Poroschenko und das gelbe Stück Metall

Der ukrainische Präsident hat in Davos eine höchst emotionale Rede gehalten. Es ging auch um die Tragödie von Wolnowacha mit 12 Toten – ein Symbol im Kampf um die Deutungshochheit im Ukraine-Konflikt.

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Die Rede von Petro Poroschenko am Weltwirtschaftsforum wird wohl vielen in Erinnerung bleiben. Neben den emotionalen Aussagen sorgt ein gelbes Stück Metall, übersät von Einschusslöchern, für Schlagzeilen. Der ukrainische Präsident hatte es zu seinem Auftritt in Davos mitgebracht – als Beweisstück. Es stamme von einem Linienbus, der am Checkpoint nahe der ostukrainischen Stadt Wolnowacha unter Beschuss geraten war, erklärte Poroschenko. Bei dem Vorfall waren vor etwas mehr als einer Woche 12 Zivilisten ums Leben gekommen, 18 weitere wurden verletzt. Für den Politiker war es ein Beweis «für die terroristischen Aktivitäten der Donezker Volksrepublik».

Was genau in Wolnowacha passierte – oder wer wirklich für den Angriff verantwortlich war – ist nicht aufgeklärt und wird es vielleicht nie vollständig sein. Die gestrige Poroschenko-Rede markiert aber den vorläufigen Höhepunkt in einem Kampf um Deutungshoheit. Die 23'000-Einwohner-Stadt dient dabei beiden Konfliktparteien als Symbol für die Schuld des jeweils anderen.

Zwei unterschiedliche Wahrheiten

Für viele in der Ukraine – wie auch für Unterstützer im Ausland – ist klar: Wolnowacha steht für ein Kriegsverbrechen, begangen von prorussischen Separatisten. Bereits kurz nach dem Angriff hatte Poroschenko von «einem Beweis dafür, dass die Rebellen das Minsker Abkommen gebrochen haben» gesprochen. Eine Sprecherin des US-Aussenministeriums verurteilte den «Artilleriebeschuss eines Busses durch die Separatisten».

In Davos (und zwei Tage zuvor auch bei einer Rede vor Studenten an der Universität Zürich) machte der ukrainische Präsident noch einmal seine Sicht der Dinge klar. Wolnowacha und der Abschuss von Flug MH 17 seien «die gleiche Art von Terrorakt» wie der Anschlag auf die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo», Terror also ein globales Problem und nicht bloss ein ukrainisches. Zuvor war er bei einem «Marsch für den Frieden» mit Tausenden Menschen durch Kiew gelaufen – in seinen Händen ein Schild mit der Aufschrift «Je suis Volnovakha».

Bei den Separatisten – und auch bei ihren Unterstützern in Russland und anderswo – scheint die Wahrheit eine andere zu sein. Die auflagenstärkste russische Zeitung «Komsomolskaja Prawda» zog den Schluss, Kiew erschiesse seine eigenen Bürger, nur um die Schuld auf die Separatisten schieben zu können. Als Beweis dienten ihnen die Einschusslöcher am zerbombten Bus. Auch für das Online-Portal RT deutsch, Sprachrohr des Kreml im Westen, steht fest: Der Anschlag nahe Wolnowacha sei «eine gezielte Provokation». Die Separatisten selbst wie auch das offizielle Russland argumentierten ähnlich.

Unterschiedliche Theorien

Netzaktivisten versuchen derweil, die Versäumnisse der Behörden nachzuholen. Auf diversen Internetseiten (hier, hier oder hier) wird die Explosion nahe Wolnowacha detailgetreu mit Bild- und Videomaterial rekonstruiert. Auch dort sind unterschiedliche Theorien zu Hergang und Schuld zu lesen. Hat ein Artilleriegeschoss aus dem Separatistengebiet den Bus getroffen? Oder explodierte neben dem Fahrzeug eine Landmine der ukranischen Armee? Für beide Annahmen liefern die Einträge zwar Hinweise. Eine Feststellung der Schuld ist aber auch nach der Lektüre dieser Einträge schwierig.

