Putins hybrider Krieg und die Schweiz

Der deutsche Journalist Boris Reitschuster beschreibt in seinem Buch, wie Moskau – in alter KGB- und Stasi-Manier – den Westen destabilisieren will. Auch die Schweiz ist betroffen.

Wladimir Putin während einer Livesendung in Moskau. (14. April 2016)

Wladimir Putin während einer Livesendung in Moskau. (14. April 2016) Bild: Mikhail Klimentyev/Keystone

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Wladimir Putin will seinen Einfluss auf Deutschland ausweiten. Das behauptet ein neues Buch des Russland-Kenners Boris Reitschuster mit dem Titel «Putins verdeckter Krieg». Systematisch versuche der russische Präsident, deutsche Politiker auf seine Seite zu ziehen. Darüber hinaus führt Reitschuster eine Vielzahl von Beispielen an, wie Europa mit verdeckten Operationen destabilisiert werden solle.

In einem Interview in der jüngsten Ausgabe von «Das Magazin» des «Tages-Anzeigers» spricht der Buchautor über einen hybriden Krieg, den Russland gegen den Westen führe. Dabei stütze sich Moskau auf drei Pfeiler: auf die Unterwanderung der Gesellschaft, auf die Korrumpierung der Eliten und auf den Informationskrieg.

Reitschuster nennt Deutschland als Schlüsselfaktor für Russlands «geheimen Krieg»: Kurzfristiges Ziel sei es, Angela Merkel zu stürzen oder stark zu schwächen. «Denn Merkel ist der Dominostein, der darüber entscheidet, ob die Russlandsanktionen verlängert oder aufgehoben werden. Langfristig will Putin die EU in ihrer jetzigen Form zerstören und in eine eurasische Organisation überführen, die von Russland dominiert wird», so Reitschuster.

Manipulierte Parteien und Politiker

Reitschuster, der von 1999 bis 2015 das Moskauer Büro des Nachrichtenmagazins «Focus» geleitet hatte, äussert sich zu Russlands Einflussnahme, indem es Oppositionsparteien und Bewegungen –wie die Pegida – in einem anderen Land unterstütze, um sie zu instrumentalisieren. Auch versuche Moskau die öffentliche Meinung zu manipulieren, etwa indem man Journalisten und Politiker umwerbe. Als Beispiel nennt Reitschuster Horst Seehofer von der CSU: Dem bayrischen Ministerpräsidenten bereitete eine notleidende Raffinerie in Ingolstadt, in seinem früheren Wahlkreis, grosse Sorge. «Jedenfalls fand sich wundersamerweise ein Käufer», so Reitschuster.

Nach der Insolvenz des Schweizer Betreibers Petroplus übernahm der Rohstoff- und Energiehändler Gunvor im Mai 2012 den oberbayerischen Betrieb mit seinen 400 Mitarbeitern. Laut Branchenkennern investierte die Firma Gunvor, die zu einem grossen Teil dem Oligarchen und Putin-Vertrauten Gennadi Timtschenko gehörte und laut Insidern bis heute von ihm kontrolliert werde, einen dreistelligen Millionenbetrag. «Höchst bedenklich – besonders wenn man sieht, dass Seehofer völlig auf Moskau-Kurs geschwenkt ist», so Reitschuster.

In der Honigfalle

In einer Stellungnahme bestreitet die Firma Gunvor eine Beteiligung Putins an der Ölhandelsfirma (siehe Infobox). In Geheimdienstkreisen, so schreibt Reitschuster, gilt Putin aber als der eigentliche Eigentümer der Raffinerie. Sie sei gezielt gekauft worden, um damit auf Seehofer einzuwirken. Ähnliches habe sich auch in Brandenburg, «wo mit Matthias Platzeck (SPD) ein ausgesprochener Putin-Versteher an der Macht war», mit einer grossen Raffinerie ereignet.

Reitschuster spricht dabei von Honigfallen: «Ein russischer Begriff: Man lockt jemanden mit materiellen Anreizen in eine Falle, wo er dann kleben bleibt.» Nicht alle sogenannten Putin-Versteher seien gekauft, so Reitschuster: «Dennoch ist es auffällig, wie viele Fürsprecher Putin in Deutschland hat. Zum Vergleich: Mir ist kein prominenter Erdogan-Versteher bekannt.»

Für Reitschuster handelt es sich um Methoden, die schon die Sowjetunion und die DDR angewendet haben. Putin, der ehemalige KGB-Agent, habe die Methoden lediglich modernisiert und vor allem auch mit Nutzung des Internets und mit neuen Technologien wieder aufleben lassen.

Putins Kampftruppen – auch in der Schweiz

Auch die Schweiz sei von Putins hybridem Krieg betroffen, sagt Reitschuster. Sie spiele beim Aufbau von geheimen Kampftruppen in Westeuropa eine besondere Rolle. «Als Tarnung für die Truppen dienen Clubs, wo der russische Kampfsport Systema praktiziert wird. Die Instruktoren sind meist ehemalige Kämpfer russischer Sondereinsatzkommandos.» Aus diesen Clubs würden interessante Leute – mit Bezug zu Russland – angeworben. Bis zu 250 Leute bekämen in Moskau eine entsprechende Ausbildung im Untergrundkampf.

Angefangen habe alles in der Schweiz: «Systema hat in der Schweiz begonnen und sich via Konstanz nach Deutschland ausgebreitet», so Reitschuster.

Ein kleines, neutrales Land wie die Schweiz sei ideal für den Aufbau solcher Geheimdienstoperationen, erklärt Reitschuster. «Ich habe mich zunächst auch gewundert, dass die massivste Kritik an meinen Büchern immer aus der Schweiz kam. Inzwischen bin ich sicher, dass dies nicht etwa daran liegt, dass die Schweizer besonders Putin-freundlich sind, sondern dass es mit diesen Geheimdienstoperationen zusammenhängt.» Das sei für die Schweiz als kleines, anfälliges Land eine grosse Gefahr, so die Warnung des Russland-Kenners. (nag)

Erstellt: 18.04.2016, 12:14 Uhr

Putins hybrider Krieg und die Schweiz

Die Erklärung der Firma Gunvor vom 18. April 2016

Die von Ihnen erwähnte Vermutung durch den «Kreml-Experten» Boris Reitschuster, dass der russische Präsident Wladimir Putin in irgendeiner Form an der Ölhandelsfirma Gunvor (und damit auch an der Raffinerie Ingolstadt) mit Sitz in der Schweiz beteiligt gewesen sei oder ist, entbehrt jeder Grundlage. Wir halten fest, dass Präsident Putin über keine wirtschaftlichen oder sonstigen Eigentumsrechte an Gunvor verfügt und auch in der Vergangenheit niemals verfügte. Er ist kein Begünstigter von Gunvor oder der Aktivitäten der Gesellschaft. Jede anderslautende Annahme ist fundamental falsch und empörend.

Herr Guennadi Timtschenko war Mitbegründer und zu gleichen Teilen Miteigentümer der Firma (Herr Timtschenko hatte keine operative Funktion) mit dem Schweden Torbjörn Törnqvist, Gunvors CEO, bevor er am 19. März 2014 seine Anteile an Herrn Torbjörn Törnqvist verkaufte. Die restlichen Anteile werden von den leitenden Angestellten von Gunvor gehalten, hauptsächlich Schweizer, Franzosen, Holländer, Engländer und Amerikaner.

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