Kommentar

Putin spielt nach seinen eigenen Regeln

Wladimir Putin ist zu allem entschlossen. Ob Rhetorik oder nicht: Um seine Ziele zu erreichen, riskiert der russische Präsident einiges.

Agiert nach bester Putin-Manier: Der russische Präsident in Moskau. (28. Februar 2014)

Agiert nach bester Putin-Manier: Der russische Präsident in Moskau. (28. Februar 2014) Bild: AP Photo

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Falls man es nicht vorher schon geahnt hat, spätestens seit heute ist es klar: Wladimir Putin spielt nach seinen eigenen Regeln – und zwar ausschliesslich nach ihnen. Der Mann, der den Zerfall der Sowjetunion einmal als «die grösste geopolitische Katastrophe unserer Zeit» bezeichnete, nimmt sich nun womöglich das, was ihm seiner eigenen Ansicht nach ohnehin schon immer über zustand: die Krim – jene Halbinsel, die Nikita Chruschtschow vor mehr als 60 Jahren der Ukraine überliess.

Nun scheint dieser Moment gekommen zu sein. Putin musste lange Zeit zusehen, wie die von russischen Medien als «Eurofaschisten» denunzierten Kräfte auf dem Maidan jene Revolution vollbrachten, die er in seinem Land stets zu unterdrücken gewusst hatte. Mehr als eine Woche nach der Flucht des ukrainischen Ex-Präsidenten Wiktor Janukowitsch kommt nun die Antwort aus Moskau – und sie wird unangenehme Folgen für alle haben.

Putin schert sich nicht um Befindlichkeiten

Das erdachte Szenario ist dabei typisch für den mächtigen Mann im Kreml: Vom neuen Krim-Premier um Hilfe gebeten, kündigt Putin einen Militäreinsatz an, um den Schutz der russischstämmigen Bevölkerung auf der Krim zu garantieren. Auch wenn die Dimensionen diesmal andere sind: Ein stets ähnliches, jeweils leicht abgewandeltes Szenario spielte die russische Führung schon vor fünf Jahren in Georgien durch – womöglich ein Vorzeichen dafür, was der Krim bevorsteht. Damals gerieten die beiden Republiken Südossetien und Abchasien im Anschluss an den Kaukasus-Krieg in die russische Einflusssphäre. Ob die Menschen am Schwarzen Meer ähnliches überhaupt wollen, ist alles andere als sicher.

Doch um Befindlichkeiten schert sich Putin nicht. Ganz gleich, wie die Grenzen gezogen sind, die Krim war für die russische Öffentlichkeit schon immer Teil ihres Selbstverständnisses. Viele Russen verspüren eine Sehnsucht nach der Stabilität der Sowjetunion – und die Krim ist Teil dieser Nostalgie. Für Putin ist der «Verlust» der Ukraine ein herber Rückschlag, auf der Krim wird er den russischen Einfluss um jeden Preis verteidigen. Die Krim wird nun zum Schauplatz der ersten geopolitischen Konfrontation zwischen Ost und West im 21. Jahrhundert.

Die Propagandamaschinerie dreht sich

Bisher ist keineswegs klar, ob es zum Militäreinsatz auf der Krim – oder gar anderswo auf der Ukraine – kommt. Während russische Truppen offenbar schon seit einigen Tagen auf der Halbinsel in Bereitschaft verharren, lieferte die neue Führung in Kiew dem Kreml schon Vorwände, die als Einladung zur Intervention interpretiert werden können – wenn man denn so will. Der Plan etwa, Russisch als zweite Amtssprache in der Ukraine abzuschaffen, hat viele verärgert – nicht nur auf der Krim.

Putins Propagandamaschinerie dreht sich derweil weiter: Ein Affront war für ihn die gesamte ukrainische Revolution, antirussisch in ihrem Kern. Und die Schuld daran gibt er dem Westen, der nach seinem Verständnis seinen Einfluss auf die Ukraine ausgedehnt hat, um Russland zu schaden. Dafür sollen USA und Europäische Union jetzt ihre Quittung erhalten.

Für Putin unverzichtbar

Degradiert zu Statisten in Putins Drehbuch durften westliche Machthaber zuschauen, wie Russland die Krim – bisher rein rhetorisch – unter ihre Kontrolle brachte. Jetzt stehen sie vor vollendeten Tatsachen, scheinen unfähig, auf die Aggression aus dem Osten zu reagieren. Es bleibt abzuwarten, was die Beratungen von EU und UNO-Sicherheitsrat ergeben. Sollte Russland tatsächlich auf der Krim einmarschieren, wäre dies ein Bruch internationalen Rechts, es würde die Beziehung zum Westen grundlegend und auf lange Sicht hin verändern. Und auch für Putin steht viel auf dem Spiel: Als Transitland für russisches Gas in den Westen ist die Ukraine unverzichtbar. Doch der russische Präsident scheint bereit zu sein, alles auf eine Karte zu setzen – welche Folgen das hat, ist ihm schlichtweg egal.

Erstellt: 01.03.2014, 22:04 Uhr

Anna Jikhareva ist Redaktorin beim «Tages-Anzeiger». (Bild: TA)

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