das auch Elektrovelos bereitstellen und die Banlieue einbinden sollte.

Ein quälendes Jahr lang war Vélib’ so gut wie unbenutzbar. Die Stadtverwaltung wirkte hilflos, man sprach vom «Vélibgate». Erst seit 2019 geht es wieder aufwärts. Aus Touristensicht ist selbst das ausgedünnte Pariser Netz besser als die meisten Leihsysteme, die man aus anderen europäischen Städten kennt. Dank einer übersichtlichen App und einem einfach zu bedienenden Bildschirm an jedem Velo – ein riesiger Vorteil gegenüber dem alten System – findet man auch in Gegenden wie dem Triumphbogen unschwer ein Leihrad. Der Service ist hervorragend, die Hotline-Mitarbeiter reagieren bei Problemen rasch und kompetent.

Als Radfahrer hat man von den Champs-Elysées kommend angesichts des anarchisch wirkenden Autoverkehrs auf der Place de la Concorde allerdings oft ein etwas mulmiges Gefühl. Diesen Sommer soll sich das ändern, dann wird auch sie velogerecht gemacht. Bis dahin empfiehlt es sich, kurz abzusteigen und das Vélib im Fussgängerstrom mitzuschieben. Dafür kann man dann den Kontrast zwischen dem anachronistisch autogerechten Platz und der Pariser Vision einer verkehrsberuhigten Zukunft binnen weniger Augenblicke erleben: Rechts vom Eingang in den Tuileriengarten versperren zwei bunt besprayte Betonblöcke eine Fahrspur – jedenfalls für Autos.

Ein Teil der Strasse an der Seine wurde für den Autoverkehr gesperrt. Foto: Reuters

Von Radfahrern kann die Sperre, die in einen Tunnel führt, bequem passiert werden. Man sollte sich die Route nicht entgehen lassen: Am Ende des 400 Meter langen Tunnels kommen auf einen Schlag die Seine, die Türme der Conciergerie, die Sainte-Chapelle und der Pont Neuf ins Bild, ein grossartiger Moment. Bis vor kurzem war er Autofahrern vorbehalten: Die Strecke zählte zu den wenigen tatsächlich gebauten Teilen des Autobahnnetzes, mit dem der ehemalige französische Staatspräsident Georges Pompidou seine Hauptstadt überziehen wollte. Das Teilstück, auf dem man direkt an der Seine mitten durchs Zentrum von Paris rasen (oder im Stau stehen) durfte, eröffnete er 1967 persönlich im Porsche.

Heute flitzen hier Kinder auf Rollern über den Asphalt, und man versteht, warum die unbeirrbare Pariser Bürgermeisterin von manchen Kommentatoren mit Georges-Eugène Haussmann verglichen wird, dem grossen Erneuerer der Hauptstadt zwischen 1853 und 1870. Was sich derzeit an der Seine abspielt, ist nichts anderes als ein grosser Paradigmenwechsel. «Das Paris des 21. Jahrhunderts wird ganz anders aussehen als das Paris des 20. Jahrhunderts», kommentiert Hidalgos Stellvertreter die Umbauarbeiten, die die Stadt derzeit wie eine riesige Baustelle aussehen lassen.

Die Verkehrshölle wird zum Garten

Ähnlich wie Haussmann, der das alte Paris durchlüften und von schädlichen Dünsten befreien wollte, geht es auch Anne Hidalgo um die Luft: Feinstaub und Stickoxide machen das Atmen an zu vielen Tagen im Jahr zum Gesundheitsrisiko, dazu kommen immer mehr Hitzetage.

«Respirer», also «Atmen», heisst das Buch, mit dem die Bürgermeisterin im Oktober 2018 den Vorwahlkampf einleitete und die Grundlagen ihrer von vielen Autofahrern als schikanös empfundenen Politik erklärt. «Ich kann handeln. Ich handle. Und die erste der grossen Herausforderungen für die Stadt Paris, diejenige, die sich auf alle anderen auswirkt, ist der Klimawandel», stellt sie darin klar.

Wie die Wahlen im Frühjahr 2020 auch ausgehen werden: Der von Hidalgo ausgelöste Paradigmenwechsel ist längst in vollem Gang. Das zeigt auch ein im April präsentierter Vorschlag der Kaufleute der Champs-Elysées, die ihre Strasse noch vor den Olympischen Spielen 2024 radikal umgestaltet sehen wollen: Auch dort soll es mehr Platz zum Flanieren und Radfahren geben. Mit eingeplant ist auch der Platz rund um den Triumphbogen: Die Verkehrshölle wird zum Gemeinschaftsgarten, im Winter drehen Eisläufer friedlich ihre Runden.

Erstellt: 06.06.2019, 18:36 Uhr

Veloferien in Paris

Radlerfreundlich übernachten: Hôtel Trianon Rive Gauche, hoteltrianonrivegauche.com; Solar Hotel, www.solarhotel.fr, Auberge de jeunesse MIJE Fourcy, www.mije.com/auberge-jeunesse-paris, Auberge Adveniat, Adveniat-paris.org

Leihvelos: Ein 24-Stunden-Abo von Vélib’ kostet 5 Euro, ein Pass für 7 Tage 15 Euro. Das Ausleihen selbst ist gratis, wenn man sein Rad innerhalb einer halben Stunde zurückgibt und auf E-Bikes verzichtet – die kosten 1 Euro pro 30 Minuten.

Weitere Ausleihmöglichkeiten: Fahrradverleih und geführte Touren über www.bikeabouttours.com. Unter https://parisbiketour.net, www.francetourisme.fr oder auf www.getyourguide.fr kann man mehrstündige geführte Themen-Radtouren buchen.

Allgemeine Auskünfte: www.france.fr

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