Putins schmutzige Waffe

Er stellt Söldnertruppen zusammen, beliefert die Aufständischen mit Waffen und tötet gezielt: Der russische Militärgeheimdienst GRU mischelt in der Ostukraine mit. Und deutet auf Moskaus künftige Kriegsführung.

Mögliches GRU-Mitglied: Ein Bewaffneter im ostukrainischen Luhansk.

Mögliches GRU-Mitglied: Ein Bewaffneter im ostukrainischen Luhansk. Bild: Keystone

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Zunächst waren da diese rätselhaften Soldaten auf der Krim. Sie trugen einheitliche Uniformen und waren mit russischen Sturmgewehren bewaffnet. Sie riegelten Flughäfen ab und errichteten Strassensperren auf der ganzen Halbinsel. Das war Ende Februar 2014. Einige Wochen später hatte Russland die Krim annektiert. Heute ist klar: Die nicht identifizierten Einheiten gehörten zum russischen Militärnachrichtendienst, Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije, kurz GRU. Wie das Magazin «Foreign Policy» schreibt, plante der GRU nicht nur die Krim-Aktion und wickelte sie ab, sondern spielt seither auch im Aufstand der prorussischen Separatisten in der Ostukraine eine zentrale Rolle.

Waffenlieferungen und ein Militärführer

So arbeiten offenbar zahlreiche GRU-Mitglieder daran, Waffen und Kampfbereite aus Russland für die Separatisten in die Ostukraine zu schleusen. GRU-Agenten sollen auch gezielte Tötungen ausgeführt haben. Zudem gilt Igor Girkin, der unter dem Pseudonym Igor Strelkow als Militärführer der selbst ernannten Volksrepublik Donezk waltet, als aktiver oder ehemaliger Agent des GRU. Seine Befehle soll er laut dem Magazin direkt von der Zentrale des Militärnachrichtendienstes erhalten. Die Europäische Union führt ihn auf ihrer Sanktionsliste als «identifiziertes Mitglied des GRU» auf.

Hinweise auf eine mögliche Tätigkeit des GRU gab es aber schon im Mai 2014. Damals nahm das sogenannte Bataillon Wostok das Stadthaus von Donezk ein. Dabei soll es sich um eine Einheit von tschetschenischen Kämpfern handeln, die bereits Ende der 90er mit der Unterstützung der GRU im zweiten Tschetschenien-Krieg aktiv war.

Zurück vom Abstellgleis

Der Kreml hatte den GRU ab 1992 für Aktionen in den ehemaligen Sowjetrepubliken eingesetzt. Zwischenzeitlich war er gar Russlands grösster Geheimdienst. Niederlassungen in russischen Botschaften weltweit, ein Netzwerk von Agenten, neun Brigaden von Spezialeinheiten, genannt Speznas. Doch in Zeiten von Cyberkrieg und Ölpolitik schien die Organisation je länger, desto ungeeigneter für Einsätze im nahen Ausland. Die übereifrige und grobe Vorgehensweise der GRU-Teams war nicht mehr gefragt. Oder aber Speznas versagte, wie dies etwa bei der Georgien-Invasion 2008 der Fall gewesen sein soll.

Die Tatsache, dass der Kreml 2003 den Einsatzbereich des Inlandgeheimdiensts FSB auf das umliegende Ausland ausweitete, soll auf den zunehmenden Vertrauensverlust in den GRU zurückzuführen sein. So zumindest sehen es Insider, mit denen «Foreign Policy» sprach. Zuletzt folgten drei Kommandantenwechsel innert dreier Jahre und Budgetkürzungen. Die Botschaftsniederlassungen wurden weniger, Speznas-Soldaten wurden zur regulären Armee umgeteilt. Ende 2013 war der Militärnachrichtendienst beinahe am Ende.

Zukunft der russischen Kriegsführung

Mit dem Einsatz in der Ukrainekrise scheint der Abstieg des Militärnachrichtendienstes aufgehalten. Mehr noch: Der Einsatz des GRU in der Ukraine ist laut «Foreign Policy» ein Hinweis darauf, wie Russland auch in künftigen Konflikten operieren könnte. Der Kreml dürfte kaum Interesse an offenen militärischen Auseinandersetzungen haben. Stattdessen wird er wohl vermehrt auf einen nicht-linearen Krieg à la Ukraine setzen – mit verdeckten Aktionen, präzis eingesetzter Gewalt und strikter Verneinung des Ganzen. Das russische Generalstabsmitglied Waleri Gerasimow hatte offenbar schon letztes Jahr in einem Militärmagazin auf diese Kriegstaktik der Zukunft hingewiesen. «Wir setzten eine Bandbreite von politischen, wirtschaftlichen, humanitären Massnahmen ein. Kombiniert mit verdeckten militärischen Aktionen.»

Somit dürfte auch der GRU in solchen Konfliktszenarien eine zentrale Rolle spielen. Der Militärnachrichtendienst verfügt über das Personal, um Desinformation zu betreiben, gezielte Tötungen durchzuführen und ähnlich wie in Tschetschenien oder der Ukraine Söldnereinheiten zusammenzustellen. Mögliche Einsatzgebiete gibt es zur Genüge. So vermutet man, dass Moskau in absehbarer Zeit auch seinen Einfluss in Kasachstan ausweiten könnte. Auch dort lebt eine russische Minderheit, auch dort soll der GRU als Nachrichtendienst aktiv sein. (kpn)

Erstellt: 08.07.2014, 18:16 Uhr

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