Putins inoffizielle Syrien-Söldner

Die Verluste der russischen Streitkräfte in Syrien sind viel höher, als Moskau zugibt.

Russische Soldaten tragen den Sarg mit ihrem Kameraden Wadim Kostenko. Laut offiziellen Angaben verübte er im Einsatz in Syrien Suizid (28. Oktober 2015). Foto: Reuters

Russische Soldaten tragen den Sarg mit ihrem Kameraden Wadim Kostenko. Laut offiziellen Angaben verübte er im Einsatz in Syrien Suizid (28. Oktober 2015). Foto: Reuters

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Nach Recherchen der regierungskritischen Mediengruppe RBK verschleiert der Kreml im Syrienkrieg die wahre Zahl der Opfer in den eigenen Reihen, indem private Kampfverbände eingesetzt werden, die formal nicht dem Verteidigungsministerium unterstellt sind. Sie sollen aber in enger Verbindung mit dem russischen Militärgeheimdienst GRU operieren.

Ehemalige Söldner schätzen die Zahl der Gefallenen in Syrien auf «mindestens 100». Von Spezialoperationen wie etwa bei der Einnahme Palmyras im März kehre einer von dreien nicht zurück, jeder Zweite werde verwundet, zitiert RBK einen nicht namentlich genannten Kämpfer. In den elf Monaten seit dem 30. September 2015, als Russland in den Krieg eintrat, hat das Verteidigungsministerium nur 20 tote Soldaten gemeldet. Ausserdem seien drei Helikopter und ein Flugzeug abgeschossen worden.

Russische Piloten in einer Tu-22M3 fliegen in Syrien einen Einsatz gegen den IS (18. August 2016). Foto: Keystone

Die russische Privatarmee in Syrien soll bis zu zweieinhalbtausend Mann stark sein und sich auf einem Übungsplatz des Militärgeheimdiensts im Süden Russlands auf ihre Einsätze vorbereiten. RBK beruft sich auf mehrere Informanten aus dem Geheimdienst, dem Verteidigungsministerium sowie auf ehemalige Kämpfer und zivile Mitarbeiter der Einheit. Ausserdem lässt sich aus öffentlichen Ausschreibungen des Verteidigungsministeriums schliessen, dass dort ein Lager aufgebaut wurde. In Internetforen ehemaliger Soldaten wird immer wieder die Frage behandelt, wie man sich der «Gruppe Wagner» anschliessen könne, so der inoffizielle Name.

Russland verbietet Privatarmeen

Als Vorbild für die Privatarmee könnte die US-Firma Academi gedient haben, besser bekannt unter ihrem alten Namen Blackwater. Nach den Operationen in Afghanistan und im Irak setzte Washington dort mehr private Kämpfer als reguläre Truppen ein. Allerdings gibt es in Russland eine Besonderheit: Dort sind Privatarmeen per Gesetz verboten. Die Teilnahme an bewaffneten Konflikten auf dem Gebiet eines anderen Staates wird laut Paragraf 359 mit bis zu sieben Jahren Haft bestraft. Auf das Werben, Trainieren und Finanzieren solcher Gruppen stehen bis zu 15 Jahre.

RBK kommt indes zum Ergebnis, dass die Gruppe Wagner als eine Art Public-Private-Partnership von Geschäftsleuten und Verteidigungsministerium betrieben wird. Spuren führen etwa zu dem Petersburger Unternehmer Jewgeni Prigoschin, dessen Firma Konkord Kantinen und Reinigungsfirmen für die russische Armee betreibt. Prigoschin wurde 2014 über Russland hinaus als Financier der sogenannten Petersburger Troll-Fabrik bekannt, deren Angestellte gegen Geld die Meinung in sozialen Netzen beeinflussen.

Anonyme Kräfte in der Ukraine

Das russische Verteidigungsministerium liess Anfragen von RBK zu dem Thema unbeantwortet. In der Vergangenheit hatte das Ministerium Berichte über Söldnerarmeen in Russland als Provokation abgetan. Darüber, dass private Söldner für gewisse Zwecke nützlich sein können, wird in Russland indes schon länger nachgedacht. Zuletzt scheiterte im Frühjahr ein Parlamentsabgeordneter mit dem Vorstoss, Privatarmeen zuzulassen, mit dem Verweis auf die Verfassung, die ebenfalls den Aufbau bewaffneter Verbände verbietet. Im Frühjahr 2012 sagte Wladimir Putin, damals russischer Premierminister, Privatarmeen «können tatsächlich ein Instrument sein, um nationale Interessen durchzusetzen, ohne dass der Staat direkt beteiligt ist».

Bei der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim und beim Start des Krieges in der Ostukraine hatten scheinbar unabhängig operierende Kämpfer ohne militärische Erkennungszeichen eine Schlüsselrolle gespielt. Die Gruppe Wagner wurde dem Bericht zufolge jedoch erst nach diesen Ereignissen aufgebaut.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2016, 07:40 Uhr

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