Putins Rhetorik des Wahnsinns

Das russische Staatsfernsehen zeigte den Präsidenten in einer neuen Rolle als Feldherr.

Grösster Geheimagent aller Zeiten: Wladimir Putin.

Grösster Geheimagent aller Zeiten: Wladimir Putin. Bild: Keystone

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Zum Handwerk eines Agenten gehört es, in unterschiedliche Rollen schlüpfen zu können. Mal tritt Wladimir Putin als Grosswildjäger auf, mal als Vogelschützer, mal als Rocker, mal als frommer Christ. Während russische Spezialkräfte in Uniformen ohne Kennzeichen vor einem Jahr die ukrainische Halbinsel Krim ­besetzten, spielte er das Unschuldslamm. Das seien ­alles besorgte Bürger, die ihre Heimat vor den Faschisten aus Kiew beschützen müssten. Diese Rolle spielt Putin immer noch, wenn es um den Krieg im ­Osten der Ukraine geht, der bereits mehr als 6000 Menschen das Leben gekostet hat: Ich habe damit nichts zu tun, ­verhandelt bitte mit den Aufständischen!

Der zweistündige Dokumentarfilm, den das russische Staatsfernsehen am Sonntagabend ausstrahlte, zeigt Putin in einer ganz neuen Rolle, in der ihn auch das russische Publikum bisher nicht kannte: ­Putin als Oberkommandierender, der eine gewaltige Militäroperation zu Wasser, zu Lande und in der Luft koordiniert und dabei alle überlistet. Wenn nicht grösster Feldherr, so zumindest grösster Geheimagent aller Zeiten.

Die Argumentationskette des Kreml

Der Film enthält noch eine zweite Botschaft: Putin bekennt freimütig, er habe in Erwägung gezogen, die Atomwaffen gefechtsbereit zu machen, um notfalls ­damit die Krim zu verteidigen. Man muss sich die Argumentationskette des Kreml vor Augen führen, um sich den Wahnsinn dieser Aussage klarzumachen. Sie lautet so: In Kiew haben Faschisten gewaltsam die Regierung gestürzt. Nun wollen sie der russischsprachigen Bevölkerung auf der Krim an den Kragen. Um sie zu schützen, schliessen wir die Halb­insel an Russland an und drohen jedem, der nicht einverstanden ist, mit der Atombombe. So leichtfertig hat während des Kalten Krieges nie eine Seite mit der Idee gespielt, die schrecklichste Massenvernichtungswaffe einzusetzen.

Man kann das als Rhetorik abtun. Aber Rhetorik in diesem Stil ist immer häufiger aus Moskau zu hören. Zusammen mit fortschreitender Abkapselung von der Welt, Wehrertüchtigung in Hochschulen und Betrieben und der unablässigen Warnung vor äusseren und inneren Feinden fügt sich das zum Bild von einem Land, das sich auf einen grossen Krieg vorbereitet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.03.2015, 22:35 Uhr

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