Putin ist verschwunden und doch auf allen Kanälen

Wladimir Putin hat sich seit dem 5. März nicht mehr in der Öffentlichkeit gezeigt. Seine Abwesenheit überbrücken Kreml-Medien offenbar mit Archivmaterial.

Die Gerüchteküche brodelt: Russlands Präsident Wladimir Putin. (27. Januar 2015). Foto: AP

Die Gerüchteküche brodelt: Russlands Präsident Wladimir Putin. (27. Januar 2015). Foto: AP

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Daran, dass das staatlich gelenkte Fernsehen mitunter buchstäblich Unglaubliches hervorbringt, haben sich die Zuschauer in Russland gewöhnt. Am vergangenen Freitag jedoch gab es einen neuen Höhepunkt: Die Nachrichten des Senders Rossija gewährten einen Blick in die Zukunft. Präsident Wladimir Putin habe bei einem Treffen mit seinem kirgisischen Kollegen Almasbek Atambajew in Sankt Petersburg an diesem Montag über Zusammenarbeit in Kultur, Energiefragen und über den Beitritt Kirgistans zur Eurasischen Wirtschaftsunion gesprochen, berichtete die Sprecherin der Vergangenheitsform.

Dass die Redaktoren eine Meldung vier Tage zu früh gebracht hatten, die von der Pressestelle des Kremls offenbar als Ankündigung vorgesehen war, gab den Gerüchten über den Verbleib von Wladimir Putin neue Nahrung. Seit Journalisten und Bloggern Mitte vergangener Woche aufgefallen ist, dass sich der Präsident nach seinem Treffen mit dem italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi am 5. März nicht mehr in der Öffentlichkeit gezeigt hatte, brodelt die Moskauer Gerüchteküche.

Im Lift steckengeblieben

Selbst wenn nur ein Bruchteil von dem wahr wäre, was Kreml-Astrologen, Blogger und Journalisten in den vergangenen Tagen als Gründe für das Verschwinden des russischen Präsidenten von der Bildfläche erwogen haben – es müssen dramatische Tage für Wladimir Putin gewesen sein. Demnach hat er wahlweise Krebs oder einen Schlaganfall, ist tot oder im Lift steckengeblieben, der in einen Atombunker tief unter dem Kreml führen soll, bereitet eine umfassende Regierungsumbildung vor oder ist selbst Opfer eines Staatsstreichs geworden. Mit einer für Putin erfreulicheren Erklärung wartete das Boulevardblatt «Blick» auf; demnach habe die 30 Jahre jüngere Sportgymnastin Alina Kabajewa, die seit Jahren als Geliebte des 62-Jährigen gehandelt wird, in einer Privatklinik im Tessin ein Kind zur Welt gebracht.

Putins Sprecher Dmitri Peskow dementierte diese Geschichte am Freitag ebenso wie die Gerüchte über eine mögliche Erkrankung seines Chefs und fügte entnervt hinzu, er werde demnächst eine Belohnung für die beste Medien-Ente ausloben. «Der Präsident fühlt sich gut», hatte er am Donnerstag erklärt; er habe «einen Händedruck, der dir die Finger bricht».

Von einer Erkrankung war zum ersten Mal die Rede, nachdem Putin mehrere Termine abgesagt hatte, darunter eine Sitzung mit der Führung des Geheimdienstes und ein Treffen mit Kasachstans Präsidenten Nursultan Nasarbajew. Ihre Erklärung, Putin habe aus gesundheitlichen Gründen abgesagt, nahm die kasachische Führung nach dem Dementi des Kremls eilig zurück.

Statt die Zweifel zu zerstreuen, heizten Berichte des Staatsfernsehens die Spekulationen an. Eine Zeitung fand heraus, dass Aufnahmen, auf denen ­Putin Frauen zum 8. März gratulierte, bereits drei Tage früher aufgenommen worden waren. Bilder von einem Treffen mit einem Gouverneur, das am 10. März stattgefunden haben soll, ähnelten denen von vor einem Jahr bis ins Muster der Krawatte. Und ein weiteres Treffen, das angeblich am 11. März stattgefunden haben soll, war laut Bericht einer Lokalzeitung bereits am 4. März erfolgt.

Gefährliche Rivalität

Dass vorübergehende Abwesenheiten des Präsidenten mit Archivmaterial überbrückt werden, ist nicht neu. Der private Sender Doschd hat bereits vor ­einigen Jahren dokumentiert, dass die staatlichen Kanäle mitunter wochen­altes Material als aktuell ausgeben; weil Putin jeden Tag in den Nachrichten erscheinen muss, wird vorproduziert.

Brisant ist Putins Abtauchen aus einem anderen Grund. Nach dem Mord an dem Oppositionspolitiker Boris Nemzow ist die Rivalität zwischen den Sicherheitsorganen und Kämpfern des Tschetschenen-Oberhaupts Ramsan Kadyrow eskaliert. Die Spuren führen in Kadyrows Umfeld. Wenn die Ermittler keine Ergebnisse liefern, sind sie blossgestellt. Putin, der auf beide Gruppen angewiesen ist, müsste eine Entscheidung treffen – und verschwindet. Kadyrow veröffentlicht indes eine Ergebenheitsadresse an den Präsidenten nach der anderen. Er werde stets zu Putin halten, schrieb er am Samstag, «ob er im Amt ist oder nicht».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2015, 19:48 Uhr

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