Poroschenko befiehlt Grossoffensive in der Ostukraine

Nach dem gescheiterten Waffenstillstand mit den prorussischen Rebellen versucht der ukrainische Staatschef, sein Land nun mit Gewalt zu einen – und stösst auf Zustimmung.

Der Präsident der Ukraine Petro Poroschenko (M.) bei einem Truppenbesuch im Osten des Landes (20. Juni 2014). Foto: EPA/Keystone

Der Präsident der Ukraine Petro Poroschenko (M.) bei einem Truppenbesuch im Osten des Landes (20. Juni 2014). Foto: EPA/Keystone

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Die Ukraine hat ihre «Antiterrorkam­pagne», wie das militärische Vorgehen im Osten des Landes in Kiew genannt wird, wieder aufgenommen. Bereits in der Nacht auf Dienstag waren schweres Gerät und Panzer in Stellung gebracht worden. Sowohl Kiew-treue als auch prorussische Kräfte berichteten von schwerem Artilleriefeuer und Luftangriffen.

Zum Teil kam es zu heftigen Gefechten. So griffen Aufständische das Hauptquartier der Polizei im Zentrum der Stadt Donezk an. Laut Angaben ukrainischer Medien wurde ein Trainingslager der Rebellen in der Region Slowjansk beschossen, Dutzende Kämpfer sollen getötet worden sein. Andernorts sollen sich Rebellen der Armee ergeben und einen Fluchtkorridor nach Russland verlangt haben. Die Meldungen liessen sich zunächst nicht verifizieren. Am Abend erklärte der ukrainische Präsident Petro Poroschenko, die ukrainischen Streitkräfte hätten in der Region Luhansk einen von prorussischen Kämpfern kontrollierten Posten an der Grenze zu Russland zurückerobert.

Poroschenko hatte in der Nacht auf Dienstag den zehntägigen Waffenstillstand aufgekündigt, den er einseitig verhängt hatte. Damit habe er seinen guten Willen demonstriert. «Wir werden angreifen und unser Land befreien», erklärte er. «Das ist unsere Antwort an Terroristen, Gewalttäter und Marodeure.» Die Bedingungen für eine Verlängerung, auf die Deutschland, Frankreich und zuletzt auch Russland gedrängt hatten, seien nicht erfüllt worden. Poroschenko hatte von den Separatisten verlangt, ihre Waffen abzugeben. Stattdessen hätten sich die prorussischen Rebellen nur neu formiert, beklagt die ukrainische Seite. Laut Regierungsangaben wurde der Waffenstillstand vonseiten der Aufständischen mehr als hundert Mal gebrochen, zudem beklagt Kiew in den zehn Tagen 27 tote Soldaten. Dutzende Menschen seien verletzt worden.

Wegen der immer neuen Verletzungen der Waffenruhe wuchs in der Ukraine zunehmend Widerstand gegen Poroschenkos Friedensplan. Am Wochenende hatten sich Tausende Demonstranten, manche von ihnen in Uniform und mit schwarzer Skimaske, vor dem Sitz des Präsidenten in Kiew versammelt. Sie forderten ein Ende der Waffenruhe, die Verhängung des Kriegsrechts in der Ukraine und mehr Waffen und Geld für freiwillige Kämpfer.

Alle sollen zur Waffe greifen

An vorderster Front trat dabei das sogenannte Bataillon Donbass auf, eine Freiwilligeneinheit innerhalb der ukrainischen Nationalgarde, die dem Präsidenten offen drohte. «Dies könnte die letzte friedliche Aktion sein», sagte ihr Chef Semen Sementschenko warnend. Wenn Poroschenko nach dem Auslaufen des Waffenstillstands nicht endlich Massnahmen ergreife, werde man ihn als Verräter betrachten, und er werde das Schicksal von Wiktor Janukowitsch teilen, seinem von der Revolution aus dem Amt gejagten Vorgänger.

Vom Westen forderten die Demonstranten die umgehende Verhängung neuer Sanktionen gegen Moskau, obwohl man offenbar kaum an deren Wirkung glaubt: Europa werde dem Land nicht helfen, die Ukraine müsse sich selber retten. Die Menschen sollten zur Waffe greifen, um sich gegen die «Terroristen» zu verteidigen.

Verlangt wurde auch eine Absetzung der vom Präsidenten ernannten Vermittler zwischen Kiew und den prorussischen Rebellen. Poroschenko hatte dafür den ehemaligen ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma eingesetzt, der vielen Landsleuten als Personifizierung des korrupten ukrainischen Oligarchenstaates gilt. Auch sein einst übermächtiger Stabschef Wiktor Medwedschuk mischt bei den Gesprächen mit den Separatisten mit, ein Putin-Freund und einer der meistgehassten Politiker der Orangen Revolution.

Monatelange Kämpfe

Welche strategischen Pläne Poroschenko bei seiner neuen Angriffswelle verfolgt, ist unklar. Die schlecht ausgerüstete und ebenso schlecht trainierte ukrainische Armee hatte bisher vergeblich versucht, der Aufständischen Herr zu werden. Die Rebellen verfügen über moderne russische Waffen, und in ihren Reihen kämpfen Freiwillige, aber auch erfahrene Söldner aus Russland.

Viele glaubten, der Antiterroreinsatz werde in einigen Wochen beendet sein, sagte Sementschenko, der immer maskierte Chef des Bataillon Donbass, der unabhängigen Zeitung «Ukrainskaja Prawda». Doch er sei überzeugt, dass es «einige Monate oder sogar ein ganzes Jahr brauchen wird», die Rebellen in der Ostukraine zu besiegen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.07.2014, 06:41 Uhr

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