Ukraine

Putins gefährlichster Mann in der Ostukraine

Der selbst ernannte «Volksbürgermeister» von Slowjansk herrscht wie ein Warlord.

Hat Slowjansk fest im Griff: Wjatscheslaw Ponomarjow vor den Medien. Foto: Getty Images

Hat Slowjansk fest im Griff: Wjatscheslaw Ponomarjow vor den Medien. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mehrere hohe russische Beamte sowie zahlreiche ukrainische Separatisten dürfen ab sofort nicht mehr nach Europa reisen. Wjatscheslaw Ponomarjow steht nicht auf der Sanktionsliste. Dennoch hat sich der Herrscher von Slowjansk gestern mit der EU angelegt und unverblümt die sieben entführten OSZE-Beobachter als Druckmittel eingesetzt. Er werde erst wieder über die Freilassung dieser «Kriegsgefangenen» verhandeln, wenn Brüssel seine Sanktionen zurücknehme, sagte er.

So ist also die Lage in der Ostukraine: Ein Milizen-Chef mit zwei Goldzähnen und Kapuzenpullover sitzt in einer besetzten Stadt und erpresst die Europäische Union. «Er ist vollkommen durchgedreht», sagt Präsidentschaftskandidat Petro Poroschenko über ihn. Wie es aussieht, ist diese Einschätzung nicht allzu weit von der Realität entfernt.

Ponomarjow hat sich zum «Volksbürgermeister» ausrufen lassen. Vor einigen Wochen war er aus dem Nichts aufgetaucht und übernahm das Kommando. Seither befehligt er Hunderte schwer bewaffnete Männer, die sich auch schon Gefechte mit der ukrainischen Armee geliefert haben. In Slowjansk verhängte er eine Ausgangssperre.

Leise Kritik aus Moskau

Wer Ponomarjow trifft, erlebt einen Mann, der vor Selbstbewusstsein fast platzt. Er nuschelt leise, aber unablässig. Zuweilen wird er unflätig. Besonders gern schimpft er über die «faschistische Junta» in Kiew. In Slowjansk, liess er kürzlich verlauten, seien bloss 40 Personen kritisch eingestellt gegenüber seiner Führung. Man werde sie «wie Affen behandeln, zu denen man in den Zoo geht, um sie sich anzugucken».

Über seine Herkunft ist nicht viel bekannt. Der 48-Jährige soll in Slowjansk eine Seifenfabrik geleitet haben. Seine Mutter ist Ukrainerin, sein Vater Russe. Als junger Mann diente er angeblich der Sowjetarmee in Afghanistan. Er selbst beziffert die Kampfkraft seiner Truppe auf 2500 Mann, darunter auch Freiwillige aus Russland. Nach eigenen Angaben hat Ponomarjow keinen Kontakt zu russischen Militärs oder Politikern. Er macht aber kein Geheimnis daraus, dass er Wladimir Putin verehrt. Er bat den Kreml-Chef schon, russische Truppen nach Slowjansk zu schicken.

Freilich ist es ihm auch so gelungen, die Stadt in einen eisernen Griff zu bekommen. Einwohner berichten von Einschüchterungen. Zahlreiche Menschen sind verschwunden, bis zu 40 Personen sollen in «Haft» sein. Drei entführte angebliche Agenten des ukrainischen Geheimdienstes präsentierten Ponomarjows Leute wie Trophäen der russischen Presse. Die Männer hatten blutverschmierte Köpfe, mit Klebeband verdeckte Augen und sassen in Unterhosen da. Auch Leichen mit Folterspuren tauchten in der Stadt schon auf.

Angesichts solcher Exzesse fragen sich erste Stimmen in Moskau, ob hier etwas aus dem Ruder gelaufen ist. «Die prorussischen Aktivisten haben ihr Vorgehen geändert», schreibt etwa das Internetportal Gazeta.ru in einem Leitartikel. «Zunächst besetzten sie bloss Häuser und demonstrierten, inzwischen nehmen sie Geiseln, foltern und propagieren Lynchjustiz. Es wäre», schreibt das zwar liberale, aber indirekt vom Kreml kontrollierte Medium weiter, «an der Zeit, dass Russland seine Sympathien für diese Leute wenigstens etwas abschwächt.» Sonst müsse der ukrainische Osten möglicherweise bald nicht vor den angeblichen «Faschisten» in Kiew beschützt werden, sondern vor den Leuten, die das russische Staatsfernsehen bis heute als «friedliche Demonstranten» bezeichne.

Unbekannt ist, ob auch in der russischen Führung Zweifel entstehen an den «Verbündeten» in der Ostukraine. Das Aussenministerium reagierte zwar gestern erneut harsch auf die Verschärfung der westlichen Sanktionen. Europa solle sich «schämen», heisst es in einer Mitteilung, weil es sich von den USA zu diesen «unfreundlichen» Gesten habe drängen lassen. Gleichzeitig kamen gestern erstmals seit Wochen versöhnliche Töne aus Moskau. Verteidigungsminister Sergei Schoigu erklärte, die russischen Truppen hätten sich von der Grenze zur Ukraine zurückgezogen. Grund sei die Zusicherung aus Kiew, nicht gegen «unbewaffnete Zivilisten» im Osten des Landes vorzugehen.

Falls das stimmt, würde das deutlich Druck aus der Konfliktregion nehmen. Die russische Streitmacht in Sichtweite der Grenze hat es Leuten wie Ponomarjow erst ermöglicht, ihre Gewaltherrschaft zu errichten. Eine unabhängige Bestätigung des angeblichen russischen Abzuges gab es zunächst aber nicht. Sowohl die Nato wie auch die ukrainischen Behörden erklärten, es lägen noch keine entsprechenden Hinweise vor.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.04.2014, 07:26 Uhr

Artikel zum Thema

Neue Sanktionen gegen sieben Putin-Vertraute

Die USA verschärfen ihre Sanktionen gegen Russland, mehrere Regierungsmitglieder dürfen nicht mehr in die Vereinigten Staaten einreisen. Auch die EU weitet ihre Liste aus. Mehr...

Timoschenko fordert Nato-Beitritt der Ukraine

Die Ukraine muss sich vor russischer Aggression schützen. Dieser Meinung ist Präsidentschaftskandidatin Julija Timoschenko. Sie ist deshalb überzeugt: Die Ukrainer sind für einen Nato-Beitritt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Wintereinbruch: Schafe grasen im Schnee nahe Loch Tay Perthshire, Schottland, Grossbritannien (10. Dezember 2017).
(Bild: Russel Cheyne) Mehr...