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) hat die Tragödie von Wolnowacha auch untersucht. Bei dem Einschlag handle es sich um sogenannte Gradraketen aus sowjetischer Produktion, abgefeuert aus nordöstlicher Richtung, schreiben die OSZE-Experten in einer Mitteilung. Ähnlich hatte auch der ukrainische Generalstaatsanwalt argumentiert, doch zog er Schlüsse aus den Informationen. Die Raketen kämen aus Nordosten, sagte er – aus dem Gebiet, das die Separatisten kontrollieren. Er warf Separatistenführer Alexander Sachartschenko «Mitwirkung am Terroranschlag von Wolnawacha» vor und leitete ein Verfahren gegen ihn ein.

«Unser Stalingrad»

Ausser den prompten Schuldzuweisungen ist in Sachen Aufklärung weder auf ukrainischer noch auf separatistischer Seite viel passiert. Nach ähnlichem Muster war die Aufklärung eines Vorfalls im südukrainischen Odessa im Mai im Sand verlaufen. Damals starben beim Brand in einem von Separatisten besetzten Gewerkschaftsgebäude Dutzende Menschen. Aufgeklärt wurde die Tragödie nie, dafür diente sie beiden Seiten für ihre jeweiligen Propagandazwecke.

Auch der Kampf um den Flughafen der Millionenstadt Donezk, der in den letzten Tagen erneut eskalierte, wird auf ähnliche Weise instrumentalisiert. Die ukrainische Zeitschrift «Nowoje Wremja» brachte zuletzt den in Trümmern liegenden Flughafen auf dem Titel – «unser Stalingrad» stand darunter. Es soll an eine der bekanntesten Schlachten des Zweiten Weltkriegs erinnern, einen Wendepunkt im deutsch-sowjetischen Krieg. Auf die Symbolträchtigkeit des Ortes hatte auch der renommierte Russlandexperte Mark Galeotti auf seinem Blog hingewiesen. «Kiews militärische Erfolge in diesem Konflikt waren bisher durchwachsen», schreibt er. Den Flughafen unter Kontrolle zu bringen, wäre also ein symbolischer Sieg für die ukrainische Armee. Wie inzwischen berichtet wird, sollen die Separatisten die Kontrolle über den Flughafen wiedererlangt haben.

Derweil schlug heute bei einer Bushaltestelle in einem Stadtteil von Donezk, der bisher von den Kämpfen verschont geblieben war, ein Geschoss ein. In einem Trolleybus starben mindestens 13 Menschen, viele wurden verletzt. Ukraines Premier Arseni Jazenjuk sprach erneut von einem «tragischen Anschlag auf die Menschheit», durchgeführt von «russischen Terroristen». Die russischen Behörden leiteten ihrerseits eine Untersuchung ein. Mit seiner Aussage habe Jazenjuk demonstriert, wer wirklich schuld sei, schreibt Sprecher Wladimir Markin in einer Mitteilung. «Es ist, als würde der Dieb rufen ‹Haltet den Dieb!›.» Auch hier zeigt sich der Kampf um die Deutungshochheit im Ukraine-Konflikt.

Erstellt: 22.01.2015, 18:13 Uhr

Symbolträchtige Auftritte

Mit seiner Rede in Davos (siehe Haupttext) reiht sich Petro Poroschenko in eine Reihe denkwürdiger Auftritte ein. So brachte Israels Premier Benjamin Netanyahu zu seiner Rede vor der UNO-Vollversammlung 2012 die Zeichnung einer Bombe mitsamt Zündschnur mit. Eine «tickende Zeitbombe» – es ging um das iranische Atomprogramm. Symbolträchtig brachte Netanyahu in seiner Rede die metaphorische rote Linie zu Papier.

2002 hielt der damalige US-Aussenminister Colin Powell eine Rede im UNO-Sicherheitsrat, die vielen immer noch im Gedächtnis ist. Powell wollte der Welt beweisen, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besitze. Zur Unterstützung seiner These hielt er ein Reagenzglas in die Luft, das illustrieren sollte, welch kleine Menge Bakterien für einen Biowaffenangriff ausreiche. Kurz darauf begann der Irak-Krieg. (ajk)

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