Strassenschlacht fordert 25 Tote

Der Konflikt in der Ukraine ist eskaliert: Zehntausende Regierungsgegner leisten Widerstand gegen die Räumung des Unabhängigkeitsplatzes in Kiew. Präsident Janukowitsch sagt der Opposition den Kampf an.

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Die Zahl der Toten bei den schweren Unruhen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew ist nach jüngsten offiziellen Angaben auf mindestens 25 gestiegen. Wie das Gesundheitsministerium am Mittwochmorgen mitteilte, wurden ausserdem 241 Menschen mit Verletzungen in Krankenhäuser gebracht. Unter den Verletzten waren demnach auch 79 Polizisten und fünf Journalisten.

Ein nächtliches Krisentreffen in der Ukraine blieb offenbar ergebnislos. Die Gespräche zwischen Präsident Wiktor Janukowitsch und Oppositionsführern über eine Normalisierung der Lage seien gescheitert, wird der Oppositionspolitiker Witali Klitschko zitiert.

Klitschko habe Janukowitsch vorgeworfen, die Situation falsch einzuschätzen und völlig unangemessen zu reagieren, berichtete die russische Nachrichtenagentur Itar-Tass am frühen Morgen. Die Demonstranten müssten den Unabhängigkeitsplatz (Maidan) verlassen, habe Janukowitsch laut Klitschko verlangt. Laut Klitschko will Janukowitsch an der Stürmung des Maidan festhalten.

Auch der frühere Aussenminister und Regierungsgegner Arseni Jazenjuk äusserte sich pessimistisch nach dem Treffen. Der Präsident habe die Opposition bei der Begegnung aufgerufen, die Auseinandersetzungen zu beenden und die Waffen niederzulegen, hiess es bei Itar-Tass weiter.

Der Machtkampf war am Dienstag völlig ausser Kontrolle geraten.


Zahlreiche Tote und Verletzte: Polizisten stossen mit Demonstranten zusammen. (Video: Youtube/Radio Free Europe)

Trotz grosser Gewalt: Die Demonstranten weichen in der Nacht nicht. (Video: Youtube/Vitaly Umanets)

Kampfansage von Janukowitsch

Nach dem Eskalieren der Situation in Kiew hat der ukrainische Präsident Wiktor Janukowitsch der Opposition den Kampf angesagt. Die Oppositionsführer hätten die «Grenzen überschritten», indem sie im Machtkampf auf den Druck der Strasse setzten und «die Leute zu den Waffen rufen», sagte Janukowitsch in der Nacht in einer Rede an die Nation.

Die «Schuldigen» für die Gewalt würden vor Gericht gestellt werden. «Die Oppositionsführer haben das Prinzip der Demokratie verletzt, wonach man die Macht durch Wahlen erhält und nicht durch die Strasse», sagte Janukowitsch. Er warf der prowestlichen Opposition einen verfassungswidrigen Versuch der Machtübernahme vor.

«Das ist eine Insel der Freiheit»

Zahlreiche Zelte auf dem als Maidan bekannten Platz im Zentrum gingen in Flammen auf, als die Polizei einschritt. Die Sicherheitskräfte kamen mit Wasserwerfern und Blendgranaten. «Hier sieht es aus wie in einem Krieg gegen das eigene Volk», sagte Dmitro Schulko, einer der Demonstranten. Der 35-Jährige trug eine Brandbombe in den Händen, bereit, sie zu werfen. «Wir werden uns selbst verteidigen», sagte er.


Auf dem Unabhängigkeitsplatz brennt es: Demonstranten werfen Molotov-Cocktails gegen gepanzerte Fahrzeuge. (Video: Youtube/Ivan Petrov)

Oppositionsführer und Ex-Boxweltmeister Witali Klitschko trieb die Menschen zum Widerstand an. «Wir werden nirgendwo hingehen», rief er. «Dies ist eines Insel der Freiheit und wir werden sie verteidigen.» Noch am Abend traf Klitschko am Büro von Präsident Wiktor Janukowitsch für ein Krisengespräch ein. Zuvor hatte Klitschko jedoch erklärt, das Vertrauen in die Regierung sei gering.

Möglicherweise über 1000 Verletzte Die renommierte ukrainische Medizin-Professorin Olga Bogomolez sprach in der Nacht von mehr als 1000 verletzten Demonstranten. Die Lage in der Hauptstadt Kiew blieb in der Nacht explosiv.

Gegen Mitternacht geriet das Hauptquartier der Regierungsgegner am Unabhängigkeitsplatz in Brand. Die Feuerwehr konnte die Flammen später teilweise löschen. Bis zum frühen Morgen wurden 30 Menschen aus dem Gebäude gerettet, berichtete Itar-Tass.

Auf dem Platz setzten sich Tausende Demonstranten gegen ein Grossaufgebot von Einsatzkräften der Regierung zur Wehr. Im Zentrum von Kiew brannte es an vielen Stellen.

Schulen und Kindergärten geschlossen

Die Kiewer Stadtverwaltung ordnete die Schliessung von Schulen und Kindergärten im Zentrum an. Die Opposition rief die Bevölkerung zu Blutspenden auf.

Auslöser der Gewalt war offenbar ein Angriff auf eine Polizeisperre am Vormittag gewesen. Als Täter wurden entweder radikale Oppositionelle oder aber Provokateure auf Seiten der Staatsmacht genannt.

International riefen Regierungen zu einem Ende des blutigen Konflikts auf, so etwa der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier. Die US-Regierung zeigte sich entsetzt und forderte Präsident Wiktor Janukowitsch auf, den Konflikt umgehend zu entschärfen.

Auch der Schweizer Bundespräsident Didier Burkhalter äusserte als Vorsitzender der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) seine tiefe Besorgnis über die Entwicklung in Kiew. Er besprach die Lage in Kiew auch per Telefon mit dem ukrainischen Aussenminister Leonid Kozhara und bot dabei die Unterstützung und Expertise der OSZE an.

Proteste in anderen Städten

Auch in anderen ukrainischen Städten gab es Proteste und Berichte über Angriffe auf Regierungsgebäude. Bereits im Vormonat waren bei Ausschreitungen mehrere Menschen in Kiew ums Leben gekommen. Die Ukraine wird seit etwa drei Monaten von einem Machtkampf gelähmt.

Die Opposition protestiert gegen Janukowitsch, seit der Präsident auf Druck Russlands ein weitreichendes Assoziierungsabkommen mit der EU auf Eis gelegt hatte. Die Opposition verlangt Neuwahlen und eine neue Verfassung, die die Vollmachten des Präsidenten erheblich zugunsten des Parlaments beschneidet. (chk/mw/sda/AP/AFP)

Erstellt: 18.02.2014, 23:45 Uhr

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